Wir sind die Besseren

Bildung Generalbundesanwalt Harald Range als Stargast zum Schuljubiläum: Daran wird deutlich, welcher Geist in den Vorzeigegymnasien und im deutschen Bildungssystem herrscht.
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Rausgeputzt hat sich die Schule zu ihrem 125-jährigen Jubiläum. Ein sauber gelayouteter Veranstaltungszettel, pompöse Festschrift, ausführliches Interview des Schulleiters mit dem Stadtradio, höhere Legitimation durch "Jubliäums-Gottesdienst" - Automystifizierung.

Denn es ist ja auch so eine tolle Schule: bilingualer und mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig, "Jugend forscht", "Jugend debattiert", "Glück" als Unterrichtsfach, "Partnerschule des Leistungssports", International Baccalaureate, 300 Arbeitsgemeinschaften. Preise, Siege, Auszeichnungen. So zumindest die gewollte Außenwahrnehmung, denn viel wichtiger als die Realität ist doch der eigene Ruf. So eine Musterschule gibt es in jeder größeren deutschen Stadt - in Göttingen heißt sie Felix-Klein-Gymnasium (FKG). Eine Welt der ewig Besseren.

Generalbundesanwalt Harald Range, der Festredner zur Jubiläumsfeier am 17. Juli, passt zu diesen Werten, verkörpert Karrierismus. Einst selbst Schüler am FKG, bahnte er sich straight seinen Weg durch die Instanzen einer juristischen Beamtenlaufbahn und lernte dabei neben präziser Paragraphenkenntnis offenbar zu taktieren, planvoll Allianzen zu schmieden, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, innerhalb der Norm zu bleiben, aus Dingen Gewinn zu schlagen.

Er ist ein Symbol für das, was Schulen wie das FKG ausmacht: Die "richtigen" Eltern sollen das "richtige" Gefühl haben, wenn sie ihr - folglich richtiges - Kind auf diese Schule schicken. Mehr nicht. Diesem Kind stehen dadurch alle Möglichkeiten offen, es kann gar nicht anders, als etwas aus sich zu machen. Das Wort "richtig" ist in diesem Kontext unmittelbar mit dem Wort "Leistung" verknüpft, denn nur, wer als Schüler (und damit auch Kind seiner Eltern) genug "leistet", ist auf solchen Schulen wirklich erwünscht. Was gesellschaftlich als "Leistung" definiert wird, ist für die Generation der Erziehenden noch maßgeblich vom sozialen Status, also auch von Einkommen und Vermögen, abhängig. Das zeigt sich exemplarisch am Begriff "Leistungsträger", der in politischen Diskussionen überwiegend auf Angehörige der Geldeliten angewendet wird und Maßnahmen legitimieren soll, die ihnen zu Gute kommen.

Vorzeigeschulen wie das FKG repräsentieren den Zeitgeist, gegenwärtig also diese Vorherrschaft der extremen Mitte einer gebildeten oberen Mittelschicht, die auf neoliberalen Prinzipien basiert. Denn ihr vermeintlicher Leistungsvorsprung überträgt sich auf ihre Kinder, die auf diesen Schulen quantitativ dominieren und noch präsenter dadurch werden, dass sich die anderen Kinder ihren Symbolen und Codes versuchen anzupassen. Neben dem Klang des Nachnamens, der Erfolgsquote des elterlich angedrohten Anwalts oder dem Budget für Nachhilfelehrer sorgen für diese Ungleichheit auch schwieriger auszugleichende Faktoren wie Engagement und Wissen der Erziehenden. Und so studieren am Ende laut der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes von den Akademikerkindern etwa drei Viertel, von den Nichtakademikerkindern aber nur etwa ein Viertel. Dieser Effekt reproduziert sich mit jeder neuen Generation.

Für die der Erzogenen zeichnet sich eine Entwicklung ab, die zwar den Leistungsdruck nicht mindert, aber den Begriff "Leistung" umdefiniert und ihn nach immer objektiveren Kriterien misst. Konkret äußert sich das beispielsweise im Trend zu anonymisierten Bewerbungen und gendergerechter Sprache. Die Chancen werden so zwar gerechter verteilt, aber der, der es wagt, sie nicht "optimal" zu "nutzen", würde immer noch abgehängt werden. "Vorreiter" wären auch hier nach außen mustergültig auftretende Schulen wie das FKG.

Harald Range ist also der ideale ehemalige FKG-Schüler, denn er verdient (d.h. "leistet") mit fast 10.000 Euro monatlich laut Bundesbesoldungsordnung R von 2012 weit überdurchschnittlich, erweckt aber mitunter den Eindruck, gar nicht zu wissen, was er redet - beispielsweise als er die NSA "NASA" und "SNA-Komplex" nannte. Das kann Fragen aufwerfen: Ob er überhaupt den Unterschied zwischen NSA und NSU kennt? Ob er überhaupt weiß, wie man Akten vernichtet, was, schaut man sich das Bundesamt für Verfassungsschutz an, eine Kernkompetenz deutscher Bundesbehörden ist? Und ob ihm bewusst ist, dass NSA nicht für "Nutte, Sau, Arschloch" steht?

Aber das sind Oberflächlichkeiten, denn Range beherrscht den Umgang mit den Medien auf lange Sicht zumindest so gut, dass er sich noch immer sicher auf seinem Posten befindet. Schaffte er es schließlich, in der NSA-Affäre weitgehend untätig zu bleiben, und dennoch nicht ins Visier einer öffentlichen Debatte zu gelangen, die irgendwelche Spuren hinterlassen oder gar von Dauer gewesen wäre – seine Ermittlungen zu den systematisch ausgespähten Daten der Bundesbürger durch Geheimdienste beschränkten sich schließlich, nach ausgiebiger "Prüfung", auf das abgehörte Handy ebenjener Merkel. Eine Befragung des wichtigsten Zeugen, Edward Snowden, unterließ er; ein Verfahren eröffnete er nicht.

Nicht minder unrühmlich ist Ranges Rolle bei der Beschaffung des vollständigen Folterberichts der CIA: Im Dezember 2014 kündigte er diese zunächst an, um dann Monate später auf Nachfrage mitteilen zu lassen, dass die US-Regierung dem Vorhaben nicht zustimme. Renate Künast bezeichnete ihn daher als "Generalprüfanwalt".

Was jemand wie Harald Range Schülern erzählen soll, bleibt schleierhaft. Er füllt seine Rolle aus, funktioniert in ihr, läuft mit, und kann wohl nur vermitteln, wie man zählt, aber nicht, was zählt – genau wie viele Akteure im deutschen Bildungssystem. Warum daher nicht einen der aus Göttingen stammenden Satiriker Martin Sonneborn oder Max Goldt reden lassen, oder einen Gewinner des Göttinger Elch-Preises? Die wären Range rhetorisch wohl um einige Größenordnungen überlegen. Selbst die Stadt Göttingen hat mehr Humor als das Felix-Klein-Gymnasium, genehmigte sie nämlich die Errichtung eines Denkmals für (den ehemaligen FKG-Schüler) Robert Gernhardt in Gestalt eines onanierenden Kragenbärens ("Der Kragenbär, der holt sich munter einen nach dem anderen runter"). Oder den abgestürzten Pop-Literaten Benjamin von Stuckrad-Barre, der bei der Konkurrenz, dem Max-Planck-Gymnasium, sein Abitur ablegte und dessen Lebenserfahrung sich nicht in Kategorien wie "Dienst" und "Feierabend" einteilt? Jemanden vom Straßenmagazin "tagessatz", das (laut Selbstauskunft) in der Stadt seit fast zwanzig Jahren erscheint, soziale Missstände aufzeigt und Menschen in schwierigen Lebenslagen die Möglichkeit bietet, durch den Zeitschriftenverkauf ihr Leben wieder zu ordnen?

Aber die Wahl des Festredners hat ihre Gründe. Das Göttinger Gymnasium FKG und er gehen die perfekte Symbiose ein. Für den Juristen, der auf den Ruhestand zugeht, kommt ein Besuch bei seiner alten Schule unzweifelhaft gut. Und die hat endlich wen mit Range und Namen. Soll ihr ja schließlich niemand den Range ablaufen.

17:27 14.07.2015
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