Der Pudel

Buchmesse Von Schuhen, Bärten und Literaturwissenschaftlern, die das Bloggen entdecken. Impressionen der 66. Frankfurter Buchmesse
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Der Pudel

Foto: Hannelore Foerster/ AFP/ Getty Images

Der PUDEL
Auf der Frankfurter Buchmesse

Sein Blick vom Vorübergehen der Bücher
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Bücher gäbe
und hinter tausend Texten keine Welt.

Der schwankende Gang stöckelnder Schritte
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Vergeblichkeit um eine Mitte
in der betäubt ein großer Sinn steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Wort hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Trubel auf zu sein.*

Für Frauen ist das große Randthema der 66. Frankfurter Buchmesse – wie jedes Jahr – nein, nicht »was zieh' ich an«, sondern: Schuhe! Wer läuft, latscht, schlurft, humpelt, tanzt; wie weit, mit was? Vor allem, wohin? Wer hat die Schönsten, Höchsten, Rattenschärfsten? Oder die Flachsten, die Spitzesten, Zartesten, Passendsten, Teuersten, Bequemsten. Boots, Sneakers, Stiefel, Stilettos, Ballerinas. Die Schuhe der Autorin Judith Herrmann schafften es immerhin in einen eigenen Blog.

Bei Männern ist das anders. Des Mannes Schuh ist sein Bart. Männer mit Bart kommen überall hin. Wie lang, wie voll? Wie in welche Form getrimmt? Dreitagebärte, Kinn-, Voll, Schnurr-, und Kotelettenbärte; grüßende, lachende, geküsste und begossene Bärte. Bärte überall. Wie Rassepudel im Wettbewerb stolzieren sie auf und ab. Selbstverliebt testen sie ihre Wirkung. Scheinbar in Gedanken verloren, wie zufällig bleiben sie stets in der Nähe begehrenswert beschuhter Frauen stehen. Bart trifft Schuh. Des Pudels Kern.

Kurz, auch 2014 befindet sich Frankfurt wieder eine Woche lang im Ausnahmezustand. Auf der Frankfurter Buchmesse #fbm14 gibt es neue Rekorde. Um die Bücher der 7258 Aussteller zu bewundern drängen neben den Besuchern rund 9000 akkreditierte Journalisten, davon ca. 1000 Blogger, an sechs Tagen zu zahlreich über die Stadt verteilten Veranstaltungen, mit insgesamt 2781 Autorinnen und Autoren. Preise und Preisträger gibt es so viele wie niemals zuvor: 48 Buchpreise insgesamt, hörte ich jemanden sagen.

Gastland Finnland glänzt mit einem minimalistisch gestalteten Pavillon und allseits beliebten Mumin Kinderbüchern der großartigen Schriftstellerin und Illustratorin Tove Jansson. Im Netz gibt es jede Menge Blogs und #Twitteratur von Zoe Beck @beck_zoe, Mark Elsberg @Mark_Elsberg, Constanze Wilken @ConstanzeWilken und Anne #Aufschrei Wizorek @marthadear. Die Zeit initiiert eine vielbeachtete literarische #1Buch1Satz-Twitteraktion; »Early Adopter findet Cat Content im Second Life.« (L. Carroll - Alice im Wunderland) Nils Markwardt ‏@FJ_Murau.

Es werden, wie in jedem Jahr, unzählige Biografien veröffentlicht. Beispielsweise über die Lebenswege einiger 20-Jähriger – wahrscheinlich ein neues Kunstgenre, also, wie schreibt man eine ganze Biografie über Nichts –; dann eine Biografie eines Berliner Hipsters mit Alkoholproblemen; viel besprochen auch die Biografie über das Schweigen zum Spendenskandal des Einheitskanzlers.

Wobei ein Buch hier erwähnt sei, das mich tatsächlich beeindruckt: Harpe Kerkelings »Der Junge muß an die frische Luft« über den Tod seiner Mutter. »Ich bin die Trümmer des Krieges, der in meiner Mutter gewütet hat«. Außerdem gibt es von der dänischen Autorin Janne Teller initiierte geheime Autorentagungen zur Erstellung eines Manifests zur Lösung der Weltprobleme. »Autoren denken langfristiger als Politiker.« Die Ergebnisse werden Politikern unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Namhafte Autoren aus In- und Ausland lesen aus ihren Büchern, signieren, geben Interviews: Martin Walser spricht sehr bewegend über seine neuen Tagebücher; Marlene Streeruwitz schlüpft leichtfüßig in die Schuhe Thomas Bernhards und macht herrlich bösartige Seitenhiebe auf den eitlen Literaturbetrieb; Johannes Willms spricht detailreich und leidenschaftlich über die Französische Revolution; Klaus Wagenbach ist da; Angelika Klüssendorf, Ulrich Raulff.

Auch Ken Follett mit Band versetzt Fans in Ekstase. Sarah Wiener gibt Ernährungstipps – alles frisch, regional; alles selbst gekocht –; Sascha Lobo gibt Workshops für Autoren und Vielleser – wir erfinden das Lesen neu –, und alle sprechen über Amazon. Amazon aber, ist auf der Buchmesse nicht vertreten. Dafür Adobe. Creative Cloud Marketing für E-Book-Erstellung und Apps, mit von Adobe inzwischen nur noch mietbarer Software für Designer. (Wo bleibt eigentlich die Open-Source Alternative zu Adobes Creative Suite? Und warum laufen E-Books mit Steinzeitapplikationen? Wo bleibt das E-Book 3.0?) Ullstein launcht seinen Resonanzboden Blog.

Überhaupt entdecken Literaturwissenschaftler jetzt das Bloggen als den neuesten heissen Sch***. Und, es gibt zwei Trends, die weiter an Bedeutung zu nehmen: Der digitale Rechteverkauf, Digital Rights Management (DRM), ebenso wie Formen digitaler Veröffentlichungen durch E-Books. Enhanced oder auch nicht; mit und ohne Apps zum Titel. Der Spiele- und Unterhaltungsbereich schwappt in die Buchbranche. Games, Multimedia, besonders bei Lehrmaterial, liegen im Trend. E-Books und Self-Publishing treiben die Entwicklungen auf dem Buchmarkt an.

Mein Lieblingsstand in diesem Jahr war der vom Steidl Verlag. Der, und dieGestalten. Eine Bücherorgie. Eine Flut schöner Bücher, man überlegt kurz sich abends einschliessen zu lassen, um alles in Ruhe lesen zu können. Denn, das fehlt wieder am allermeisten auf der Buchmesse: Die Zeit, die Konzentration und Muße mit den Büchern.

Vielleicht lässt sich ja Sarah Wiener im nächsten Jahr überreden ihre Kochstunden auf den Abend zu verlegen. Dann würde ein Gourmetleseprogramm für die NächteEat, Read & Dream – eröffnet. Nahrung für Körper, Seele, Herz und Hirn. Eine Pause für schmerzende Füße. Das Ende der Messe ist der Anfang der Neuen.

* nach Rainer Maria Rilke, Der Panther

Alles Gute zum 100. Geburtstag, Tove Jansson!

http://blog.buchmesse.de/2014/07/11/happy-birthday-tove-jansson/

Tove Jansson: Selbstbild als asozialer Mumin. Von Margarete Stokowski.

http://blogs.taz.de/buchmesse/2014/10/11/tove-jansson-selbstbild-als-asozialer-mumin/

18:47 12.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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