Wofür steht nochmal das C in CDU?

Rückbesinnung Eine CDU, die sich tatsächlich auf ihre christlichen Werte besinnen würde, sollte hereinbitten statt auszugrenzen.
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So wie Fermats letzter Satz, ist auch folgende Gleichung nur eine Randnotiz in einem geschichtsträchtigen Dokument: „Liberal + konservativ + christlich-sozial = CDU“. Das Dokument? Der Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der CDU, eine Besinnung auf Werte, mit denen uns die vermeintliche Volkspartei der Mitte Richtung 2030 lotsen will. Denn als Christdemokraten gestalten sie Zukunft „nicht irgendwie, sondern auf dem festen Fundament bleibender Werte“. Wertkonservativismus eben.

Doch was sind denn eigentlich diese Werte, von denen da die Rede ist? Der dritte Summand gibt uns Aufschluss: christlich-sozial. Christlich? Da könnte ich ja glatt mal wieder einen Blick in die Bibel werfen! „Sorgen drücken einen Menschen nieder, aber freundliche Worte richten ihn wieder auf.“ Das klingt irgendwie nach „Wir schaffen das!“-Politik. Anscheinend finde ich hier tatsächlich einige Werte der CDU. „Dann geh auf die Landstraßen und an die Zäune draußen vor der Stadt, wo die Landstreicher sich treffen, und dränge die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird!“ Landstreicher*innen waren in Ständegesellschaften Menschen, denen ihre Ausgrenzung aus der ansässigen Gesellschaft, ihre Armut und fehlende Schulbildung, eine damit einhergehende zeitweise oder dauerhafte Erwerbsmigration in ökonomischen Nischen und der auf den Menschen liegende mehrheitsgesellschaftliche Verdacht der Delinquenz gemeinsam war. Das spuckt mir zumindest Wikipedia nach schneller Recherche aus (alles geht ja heutzutage schnell). Delinquenz sagt mir spontan nichts, aber der Rest kommt mir doch bekannt vor. Auch die Zäune kommen mir bekannt vor. Sie stehen nur nicht draußen vor der Stadt, sondern thronen ganz weit draußen um die Festung Europa herum. Hereindrängen soll ich die dadurch ausgegrenzten Menschen also. Drängen will ich sie vielleicht nicht, aber hereinkommen sollen sie gern, auf dass mein Haus voll wird! Das klingt irgendwie nach „the more the marrier“- Politik. Komisch. So kenne ich die CDU gar nicht.

Was wäre ein Grundsatzprogramm schon, wenn es auf solche Unbehagen keine Antwort finden würde: „Wir […] verkaufen keine Träume, keine Ideologien, keine Utopien. Wir machen Politik.“ Keine Utopien also? Ich hatte immer gedacht, dass der Himmel und das Paradies, der Garten Eden, genau das sind. Utopien. Menschen sind dort erlöst, alles Leid in der Welt ist dort verflogen, hatte ich immer gedacht. Das würde bedeuten, dass sich eine tatsächlich wertkonservative CDU auf diese Werte besinnen müsste. Leid in der Welt lösen, die Menschen an den Grenzen der Stadt hereinbittet, nicht dafür sorgen, dass die Bundespolizei (womöglich) in Push-backs involviert ist. „The more the marrier“, statt „wir schaffen das“. Aber Utopien wollt ihr ja nicht, vielleicht solltet ihr dann konsequenterweise das C aus eurem Namen streichen. „Das C reduziert Menschen nicht; es schätzt sie wert. Die Würde des Menschen kennt keine Staatsbürgerschaft. Deshalb stehen wir global für sie ein.“ Was bleibt übrig von einer CDU, die anscheinend ihr eigenes C vergessen hat?

15:39 13.12.2020
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Geschrieben von

Ashley Silverware

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