Fahren wir im Kreis fahren wir

Defekt Defekt sind wir. Oder kaputt. Oder matsche. Oder im Arsch. Also ausgefallen. Oder verspätet. Oder verlegt oder verklebt. Nicht mehr zu retten. Für immer und ewig: Bahn.
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Die sommerliche Euphorie des Bahnfahrers, naiv, wie er ist: Freut sich, im bequemen Amalgamsessel durch die Lande gebrumst zu werden, in der Hand die "mobil", an der er sich zehneinhalb Stunden sattliest. Til Schweiger hatte getwittert, dass er zwei kaputte ICEs reparieren lässt, allerdings nur, wenn diese "Kackspasten!!!!" aufhören, womit auch immer, vermutlich mit ihrem Kackspastentum. Hater alle, diese Wichser.

Was ihn bewog, auszusteigen? Was ihn bewog, überhaupt einzusteigen? Bahnfahren ist nun mal, ja: kostengünstig, umweltfreundlich, abgasarm, ergonomisch, effizient, solidarisch, flexibel, schnell, bequem, planetarisch-gut. Kann man schön nebenbei fünf Käseburger futtern, ja - das kann der Autofahrer nicht, während er auf die Tube drückt, auf welche Tube, fünf Streifen nebeneinander, von oben wirft ein Irrer Betonklötze von der Brücke, von unten schmilzt der Asphalt oder wird vom nächstbesten Tornado weggesaugt.

Das kann dem Bahnfahrer nicht passieren. Nein, das kann ihm wirklich nicht passieren. Besonders, wenn er eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges im Bahnhof steht und die atmende, brodelnde Großstadtmenge genießt. Kann er ja sogar den ersten Zug nehmen, Mensch. Wenigstens irgendwas haut mal hin. Also: hin zum Bahnsteig. Weg von den Deppensäuen, die mit ihrem Geblage oder ihrem braunen Hirn die Bahnfahrt unerträglich machen, die Gänge mit fetten Hintern und Gepäck verstopfen, über alles und jedes rumjammern und mit der Bahn fahren - warum? Warum nur? Ganz nach vorne, erster Wagen, da, wo sich nur die Insider stillschweigend Zugnummern durch komplexe Fingercodes zulächeln.

Zehn Minuten Verspätung: Was macht das schon? Immer noch mehr als rechtzeitig da. Was soll der Bahnfahrer nur mit der fast einen Stunde machen, die er am Ziel zu früh ankommt? Käseburger futtern und fremde Blumen gießen? Erstes Omen. Zweites Omen: Hurra, der Zug fährt ein. Fast so anmutig wie der Papst (oder der Leibhaftige? Welcher war welcher?). Die Tür geht aber nicht auf.

Ketchup ist es mit Wertarbeit, aber das ist dem Bahnfahrer wurscht. Hauptsache: rein da, durchmatschten Käseburger von heute früh futtern, Buch raus, Affe dicht. Währenddessen der Zug was macht? Nichts. Ein aufgeregter Mitmensch äußert: "Fährt der überhaupt weiter? Vorhin gab es wohl Probleme mit der Klimaanlage." Drittes Omen. Aufgeregtes Auf und Ab des Bahnreisenden, wo ist denn nun jemand mit einer roten Tasse namens "DB" auf dem Kopf zu finden? Fährt jener unglückssel'ge Reiter denn nun gar gaga nicht und wenn nein, wofür? Und der kleine Hutzel-Intercity nebenan, der verlorene zweite Zug, der gleich wegmacht? Muss er auf den Herrn Jesus ICE 70 Hamburg Altona warten? Was soll der Bahnreisende nur tun?

Red cup man (oder red cap man) hat keine Ahnung. Viertes Omen. Ok, noch ein bisschen huhnhaft Auf und Ab. Der schwarze Ritter könnte ja wegfliegen, wenn sich er, der mittlerweile ganzkörperzitternde Fernfahrer, sich zu weit von ihm entferne. Schließlich eine Durchsage: "...Klimaanlage...Frankfurt heute außerplanmäßige Endstation". Raus, raus, raus, hin zur Infotafel, natürlich am anderen Ende des Bahnsteiges. Der Intercity "Dr. Seltsam", der den neben Kassel-Wilhelmshöhe noch in Mömpelsfurt und Brilon Eismeer hält, ist auf dem besten Wege raus aus dieser Hölle! Nichts wie hin! Und nichts wie weg: Nach aufgeregtem Slalomgestürme durch die dichterbevölkerte Höllenhalle grüßen nur noch die Rücklichter hämisch.

Zurück auf dem Bahnsteig der Resignation. Knapp eine Stunde später Ersatzzug auf dem selben Gleis, sagte red cup woman. Allerdings bleibt der "blöde Hund" (hessische Mitreisende) von kaputtem Zug nun einfach im Bahnhof stehen. Die Zeit vergeht, es können Minutenstundenjahre sein, sie fließt und verschwimmt, es gibt kein "Jetzt" mehr, denn "Jetzt" ist "Gleich" und "Hier" ist "Dort", also "Nicht hier", Dingdong und die Ansagen werden immer bekloppter, zuerst Nicole von der Militärkantine, die mit Schmackes rauspresst, dass der ICE Sprinter heute auf GLEIS SIEBEN fährt, dann ständig die S1 nach Rödermarkoberrodenburgberg, immer wieder verspätet, wo fährt sie denn hin, dann einfach nur noch Dingdong, einfach so Dingdong, vielleicht ist grade eine Taufe hier, wer weiß, es ist ein Delirium, irgendwie überleben, habe ich genug Wasser dabei für die nächsten Tage, statt Zahnpasta geht auch Gleisschotter, war das nicht neulich bei "Galileo", immer wieder Wächtersbach, Rödermark, da, wo Sonnenblumen und Faschismus gedeihen, wo Thunfisch und Hundefutter sich im Fritzlkellerkindermagen sanft vermengen, wo nur die Geister hinfahren...

Er kommt! Eine Stunde zwanzig nach der "ursprünglichen Abfahrt" steht er da (allerdings nicht der ominöse Ersatzzug, sondern schlichtweg der Zug eine Stunde später, vollvoller Menschen, wie auch sonst). Und fährt wieder nicht weg. Geschenkt! "Wir sind nicht der Zug nach Berlin, wir sind nicht der Zug nach Berlin, wir sind nicht der Zug nach Berlin, wir sind..." - Nur schwach bei Bewusstsein kriegt der langsam schnellfahrende Fahrtenfahrer noch folgende Durchsage mit: "...haben wir aktuell eine Verspätung von 25 Minuten. Es können allerdings auch mehr werden, wenn wir wieder gegen eine Kuh fahren oder Pfarrer Brumsköter aus Schwiefelskirchen noch Apfelweinfässer auf dem Bahnübergang stehen hat. Gottseibeiuns..."

01:05 12.08.2015
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