Fiktion als Blaupause

Pressefreiheit Ein Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo, das diese Woche Michel Houellebecqs Buch Soumission auf der Titelseite zeigt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

https://lh3.googleusercontent.com/-H53xWLdKtVQ/VK1fHMSLv4I/AAAAAAAAAsk/0lay5WGB6BM/w352-h447-no/Bildschirmfoto%2B2015-01-07%2Bum%2B16.03.36.png

Heute Vormittag fand einer der schwersten Anschläge gegen die europäische Pressefreiheit der jüngeren Vergangenheit in den Räumen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo statt. Vorläufige Bilanz: 12 Tote. 10 davon Mitarbeiter der Redaktion und zwei Polizisten. Zwei Schützen flüchtig. Für den Großraum Paris wird die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen

Nach einem Brandanschlag 2011 und Bomberndrohungen wegen Mohammed-Karikaturen im Jahr 2012 scheint auch dieser Anschlag radikal islamistischen Ursprungs zu sein. Vermutet wird eine Verbindung zum aktuellen Wochenthema des Magazins: Soumission von Michel Houellebecq. Das neue Buch des streitbaren Bestsellerautors erscheint heute in Frankreich bei Flammarion und – fast zeitgleich – am 16. Januar mit dem Titel Unterwerfung bei Dumont in Deutschland.

Die politische Fiktion Houellebecqs spielt in naher Zukunft, in einem islamisierten Frankreich im Jahr 2022. Scheint alles gar nicht so weit hergeholt und doch ist es pure Fiktion. Frauen tragen Burkas, dschihadistische Kämpfe haben sich vom Nahen Osten nach Paris verlagert und um einen Sieg der rechtsextremen FN-Frontfrau Marine Le Pen zu verhindern schmieden Sozialisten und Konservative eine Koalition mit dem gemäßigten muslimischen Kandidaten Mohammed Ben Abbes.

Fiktion oder Realität? Was nun allerdings wie ein schlechter Film oder eine aus dem Ruder gelaufene Marketingaktion anmutet beweist erneut Houellebecqs meisterhaftes Gespür für gesellschaftspolitische Themen und Stimmungslagen. Wie schon mit seinem Roman Elementarteilchen/Les Particules élémentaires trifft der Autor den Nerv der Zeit, spielt geschickt, maximal medienwirksam mit Vorurteilen, Ängsten und Resentiments.

Nur jetzt spielen ihm zu allem Überfluss ein paar fanatische Islamisten in die Hände. Neben Trauer um die Opfer und Mitgefühl für deren Angehörige regt sich bei mir Besorgnis, dass dieser Anschlag als Zündstoff für Panikmache instrumentalisiert werden wird. Dass hier nicht gemäßigte, moderate politische Positionen gestärkt werden, sondern die Extremistischen.

Hier noch weitere Community Blogs zum Thema

aktuell

»Nachdenken statt zurückbomben« von Blogger Linkspazi

»Tod in Paris Terror gegen Charlie Hebdo« von Blogger Oliver Barckhan

Und aus aktuellem Anlass hier aus dem Freitag-Communityarchiv ein großartiger Text von 2011 zum damaligen Brandanschlag in den Redaktionsräumen von Hanning Voigts »Charlie Hebdo – ein Anschlag und die Reaktionen«

18:01 07.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

Kommentare 26

Avatar