Die Welt ist seltsam und voller Enten

Biopolitologie Politik blüht und sprießt. Die Ente ist sicher: nur ein Beispiel. In ihrer stupiden Konformität wirkt sie aber eher abstoßend.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://imageshack.com/a/img537/4281/wbhB3T.jpg

Die politische Öffentlichkeit ist voller Biologie.

Angefangen von "Bambus", "Eiche" und "Leitwolf" (Grass? Weselsky?) über "Spritze", "Genesung" und dem "kranken Mann" (in wechselnder Besetzung), bis hin zu "Wildsau", der "Kuh vom Eis", "Heuschrecken" und einem "Problembär außer Rand und Band" (oder eher "Hamster"?): Biologische Metaphern sind in politischen Kontexten allgegenwärtig. Natürlich kommt darin auch eine "Birne" vor (noch immer nicht aufgegessen). Aber trifft Kohl überhaupt auf diese Beschreibung zu?

"...pfälzischen Zwetschgenkuchen, deutsche Apfeltorte, Wellfleisch, Bratwurst, Schlachteplatte, Nudeln, Tortellini und Spaghetti bolognese. Er ist nun mal kein Rohköstler, unser Kanzler, es sei denn, roher Schinken gelte als Diät. Alles in allem hat ihm sein gesunder Appetit ein Lebendgewicht von 116 Kilogramm eingetragen. ... Herr Dr. Kohl imponiert ... mit einer schwungvoll konturierten Leibesfülle, die unter Kennern und zu Recht "harmonische Fettsucht" heißt: Der Speck verteilt sich ganz gleichmäßig, in diesem Fall auf 193 Zentimeter Körperlänge. Deshalb hat der Mann ein schönes breites Kreuz und überall ein dickes Fell, beides braucht er ja auch. Brust und Bauch bilden ein sanft gewölbtes Kontinuum. Wenn er durch die Diele stapft, sehr aufrecht und immer so, als hätte er ein festes Ziel, geraten die Holzbohlen in dumpfe Vibration", meint Hans Halter dazu 1984 im "Spiegel".

Doch genug von den Laste(r)n der Vergangenheit - hin zu denen der Gegenwart! Über Angela Merkel stellt Tina Hildebrandt neulich in der "Zeit" fest, die Distanzierung von Kohl 1999 in der "FAZ" sei eines der wenigen Beispiele für "klare Interventionen" der "Gerne-Schweigerin". Denn: "Wenn man sich über die Identität einer Sache oder einer Person unsicher ist, empfiehlt sich der sogenannte Ententest: Wenn etwas aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, ist es wahrscheinlich eine Ente". Die geräuscharme "Mutti"-Merkel entspricht hier der Ente.

Die Ente nimmt in ihrer Trimedialität (Wasser, Land, Luft) das kapitalistische Dogma der Flexibilität voraus, das den Gegenwartsmenschen knechtet. An Land wirkt sie: langsam, schwerfällig. Sie empfängt Almosen (Brotkotze aus Rotzekinderhänden). Sie ist süß, aber nur in jungen Jahren. Schon da hat sie nichts Individuelles; uniform ist sie und läuft strikt in Reihe. Sie ist lächerlich (siehe nur Donald Duck). Sie ist doof. Man bäckt, brät, krustet sie, bedeckt sie mit Soße und Gemüse, dringt in ihr Innerstes vor. Nötigt, presst und quetscht sie - wodurch sie quietscht (Badewanne). Sie ist edler als das Huhn, aber nicht als die Gans, die sich immerhin zu wehren weiß. Die Ente partizipiert nicht am Diskurs, sondern schnattert und quakt. Sie kann zwar fliegen, aber weder Beton mischen noch mit Aktien handeln. Nicht zuletzt hat die Ente einen fetten Arsch.

"Mutti" entspricht verhaltens-, eigenschafts- und imagemäßig keiner klassischen Ente. Übersetzte man ihre Merkmale in tierische Maßstäbe, erhielte man wohl ein friedfertiges, Positionierungen vermeidendes (anmutiges?) Federvieh; keine "Terror-Ente". Die biologische Normalente differiert in Lautstärke, Direktheit, (fehlender) Eleganz vom Merkel'schen Pinguin. Manchmal könnte man glauben, jener stelle sich tot – das ist aber ganz normal, man ist daran gewöhnt. Verschwindet hingegen der russische Bär mal kurz von der Bildfläche, fliegen Enten ganz anderer Art durch die Gegend.

Aber kann eine solche "Mutti"-Ente überhaupt existieren? Am ehesten kommt ihr die synthetische Entenform nahe: die Badeente.

Solche Enten-Angies kann man (theoretisch) ganz einfach bei "Amazon" bestellen, zumindest, wenn sie "verfügbar" sind. Anscheinend übersteigt jedoch die Nachfrage das Angebot. Dafür gibt es Freud-, Mozart- und Queen-Enten und eine AM-Zitronenpresse, auf der den Betrachter eine recht zerdröppelte, zerdrückte, zersäuerte Pressmerkel anschaut.

Politik wird kultig und ihre Protagonisten zu ulkigen Merchandising-Objekten: Merkel-Eierwärmer, Merkel-Katzennäpfe, Merkel-Knoblauchpressen? Wann wird uns in dieser Logik Werbung – vielleicht für "H&M", "KitKat", "Manufactum", "Prinzenrolle" – der Markenbotschafterin "Mutti" erreichen? Diese beißt übrigens – Gabel statt Schnabel – selbst gerne in die Ente.

Wer im geflügelten Metaphernrauschen neben Presse- und Merkelenten noch auftaucht, ist die "lame duck". Mit ihrer Hilfe wird (vornehmlich) US-Präsidenten Handlungsunfähigkeit attestiert oder sie beschrieben, z.B. bei Bush und Obama [1, 2, 3, 4].

In innenpolitischen Kontexten wird die Ente zum Opfer. Selbst im Jenseits, durch Blasrohrpfeile gematert, überschattet sie jeden Skandal, auch die Abhör-"Pilze" von Bad Aibling.

Die Ente ist, aber auch nicht mehr. Sie läuft mit. Die hysterische, unterwürfige Entenverehrung früherer Tage (Loriot, Rainer Bürzel) darf daher keine Zukunft haben.

23:16 19.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community