Big Brother is Listening

Wertediskussion Überraschung! Überwachung macht Macht. Von Kontrolle, Biopolitik und dem Menschen als sich selbstverwertende Gewinnerzielungsmaschine
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Philip Glass, Koyaanisqatsi: Life Out of Balance, 1982

Big Data und die Frankensteinifizierung des Alltags

1 // Während noch vor ein paar Wochen das Abhören ihrer sie demokratisch legitimierenden Bevölkerung von unserer Bundeskanzlerin verantwortungslos heruntergespielt wurde, zeigt nun die aktuelle Aufregung über persönliche Bespitzelung unmissverständlich wo der Hammer hängt. Nebenbei wirft es auch kein besonders vertrauenserweckendes Licht auf sie und ihr Kabinett. Angela Merkel hätte wissen können, dass sie abgehört wird. Ebenso wie Barrack Obama es hätte wissen müssen, dass er unter "Freunden" abhören lässt.

Mal Hand aufs Herz: Ist noch irgendjemand überrascht? Hatten wir es nicht alle irgendwie gewusst? Es wurden ja sogar schon Bücher darüber geschrieben. Und unzählige, großartige Blogs hier im Freitag:

i) Wie der von Hans Springstein "Die NSA darf das – Angela Merkel empört sich darüber, dass sie ausgespäht wurde. Dabei gibt es seit Bestehen der Bundesrepublik Verträge, die eben das erlauben. Besserung ist nicht in Sicht."

Oder auch ii) JR, der in seinem klugen Text "Deutschland und die Überwachung" zu mehr Eigenverantwortung mahnt, um endlich "Souverän zu werden (…) gegenüber den Machthabern zu Hause."

iii) In "Wild West Down – Terrorwarnung. Das Leben geht weiter" zeichnet unser aller sexiest Blogger alive Janto Ban das Bild einer Gesellschaft, deren Grundwerte von der Regierung untergraben werden.

Und in iv) "Die versteckte Welt – Medienkritik" kritisiert die musikalische Entdeckung der Community, Ernstchen, ganz virtuos wie sehr doch das Wesentliche immer wieder aus der medialen Berichterstattung verschwindet.

Aufgefallen ist mir auch noch v) Thomas Maier, der in seinem spannenden Blog "Vom Panoptikum zum Panspektrum", fragt "ob angesichts der Überwachung nun, wenn alle überwacht werden, die Theorie des Panoptikums nicht weiterentwickelt werden muss?"


Ganz allgemein, wenn ein Partner sich an der Korrespondenz des anderen vergreift, um daraus Vorteile für sich zu ziehen, so ist das mindestens ein fundamentaler Vertrauensbruch. Wenn, unter Verbündeten nicht das offene Gespräch gesucht, sondern insgeheim Daten und Gespräche aufgezeichnet werden, sogar noch mit dem erklärten Ziel einen Verhandlungsvorsprung zu erreichen (Susan Rice), wenn darüber hinaus zusätzlich von gezielter Überwachung der Industrie- und Forschungszweige eines Landes (Italien) die Rede ist, – es sich also um den vorsätzlichen Raub geistigen Eigentums handelt –, dann ist dies mindestens ein Grund das Bündnis neu zu überdenken. Kurz: Das SWIFT- und Freihandelsabkommen erst mal auf Eis zu legen. Mindestens.

2 // Der Kommunikationsdesigner Alexander Lehmann hat 2012 den Spot "Big Data" für die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) gedreht, um die Bevölkerung für die Bedeutung digitaler Datenspeicherung zu sensibilisieren.

Der König hat keine Kleider an!

3 // Geheimnisse sind Lügen. Im System ohne Täter kennt Paranoia weder Freund noch Feind. Es geht hier um viel mehr als einen Vertrauensbruch unter Freunden. Es geht um eine realitätwerdende, gesellschaftliche Dystopie. Es geht um das Recht auf Privat- und Intimsphäre, das hier fundamental – in einem einzigartigen Epochenbruch – verletzt wird.

Es geht um die Welt in der wir leben wollen. Um Werte, Grenzen und das, was jedem von uns irgendwie vielleicht auch ein bisschen heilig ist. Es geht um Selbstbestimmung. Und um Kontrolle, sowie die Verletzung von Menschenwürde. Aber vor allem geht es um die Freiheit des einzelnen sich seinen Fähigkeiten gemäß zu entfalten.[1]

Ein beliebiges Ziel wird durch eine Regierungsweise im realen äußeren Handlungsbereich verfolgt. Durch das totalitäre Prinzip eines Überwachungsstaats jedoch potenziert es sich im Inneren, unbegrenzt. Im alltäglichen Leben, in hunderten von kleineren und größeren Eingriffen modifiziert der Mensch sich selbst, um dazuzugehören. Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das jeweils im Zusammenhang mit der historisch und gesellschaftlich spezifischen Verortung steht. Als Konsequenz der herrschenden Doktrin – der Macht der anderen – verändert das Individuum sowohl seinen/ihren Körper als auch sein/ihr Denken. Wem Optimierung und Anpassung nicht möglich sind, der wird ausgegrenzt und seiner materiellen und seelischen Lebensgrundlage beraubt.

Folgt man den Thesen des Soziologen Michel Foucault gewinnt gerade die aktuelle Überwachungsthematik beängstigende Züge von Herrschaftsideologie und Biopolitik. Mit Begriffen wie "Gouvernementalität" und "Technologien des Selbst" beschreibt Foucault die Auswirkungen von Machtmechanismen und Selbstzensur auf das Individuum. Sich der herrschenden Doktrin unterwerfend übt das Individuum Praktiken aus, "um nicht nur die Regeln des Verhaltens festzulegen, sondern sich selbst zu transformieren, sich im besonderen Sein zu modifizieren (…), um gewissen Werten zu entsprechen.“[2]

Kurz: Die große Meta-Debatte der Überwachung ist das Problem der Machtkonzentration gepaart mit dem Verlust der Souveränität des Einzelnen. Es geht darum Interessenkonflikte und Wettbewerbsverzerrung zu verhindern. Mit dem Ziel eine Gesellschaftsordnung zu schaffen in der ein Mensch nicht auf ökonomische Einheiten reduziert wird, in der sogennante weiche Faktoren wie Mitgefühl, Empathie, Einzigartigkeit, Schönheit, Liebesfähigkeit – all das, was uns zu Menschen macht – nicht der Gier, Habsucht, Größenwahn und Egoismus zum Opfer fallen. Es geht um ein neues Wertesystem.

Die Dauerkrise ist zum Herrschaftsinstrument geworden

4 // Überraschung. Laut Frank-Walter Steinmeier befinden wir uns jetzt in einer "Vertrauenskrise". Wessen Vertrauen wurde enttäuscht? Nicht meins. So lange ich lebe stürzen Krisen über die Welt herein. Eine nach der anderen: Finanz- und Arbeitsmarktkrisen, Hungersnöte, Klimakatastrophen, Kriege ... Egal wo ich bin, egal welche Sprache ich spreche, das Ergebnis ist immer das selbe. Ein paar wenige profitieren, die Masse verliert: Geld, Sicherheiten, Gesundheit, Zukunftsperspektiven, Würde, Leben.

Die Dauerkrise ist zum Herrschaftsinstrument geworden. Vielleicht war sie das immer schon. Die Bankenkrise, die Krise der Staatsfinanzen, die Währungskrise, die Sicherheitskrise, the war on terror, die Krise des Vertrauensverlusts unter Freunden; die seit Jahren allgegenwärtige Krise dient nur einem Ziel: die breite Masse, die Bürger, das Volk, die 99% zu enteignen. Ihnen jede Entscheidungsmöglichkeit zu nehmen, um politische und ökonomische Entscheidungen zu legitimieren.[3]


5 // Zusammenfassend könnte man sagen, die Abhöraffaire bringt die Unwahrheiten, die dummdreisten Lügen und Beschwichtigungen, vor allem aber auch die doppelbödigen Maßstäbe jetzt ganz schnörkellos auf den Punkt.

Hellsichtig sprach Edward Snowden in seinem beeindruckend klaren Guardian Interview mit Glenn Greenwald von dem "Erwachen totalitärer Herrschaftsstrukturen". Es geht um nicht weniger als darum ein totalitäres Überwachungsregime zu verhindern; eine kontrollierende Struktur zu vereiteln, die es jedem erlaubt jeden zu überwachen, sodass Selbstüberwachung nicht zur Norm wird. Ein Herrschaftssystem also, in dem der Körper jedes einzelnen kapitalmaximierend manipuliert, formuliert und dressiert wird.

Die Alternative wäre, der eigenen Identität beraubt, zu Produkten unseres erfolgsgläubigen, egotistischen Verwertungswahns zu werden. Bestens angepasst an käufliche Bedingungen, selbst die absurdesten Regeln verinnerlichend.

Es geht um das, was wir in Zukunft sein wollen. Wollen wir die Augen vor den Verletzungen unserer Privasphäre verschließen? Oder bieten wir dem Irrsinn die Stirn?




[1] Britain is sliding towards an entirely new kind of surveillance society. John Lanchester The Snowden files: why the British public should be worried about GCHQ // Deutsche Übersetzung im FREITAG Wir müssen reden, Ausgabe 41/13 vom 10.10.2013

[2] Michel Foucault Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993, 3. Aufl., ISBN 3-518-28317-0, S. 18

[3] Giorgio Agamben, Interview – Die endlose Krise ist ein Machtinstrument, FAZ 24.05.2013

noch mehr spannende Texte zum Thema:

Evgeny Morozov, The Real Privacy Problem, MIT Technology Review, 22.1013

Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 9. Auflage. Suhrkamp-Taschenbuch 2271, Frankfurt am Main

Viktor Mayer-Schönberger, Kenneth Cukier, Big Data: A Revolution that Will Transform how We Live, Work, and Think, Houghton Mifflin Harcourt, 2013

Aufmacherfoto: Mark Kolbe/ AFP/ Getty Images

21:43 27.10.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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