silvio spottiswoode
13.11.2013 | 14:14 31

Chilling-Effects

Die Schere im Kopf Die Rechercheergebnisse einer amerikanischen Umfrage zeigen, dass die Überwachung durch die NSA zur Selbstzensur bei Autoren führt

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied silvio spottiswoode

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Um die Auswirkungen großflächiger Überwachung auf das Denken, Recherchieren und Schreiben von Autoren besser zu verstehen hat PEN-America zusammen mit der unabhängigen Recherchegruppe FDG im Oktober 2013 bei 528 amerikanischen Autoren, Redakteuren, Herausgebern, Übersetzern und Bloggern eine Mitgliederumfrage durchgeführt.

Die ernüchternden Ergebnisse der Umfrage liegen nun in Form eines 26-seitigen Berichts vor. Chilling-Effects ist der erste Teil einer breit angelegten Untersuchung der schädlichen Auswirkungen von Überwachung – insbesondere der NSA – auf demokratische Gesellschaftsstrukturen am Beispiel einzelner Personengruppen.

Die Zahlen zeichnen ein deutliches Bild: 73% der Befragten sind der Meinung, dass die Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung noch nie so fundamental infrage gestellt worden seien, wie durch die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit. Die Autoren sind nicht nur mehrheitlich besorgt, vielmehr geben sie ganz offen zu damit begonnen zu haben, sich mit ihren Äußerungen den Gegebenheiten anzupassen. Die Schere im Kopf ist Selbstzensur.

Die großartige Studie mit allen Implikationen und Zahlen nachzulesen hier :: PEN-America :: Chilling Effects PDF

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Das gesamte PEN-Chilling Effects Dokument als PDF, samt Fragekatalog und Ergebnissen, sowie Methodologie der Erhebung zum nachlesen hier. http://www.pen.org/sites/default/files/Chilling%20Effects_PEN%20American.pdf

zur Meldung auf der PEN webseite http://www.pen.org/chilling-effects

Die New York Times Meldung vom 11.11.2013 "Surveillance Leaves Writers Wary. PEN American Center Survey Finds Caution Among Members" von Noam Cohen

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (31)

JR's China Blog 13.11.2013 | 14:33

Eine sinnvolle Umfrage - sie gibt Gelegenheit zur Selbstprüfung, und denen, die ein in irgendeiner Art "angepasstes" Verhalten zugeben, leisten Verständnishilfe für die weitere Öffentlichkeit. (Wie viele sich ebenfalls anpassen, ohne das auch zu sagen oder es sich auch nur selbst klarzumachen, wäre ebenfalls eine interessante Frage.)

Die Studie enthält auch vermutbare "praktische" Auswirkungen von Onlineverhalten auf Begegnungen mit der Staatsmacht.

Dersu Usala 13.11.2013 | 15:01

Ich muss da gerade an meine Panik denken: wenn irgendwann jemand (m)ein Foto mit Name veröffentlicht, haben es für immer die bösen Mächte im Cache. Wenn es dann zum öffentlichen Ungehorsam wie in Istanbul kommt, werde ich (oder sonst wer) sofort identifiziert und weggesperrt. Wenig später fiel mir natürlich ein, dass mein Foto und Name eh schon bei den Behörden gespeichert ist, wegen Reisepass und Ausweis. Mist. Früher war ich stolz, wenn ein Foto mit Name in der Regionalsportspalte auftauchte. Yeah! Aber diese fetten Jahre sind vorbei.

Ich überlege gerade, welche Themen ich in der E-mail oder im Telefonat nicht mehr erwähne, weil ich denke, ich werde überwacht. That’s tricky.

Dass bei kriminalistischen Verdachtsfällen E-mail und Telefonüberwachung stattfindet, war jedem Tatort-Gucker bekannt. Schlimm ist doch, dass bei kompletter Überwachung und Zwischenspeicherung für X Monate jeder und alles prinzipiell als verdächtig eingestuft wird. Die Unschuld muss nachgewiesen werden, dann wird gelöscht.

silvio spottiswoode 13.11.2013 | 18:41

>> (Wie viele sich ebenfalls anpassen, ohne das auch zu sagen oder es sich auch nur selbst klarzumachen, wäre ebenfalls eine interessante Frage.) <<

Das ist die zentrale Frage, finde ich. In meinem "Big Brother"-Blog wollte ich da schon draiu hinaus. Ist etwas sehr theoretisch geraten. Aber ich glaube das liest man dennoch raus, diese Frage. :-)))

Die Forderungen auf Seite 9 finde ich noch wichtig. Das müsste eigentlich sofort in nationaler und internationaler Gesetzgebung verankert werden. Für Deutschland brauchen wir ebenfalls so einen Forderungskatalog.

_____________________________________________________

FORDERUNGEN // IMMEDIATE STEPS TO ACTION

_____________________________________________________


Given the alarming implications of this survey and ongoing revelations about the vast breadth of NSA surveillance, PEN calls on the United States government to take immediate steps to restore public confidence that private communications remain private and protected by:


1. suspending the dragnet monitoring of international communications of U.S. citizens pending the restoration of
Constitutionally required due process protections, including probable cause and individualized suspicion;

2. suspending the wholesale, unwarranted collection of telecommunications and digital metadata, also pending the
restoration of due process protections;

3. reviewing the dragnet monitoring of all international communications and bringing any such monitoring into
compliance with established norms, including privacy and due process guarantees;

4. making the right to be free of unwarranted surveillance a cornerstone of surveillance policy and practice; and

5. reaffirming the United States government’s commitment to preserving and protecting the privacy necessary for
intellectual and creative freedom by:
disclosing the full scope of surveillance programs that access the communications of, or information about the communications of, U.S. citizens without a warrant; and
disclosing what data the government is gathering on U.S.citizens without a warrant, the purposes for which the data is gathered, how the data is stored, and the circumstances under which it may be accessed.

Furthermore, PEN strongly supports additional research to explore the connection between surveillance and intellectual and creative freedom, particularly the link between surveillance and self-censorship and the impact that growing awareness of new digital surveillance programs and powers is having on writers and on the universal right to free expression.

silvio spottiswoode 13.11.2013 | 19:02

"Schlimm ist doch, dass bei kompletter Überwachung und Zwischenspeicherung für X Monate jeder und alles prinzipiell als verdächtig eingestuft wird. Die Unschuld muss nachgewiesen werden, dann wird gelöscht."

Ja, geht mir auch so. Und dann fragt man sich generell was mit all den Daten passiert? Wie sie gesichert sind? Überhaupt, wer dazu – wie auch immer – am ende Zugang bekommen kann? :-)))))

Die Unschuldsvermutung zu erwähnen, finde ich superwichtig. An ihr macht sich für mich die zivilisationsfeindliche, perverse Aushöhlung des Rechts am deutlichsten bemerkbar. Es wird ja direkt schon gesagt "Im Gefahrenabwehrrecht findet die Unschuldsvermutung grundsätzlich keine Anwendung". Damit haben wir dann auch rechtlich den permanenten Dauernotstand der Digitalen Gesellschaft. *doubleplusungood*

janto ban 13.11.2013 | 20:18

O weh. Dann ist jetzt die Zeit, dass öffentliche und veröffentlichende Welt anfangen, das Lebensmotto anzuwenden, auf dessen Verinnerlichung ich seit Jahr und Tag hinarbeite:

VERSUCH' IMMER DEINEM SCHLECHTEN RUF GERECHT ZU WERDEN!

Das ist zwar ein blöder Spruch, aber wenn die Welt dieses Motto (bis der erste Schreck verdaut ist) nicht anwendet, geht doch die Authentizität (zwinker) den Bach runter. Zumindest geht aber das Vertrauen in die Anonymität im Netz an ein dubioses, nicht genau zu klassifizierendes Gegenüber verloren..

janto ban 13.11.2013 | 20:41

|| Hellsichtig sprach Edward Snowden in seinem beeindruckend klaren Guardian Interview mit Glenn Greenwald von dem "Erwachen totalitärer Herrschaftsstrukturen". Es geht um nicht weniger als darum ein totalitäres Überwachungsregime zu verhindern; eine kontrollierende Struktur zu vereiteln, die es jedem erlaubt jeden zu überwachen, sodass Selbstüberwachung nicht zur Norm wird. ||

..schreibst du in Big Brother is Listening

(Ich finde die Sendung leider nicht.) Habe auf WDR5 vor ein paar Tagen jemanden eine ganz erstaunliche Analogie zwischen der Totalüberwachung und Gott ziehen hören. Sinngemäß hat er gesagt, dass wir da nun eine Erfahrung machen, die tief religiöse Menschen schon lange kennen. Nämlich die Vorstellung (um nicht 'Glauben' zu sagen, denn bei uns ist ja nun 'Wissen'), dass es da jemanden (oder etwas) gibt, dass über uns wacht (um nicht 'uns überwacht' zu sagen).

Und die Konsequenzen dieser Vorstellung auf das Verhalten sind bei religiösen Menschen bekannt. Man kann sich zwar über alles hinwegsetzen, klar. Aber das geht mit Angst und/oder Gewissensbissen einher. Wenn man das Zitat aus "BB is Listening" (s.o.) unter diesem Gesichtspunkt nochmal liest, kann einem ganz schlecht werden. Da bekommt das 'Herrschaftsinstruments' mal so richtig Drive. Vor dem Hintergrund dieser Studie sowieso..

Welt unter, ehrlich.

janto ban 13.11.2013 | 21:01

|| Und die Konsequenzen dieser Vorstellung auf das Verhalten sind bei religiösen Menschen bekannt. ||

Übrigens fällt mir gerade ein, dass ein großer Teil der Deutschen doch so ganz eigenen Erfahrungen mit staatlicher Überwachung gemacht hat. Der rechte Teil auf der Landkarte. Von denen hört und sieht man auch irgendwie nix zum Thema, wonnich..? Jedenfalls nix explizit durch diese Brille Betrachtetes. Ob die die Köppe wohl gewohnheitsmäßig wieder eingezogen haben..? (Bitte keine bösen Zuschriften! Ich bin lieb. Und habe bestimmt nur die Artikel übersehen..)

janto ban 13.11.2013 | 21:40

Oh! Wenn ich behilflich sein konnte, den Rundumschlag noch rundummer zu machen, freue ich mich. Auf den Text bin ich sowieso gespannt wie ein Flitzebogen..

Nu, als schwuler Katholik muss man sich seinen Gott schon ganz schön schönreden ab und zu. Rosinenpickerei nennen manche das. Denn der hat - vor Christi (Evangelen wissen das gar nicht) - echt fiese Sachen mit seinem Volk gemacht. Immer leicht hatte Israel es jedenfalls nicht. Die Kirche hat in Gottes Namen später sogar noch eine ganze Industrie Kirche auf das Gewissen aufgebaut. Ich denke z.B. an den Ablasshandel. Oder den Beichtstuhl als so 'ne Art NSA 1.0 beta (tell me your deepest, darkest thoughts usw.) Moral, Doppelmoral, Agenten, Doppelagenten, Geld, Macht, Kontrolle, Macht, Sicherheit, Macht.. sowas halt..

Dersu Usala 14.11.2013 | 08:48

Bei dem Blog hatte ich auch kommentiert und meine Skepsis ausgedrückt. Irgendwie schwebt die „Postprivacy“-Thematik hier mit im Raum (gut diskutiert bei Michael Seemann). Damit du es weißt: ich könnte mir durchaus vorstellen, persönlich mehr Transparenz zu bieten, z.B. meinen Avatar mit Echtnamen und Foto darstellen, es spricht nur ganz praktisch dagegen, dass mir dann jemand einen Strick daraus drehen könnte, dass ich Zeit für artfremdes nutze, anders als vertraglich vereinbart. Ein Echtname gibt der Meinung mehr echte Relevanz, weniger Möglichkeit, sich zu distanzieren.

Meine Skepsis zum BND-Spamming will ich noch mal ausbauen. 1) ich müsste glauben, dass es technisch einen Effekt hat (tue ich nicht) 2) a)Will ich wirklich, dass echte Bombenbauer im Spam-Sumpf unkenntlich würden? b)Wenn ich 1 nicht glaube, muss ich das natürlich nicht befürchten. Was ich will, ist dass die grundsätzliche Speicherung aufhört, weil ich mich damit als grundsätzlich verdächtig eingestuft fühle. 3) Auf welche Begriffe springen die Analyzer an? „Bombe“ gewiss nicht, bestimmt irgendwelche Haushaltsreiniger, Salpetersäure, spezielle Dünger etc. Da könnte ich jetzt googeln, klicken usw. -> Boing, dann bin ich Raster, verständlicherweise. (Wenn das wirklich viele machen, könnte die Auswertebelastung wirklich steigen, mit Effekt siehe 2a)

Für BND-Spamming spricht: es hat einen mobilisierend, gruppendynamischen Identifizierungseffekt: „Ah, der ist auch dabei“. Wir sind das Netzvolk!

langweiler 15.11.2013 | 13:13

ich habe http://www.freitag.de/autoren/auerbach/big-brother-is-listening folgendes geschrieben:

Dies führt unter anderem dazu, dass der Beobachtete sich zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung und das „Panoptikum“ sich zu einem Laboratorium der Macht entwickelt .

und zum NSA ist mir folgende Sequenz aus einem Film aufgefallen. http://www.youtube.com/watch?v=zwHX-5_ZI4s

Ich hoffe die Schere, die im Kopf steckt, kriegen wir noch raus.

silvio spottiswoode 15.11.2013 | 14:54

Hallo Langweiler, ja das Foucault Zitat ist großartig. Hatte mich über den Kommentar schon vor ein paar Tagen total gefreut, denn genau darum geht es mir. :-))))

Hey, danke auch für das Allsehende Auge im Herr der Ringe. Passt total. Das muss jetzt noch in meinem finalen Überwachungstext vorkommen ... Öhm, wieso muss ich da nur plötzlich an Dollarscheine denken?
Digitale Grüße

iDog 17.11.2013 | 10:49

Zu all dem sei noch bemerkt, dass die Schere im Kopf jedes Einzelnen ganz unabhängig von jeglicher totalitären Anmaßung und faktischer, industrieller Überwachung im Zusammenhang mit pervertierter Wissenschaftsideologie , Positivismus und Strukturalismus etc. - mithin die an sich als bekannt vorauszusetzende Problematik um die "Dialiektik der Aufklärung" ... diese Schere, dieser zur Wahrheit erhobene Mythos also bei weitem gefährlicher ist für jede konstruktive gesellschaftliche Entwicklung und jedes Potential zu kritischem und kreativen Denken, als ein zum Geschäftsmodell erhobenes Spitzeltum, dass erst dann auftaucht als den einfallslosen Apologeten dieses Fortschrittsmythos gar nichts anderes mehr einfallen will. Sie sind am Ende . Aber sie wollen uns mitnehmen in ihrer Einfallt.

Lernen kann man aus dieser Situation natürlich auch.

Es sollten eben nicht diese Einfalltspinsel sein, die mit derlei Idiotie das destruktive Finale einer hierdurch suicidale gewordenen Gesellschaft vorantreiben, sondern oppositionelles Denken und Handeln sollte den Faden aufnehmen , der sich seit der Antike von den kritischen Denkern bis in unsere Zeit verfolgen lässt , um den Ausgang aus diesem Hades der Unzulänglichkeit , Angst und Lächerlichkeit zu finden und dieses Ende zu einem neuen Anfang machen.

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Ehemaliger Nutzer 17.11.2013 | 11:46

Übrigens fällt mir gerade ein, dass ein großer Teil der Deutschen doch so ganz eigenen Erfahrungen mit staatlicher Überwachung gemacht hat. Der rechte Teil auf der Landkarte.

hmm ... genau ... wir haben damit erfahrungen - doch für mich sind die nicht vergleichbar mit dem "allüberwachenden auge gottes" z.b.

und eine schere im kopf hatte ich auch nicht, wenn mich nun schon 5x ein grüner wartburg "gestreift" hatte oder morgens immer 10 meter neben meinem haus ein einsamer typ mit ledermantel und knirps stand ... und alle kannten den spruch, sind mehr als 5 leute zusammen, ist einer von "denen" dabei ... war irgendwie ins leben "integriert" - jeder kannte das risiko ... hmm

janto ban 17.11.2013 | 13:59

Mich würde es total interessieren, ob es aus deiner/eurer/damaliger Sicht erkennbare Parallelen zum heutigen Totalüberwachungs-Skandal gibt.

Ist das - in diesem Sinne - ein Thema..? Spricht man darüber..? Falls ja: Werden Erinnerungen und Befürchtungen wach oder ist man, was diese Dinge betrifft nicht so leicht zu erschrecken, weil 'hyposensibilisiert'..? Ist man allgemein eher besorgt oder lächelt man das (zynisch) weg..? Übertreibt es Gesamtdeutschland in puncto Empörung gar..? Oder mache ich das O/W-Fass unnötig auf..?

Das sind alles ernst gemeinte Fragen, die mir so in den Sinn kommen, weil ich mir vorstelle, dass die Sache doch eigentlich ein kleines Deja-vu darstellen dürfte/könnte/müsste. Aber es sind echte Fragen, keine rhetorischen. Wollte nur mal hören.. :o)

Passt dazu:

Mobilfunkexperte Philippe Langlois: || Das ist ein zentrales Werkzeug, das Polizeibehörden einsetzen, um etwa die Größe von kriminellen Organisationen einzuschätzen. Aber es ist auch nützlich zur Bekämpfung von Aufständen, wenn man erfasst, wer wen zu einer Demonstration ruft oder wer den Vorsitzenden einer Partei anruft. || link

Geht's da noch um unsere Sicherheit oder ist das schon wieder.. .. ..?

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Ehemaliger Nutzer 17.11.2013 | 14:43

ja, auch für mich spannend (doch nach der wende wurden wir seltenst gefragt, wie es war - aber uns oft erklärt, wie wir es sehen müssen ... ) ... ich hätte mir gewünscht, ganz vorurteilsfrei sich austauschen zu können ... naja ...

also, ich kann nur für mich sprechen, weiss jedoch, dass viele meine sicht teilen - viele nur in teilen und andere wieder kaum oder gar nicht ...

vielleicht ist entscheidend, wie man zu "seinem" staat" steht - ich wollte die ddr reformieren, verbessern, aber nicht abschaffen - bin wohl generell kritisch eingestellt, glaube aber auch nicht, dass das paradies immer wo anders ist ...

für mich gibt es keine bedeutsamen parallelen - weil sich die stasi eher auf die konkrete gegenwart bezogen hat - und jetzt ahne ich übles - bei der sammelwut für eine undefinierte+diffuse zukunft, jedoch sind wohl geheimdienstmethoden ähnlich und erweitern sich durch neue technische möglichkeiten, aber auch durch die "ideologie" ihrer lenker ... für mich war die stasi klar definiert: gegen feinde der gerade aktuell verkündeten linie des "sozialismus", mir und ich glaube allen in meinem umwelt war klar, welche grenze da nicht überschritten werden "sollte" - es sei denn man legt es darauf an >>> ausgang ungewiss

ich bin wohl sensibilisiert - teilweise wie in fantasien von albträumen - habe "ahnungen" möglicher auswirkung und gleichzeitig strategien nicht in fallen zu tappen

viel wird nicht darüber geredet und wenn dann meist: "da war die stasi harmlos dagegen" ... doch wie sich die ddr "staatsfeinde" mit ihrem misstrauen und der bevormundung geschaffen hat ... ähnliches erkennen wir sehr gut, doch solange materielle "sozialleistungen" das leben grad noch erträglich machen und wir um gescheiterte veränderungen wissen, ist ruhe im karton ... wir schütteln den kopf, lachen uns schlapp und retten uns, so gut es geht ... im alltag

ein bisschen o/w gefälle wird es geben, solange diese generation noch lebt und unterschiedlich sozialisiert wurde

>>> ich glaube nicht, dass es um die sicherheit der bevölkerung geht - um die sicherheit der aktuell mächtigen ... da ist dann wieder mal gar kein unterschied ... die "eliten" denken an ihren kleinen oder möglichst grossen macht+geldvorteil und verteidigen diesen selbstgewiss mit der frechheit "nur das beste für alle" zu wollen ... und jeder widerspruch wird als beweis unserer unmündigkeit/dummheit/fehlenden übersicht der zusammenhänge und was auch immer zusammenargumentiert - da halten viele den mund - doch sie trinken auch nicht den kakao durch den sie gezogen werden ...

silvio spottiswoode 17.11.2013 | 15:32

"[...] oppositionelles Denken und Handeln sollte den Faden aufnehmen , der sich seit der Antike von den kritischen Denkern bis in unsere Zeit verfolgen lässt , um den Ausgang aus diesem Hades der Unzulänglichkeit , Angst und Lächerlichkeit zu finden und dieses Ende zu einem neuen Anfang machen."

Ja, unbeding! Großartig formuliert, danke. Der Blick verengt sich und vereinfacht zu schnell. Schon irre, wie alt diese Geschichte dann doch ist. Die Geschichte der Freiheit aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

silvio spottiswoode 17.11.2013 | 15:52

>> ... (doch nach der wende wurden wir seltenst gefragt, wie es war - aber uns oft erklärt, wie wir es sehen müssen ... ) ... ich hätte mir gewünscht, ganz vorurteilsfrei sich austauschen zu können ... <<

Wie IDog so treffend formuliert beginnt die "Schere im Kopf" ja schon viel, viel früher. Vielleicht ist das jetzt die Möglichkeit diesen Austausch nachzuholen, liebe Rechercheuse. Für uns alle, Ost und West. Denn betroffen sind wir ja, gleichermaßen.

Eben indem wir oppositionellem Denken und Handeln eine Plattform geben. Kritik und Fragen ermöglichen, statt zu glauben die Antworten sofort mitliefern zu müssen. Ich stelle mir das in etwa so vor, wie in der Community hier. Das ist es was mir an der Community auch so gut gefällt: Der Austausch. Dass man die Dinge einfach auch mal offen im Threadraum stehen lassen kann ... um sie dann viel später wieder aufgreifen. :-)))))

silvio spottiswoode 17.11.2013 | 16:07

>> Mich würde es total interessieren, ob es aus deiner/eurer/damaliger Sicht erkennbare Parallelen zum heutigen Totalüberwachungs-Skandal gibt.

Ist das - in diesem Sinne - ein Thema..? Spricht man darüber..? Falls ja: Werden Erinnerungen und Befürchtungen wach oder ist man, was diese Dinge betrifft nicht so leicht zu erschrecken, weil 'hyposensibilisiert'..? Ist man allgemein eher besorgt oder lächelt man das (zynisch) weg..? Übertreibt es Gesamtdeutschland in puncto Empörung gar..? Oder mache ich das O/W-Fass unnötig auf..?<<


Das sind alles gaaaanz wichtige Fragen, finde ich. So naheliegend, so sehr mit der Deutschen Geschichte verwoben. Himmel, warum habe ich da noch nicht dran gedacht. Dabei sind ja das genau die zentralen Fragen. Genau die, um die es uns jetzt aus deutscher Perspektive bei dem Überwachungsskandal gehen könnte. Hier könnte Deutschland auf einen ganz anderen Erfahrungsschatz zurückgreifen als die USA beispielsweise. Genau da liegt auch die Chance aus dem Schlamassel Erkenntnisse für die Zukunft zu ziehen, alles zum besseren zu wenden. Insbesondere Angela Merkel könnte bei diesem Bewältigungsprozess ja eine spannende Rolle spielen.

janto ban 18.11.2013 | 21:39

Danke für die ausführliche Antwort!

Mit diesem Gegenwarts-/Zukunfts-Ding geht's mir genauso. Wie bei jeder Waffe kann/darf/sollte/muss man Angst davor haben, dass sie eines Tages in die falschen Hände geraten könnte. Und nichts anderes als ein sich füllendes Waffenarsenal ist das digitale Wettrüsten wohl. Terror, Sicherheit, Spionage, Unsicherheit, Recht, Unrecht, Cybercrime, Cyberwar.. die Grenzen scheinen da längst verwischt..

P.S.: Nehmt diesen Kommentar als Munition, ihr neugieriges Lumpenpack! :o|

P.P.S.: Ich frage mich in letzter Zeit ständig, was das wohl für Leute sind, die bei den Geheimdiensten arbeiten. Wenn ich die Luftaufnahmen von den futuristischen Hauptquartieren und die vielen parkenden Autos ringsrum sehe, will ich wissen, ob die sich morgens Brote für die Mittagspause schmieren und ob das Typen sind, die so etwas wie ein soziales Umfeld ihr Eigen nennen. Ob die jemand kennt oder ob deren Identität geheim bleiben muss, wie bei 'Men in Black'. Und falls ja: Wer blitzdingst die nach Feierabend..? Und wer blitzdingst die, die die anderen blitzdingsen..?

Fragen über Fragen. Ein neuer Blog muss her :o)

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Ehemaliger Nutzer 19.11.2013 | 08:26

Ich frage mich in letzter Zeit ständig, was das wohl für Leute sind, die bei den Geheimdiensten arbeiten.

in der ddr lebten sie ja "unter uns" ...

keine ahnung, wie das heute ist ???

einige waren durch tragen von uniform eh als solche sichtbar, viele informanten wurden teilweise durch ihre biografie erpresst, andere beworben, um ihnen vorteile zu verschaffen (wohnung, geld, karriere)

bei den uniformträgern war wohl eine permanente gehirnwäsche bestandteil ihres jobs, die dann zu einer wahnhaften verinnerlichung führte "dem weltfrieden" zu dienen und sie erhöhte auf der seite der "guten" zu sein ... dem konnten sie alles in ihrer "arbeit" unterordnen

>>> also wohl eher schwache menschen, die es zu "was bringen" wollten - nicht durch arbeit, sondern durch ihre entscheidung für einen "vorteil" mit dem preis einer gegenleistung, sie zu informanten und befehlsempfängern zu machen - und einmal verstrickt - lebeten sie mit den gewissenskonflikten oder wurden zum fanatiker ... der "preis" des ausstiegs war wohl ähnlich hoch, wie wir das heute beobachten können ...

silvio spottiswoode 19.11.2013 | 15:27

>> P.P.S.: Ich frage mich in letzter Zeit ständig, was das wohl für Leute sind, die bei den Geheimdiensten arbeiten. [...] Ob die jemand kennt oder ob deren Identität geheim bleiben muss, wie bei 'Men in Black'. Und falls ja: Wer blitzdingst die nach Feierabend..? Und wer blitzdingst die, die die anderen blitzdingsen..?<<

Bundeswehr. Dort wurden traditionell passende Leute für den BND rekrutiert. Weil man dort die Fähigkeiten der Einzelnen genau im Blick hat.

Man kann sich heute aber auch direkt bewerben, hihi. Es gibt freie und feste Stellen ... aber mit Englisch und Französich kommt man nicht weit :-/

1) "freiberufliche Mitarbeiter/innen mit hervorragenden Sprachfertigkeiten für die Sprachen des Maghreb, der Levante, der Sahelzone und Somali sowie für Ukrainisch und Sprachen und Dialekte aus den ehemaligen GUS Staaten, hauptsächlich aus dem mittelasiatischen Raum und Fernost (TA/010-11)"

2) Spannend fand ich auch diese Stelle: Sprachwissenschaftler/in, Linguist/in, Übersetzer/in / Dolmetscher/in (Master/Diplom) (TA/044-13)

Der Bundesnachrichtendienst sucht für die Abteilung Technische Aufklärung (TA) im PLZ Gebiet 53 eine/n engagierte/n und qualifizierte/n Sprachwissenschaftler/in, Linguist/in oder Übersetzer/in / Dolmetscher/in (Master/Diplom). Sehr gute Sprachkenntnisse in Arabisch und/oder Farsi sind für diese Position notwendig.

Die Abteilung Technische Aufklärung gewinnt nachrichtendienstliche relevante Erkenntnisse über das Ausland durch die gezielte Filterung der internationalen Kommunikationsströme.

Aufgabenschwerpunkte

Durchführung von sprachwissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Gebiet der Kryptolinguistikumfassende Auswertung von Statistiken und Bewertung von spezifischen Verfahren

Aufbereitung und Deutung von fremdsprachlichem Material unter fachspezifischen sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten und Besonderheiten. Übersetzung von unterschiedlichem fremdsprachlichen Material und Texten sowie die Erstellung von Expertisen. Mitwirkung bei der Erarbeitung von Grundlagenmaterial und der Erforschung neuer Verfahren

Anforderungsprofil: abgeschlossenes Universitäts- bzw. Masterstudium in einer der genannten Studiengänge oder vergleichbar.

hervorragende Sprachkenntnisse in Arabisch und/oder Farsi in Wort und Schrift sind notwendig.

ausgeprägte analytische Fähigkeiten.

selbständige, ergebnisorientierte Arbeitsweise.

gute Team- und Kommunikationsfähigkeit.

Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und persönliches Engagement.

gute Englischkenntnisse in Wort und Schriftdeutsche Staatsangehörigkeit

Arbeitgeber-Leistungen: Wir bieten Ihnen eine interessante und herausfordernde Aufgabe in einem kollegialen Team mit hoher Eigenverantwortung und Raum für die Umsetzung eigener Ideen.