Finanzkrise 3.0 - Elitedenken & Kulturbetrieb

FRANKFURT AM MAIN. Finanzkrise 3.0 - Die hässliche Fratze des Elitedenkens verunstaltet die Frankfurter Kulturlandschaft.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Bankenkrise ist zuhause angekommen. Nur, dass an Bildung und Sozialausgaben gespart wird, statt an Geld zur wiederholten Rettung der Banken.

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein einziger all derer, die gestern zahlreich erschienen sind, um sich für Wortbeiträge in der Kulturausschuß-Sitzung im Frankfurter Römer anzumelden; keiner von ihnen wird in absehbarer Zeit je wieder - falls sie das überhaupt je getan haben - CDU wählen.

Die schlechte Nachricht: Drei Institutionen des Frankfurter Kulturlebens werden um diese Zeit, nächstes Jahr, Geschichte sein.

Denn in der Kulturausschuß-Sitzung des Frankfurter-Römers am 14.6.2012 standen für die Stadtverordneten mit der Abschaffung der Städel-Abendschule, des Volkstheaters und dem Verkauf des Gebäudes, in dem das IVI (Instituts für Vergleichende Irrelevanz) beheimatet ist, gleich drei traditionsreiche, über Jahre, z.T. Jahrzehnte, gewachsene Institutionen des Frankfurter Kulturlebens für Jung und Alt zur Abstimmung.

Für alle Nicht-Frankfurter: Die Abendschule der Städelschen Kunstakademie wurde 1947 von den Max Beckmann Schülern Theo Garve und Walter Hergenhahn als Vorklasse zum Akademiebetrieb gegründet und betreibt seitdem kontinuierlich Laien- und Erwachsenenbildung im Bereich Kunst und Kunstgeschichte. Das Frankfurter Volkstheater, die "emotionale Seele Frankfurts", ist ein Privat Theater, das - ähnlich wie das Ohnsorg Theater in Hamburg - seit 40 Jahren regionale Mundartstücke in Frankfurt zeigt. Und das IVI, das Institut für vergleichende Irrelevanz, wurde 2003 in einem leerstehenden Gebäude der Goethe-Universtät von Studenten als Antwort auf die Bologna-Reform gegründet. In der Tradition kritischer Theorie der Frankfurter Schule werden hier von den Studierenden, in selbstverwalteten Tutorien und Vortragsreihen, politische und gesellschaftlich Themen behandelt.

So unterschiedlich diese Institutionen in ihren Zielgruppen und Organisationsstrukturen auch sind, so teilen doch alle drei den Aspekt, dass sie aus dem kontinuierlichen Engagement kritischer Bürger heraus, mit z. T. privaten Investitionen, Selbstaufopferung und viel ehrenamtlicher Arbeit entstanden sind. Über die Jahre wurden besonders die Frankfurter Städel-Abendschule und auch das Volkstheater durch größere und kleinere finanzielle Engpässe und Krisen hindurch am Leben erhalten und nicht zuletzt ist auch dem Kulturamt der Stadt Frankfurt die Unterstützung dieser Initiativen hoch anzurechnen.

Aufgrund eines städtischen Defizits von 300 Millionen Euro sieht sich die Stadt Frankfurt nun allerdings nicht länger in der Lage, diese Kontinuität zu wahren. "Kultur für Alle", die Maxime Hilmar Hoffmanns, hat in Zeiten knapper Kassen keine Gültigkeit mehr. Für das Volkstheater bedeutet dies nun das eindeutige Aus. Auf die Argumentation der anwesenden Bürger, dass viele Vorstellungen auch sozial Schwächeren durch vergünstigte Eintrittspreise ermöglicht würden, es darüber hinaus auch regelmäßig besondere Vorstellungen für behinderte Mitbürger gäbe und überhaupt, dass das soziale Engagement der Theaterbetreiber nicht umsonst zu haben sei, reagierte Prof. Dr. Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, mit eindeutiger Ablehnung.

Verordnete Leuchtturmkultur – Die Schließung der Städel- Abendschule

Die Diskussion um die Schließung der Städel-Abendschule hat eine längere Geschichte, wird jedoch seit 2009 von Seiten der Städel-Akademie (1) intensiv betrieben. Im Februar dieses Jahres stimmte das Kuratorium der Hochschule für die "Ausgliederung" der Städel-Abendschule zum 31. Juli 2012, was rein formal ihre Schließung bedeutet.

Auf der Weltrangliste der Kunsthochschulen nimmt die Frankfurter Städelschule, zusammen mit dem Londoner Goldsmith Institute und der Düsseldorfer Kunstakademie seit geraumer Zeit die ersten drei Spitzenplätze ein. Keine andere Hochschule hat in den letzten Jahren das zeitgenössische Kunstgeschehen so bestimmt wie die Städel-Akademie: Von keiner anderen Hochschule sind mehr Absolventen oder Professoren auf internationalen Großaustellungen vertreten. 2009 kuratierte der damalige Rektor Daniel Birnbaum sogar noch die 53. Venedig Biennale, die mit einem Goldenen Löwen für den am Städel lehrenden Künstler Tobias Rehberger sowas wie ein Heimspiel für die Städel-Akademie wurde. Vor diesem Hintergrund die kleine, inzwischen englisch-sprachige Städel-Akademie - mit ihren 10 Großkünstler-Professoren und 150 auserwählten internationalen Studenten - als eine Elite Kaderschmiede zu bezeichnen, ist sicherlich nicht gänzlich falsch.

Zu dieser Hölle der Profilierung bildet die Städel-Abendschule mit ihrem Schwerpunk auf Erwachsenen- und Laienbildung einen schon fast anachronistischen, aber sicherlich irre spannenden Kontrast. An die Abendschule gehen seit jeher Schüler, ohne akademische Zulassung. Menschen, die entweder zu alt oder zu jung für die Aufnahme an die Städel-Akademie sind, die oft spät zur Kunst kommen und diese neben ihrem Hauptberuf betreiben. Mehr oder weniger bekannte Städel Abendschul-Absolventen sind u . a. der Frankfurter Künstler Karsten Bott (*1960) oder die Berliner Künstlerin Nora Schultz (*1975), deren Arbeiten noch bis September in einer Ausstellung der Portikus Ausstellungshalle in Frankfurt zu sehen sind. Prof. Raimer Jochims (*1935), ehemaliger Rektor (1971 bis 1997) der Städel-Akademie, betonte in seiner Wortmeldung denn auch den besonderen, regionalen Charakter der Abendschule: Die Abendschüler sind nicht nur auf der Durchreise, sondern im Gegensatz zu den Studenten der weltweit vernetzten Städel-Akademie bleiben sie der Stadt in der Regel auch längerfristig erhalten.

Die Schließung der Städel-Abendschule wird damit begründet, - wie der Frankfurter Kulturdezernent Prof. Dr. Semmelroth argumentiert - dass eine akute "Gefährdung der Kernaufgabe der Hochschule selbst" besteht, u. a. durch Geldmangel, insbesondere aufgrund der Tariferhöhung der Professorengehälter. Eine Argumentation, übrigens in kompletter Übereinstimmung mit Herrn Andreas Lenk, dem Kanzler der Städel-Akademie. Umso rätselhafter erscheint dann die Tatsache, dass der Abendschule zugesicherte Spendenbeträge von mehr als 50.000 Euro der Heinz und Gisela Friederichs Stiftung sowie der Polytechnischen Gesellschaft von der Administration der Städel-Akademie, von Herrn Lenk, nicht abgerufen wurde. Ein Schelm wer dabei auf den Gedanken kommt, hier gehe es nicht vorrangig um Geld, hier werde von Seiten der Hochschulleitung Politik gemacht. Ganz wertfrei ausgedrückt, hat lokal verortete Erwachsenen- und Laienbildung eben nur einen sehr eingeschränkten Coolness-Faktor, der nicht unbedingt zum Renommée einer Akademie von Weltrang beiträgt.

Warum fragt keiner, wie die Städelschule zu dem wurde was sie ist?

Welche nachhaltig angelegten, über Jahre gewachsenen Strukturen haben diesen globalen Welterfolg der Akademie denn überhaupt erst ermöglicht?

Gewachsene lokale Institutionen weichen Verwaltung und kurzlebigen, auf globale Profilierung angelegten Großveranstaltungen.

Es fehlt an Verortung und Kontinuität.

Also, es muss gespart werden. Umso verwunderlicher war die grosse Zustimmung eines Antrags für ein Mahnmal in Erinnerung an die Judendeportation - orchestriert auf dem Gelände der ehemaligen Frankfurter Großmarkthalle - jetzt Standort des EZB-Neubaus. Das Gedenkstätten-Projekt schlägt mit 8,4 Mio. im Haushalt der Stadt zu Buche, wovon die EZB lediglich 1 Mio. übernimmt. (Was ist eigentlich aus der "Kunst am Bau"-Regelung mit Verwendung von 1% der Bausumme für Kunst geworden?)

Also, es muss gespart werden. Aber mal ehrlich, die Beträge für Abendschule (ca. 60.000 jährlich), Volkstheater (ca. 100.000) und IVI (Verhinderung/Rückgängigmachung des Verkaufs der Immobilie, die sich bis April 2012 im Besitz der Universität befand, bis diese an einen Privaten Investor veräussert wurde) sind angesichts der Ausgaben für ein Denkmal dieser Größenordnung doch einfach nur etwas für die "Portokasse".

Ganz gleich ob lebendige Kulur oder Denkmähler, es kann aber auch nicht darum gehen, das Eine gegen das Andere auszuspielen. Genauso wenig wie es ein Argument sein kann, die Städel Abendschule nicht zu unterstützen, da "andere Malschulen Ähnliches weitaus billiger" bewerkstelligen.

Also, es muss gespart werden.

Und das wird es, kräftig. Im Haushalt der Stadt Frankfurt ist unter Regierung der CDU u. Grünen in den Bereichen Bildung, Kultur und Soziales erneut kräftiger gespart worden, als in allen anderen Bereichen, wie beispielsweise Sicherheit. Wenn dann in einigen Jahren Laien- und Erwachsenenbildung wieder politisch gewollt sein sollte, wenn die Folgen von Bildungs- und Sozialabbau aller Orten nicht mehr zu übersehen sind und das friedliche Miteinander immer mehr beeinträchtigen, dann bekommen wir ähnliche Institutionen wie die drei oben erwähnten und weggesparten vielleicht zurück. Aber dann wird es wohl wesentlich mehr Geld kosten, beispielsweise eine Schule komplett neu aus dem Boden zu stampfen, viel mehr Geld, als die jetzige Struktur einfach nur - durch die Krise hindurch - zu erhalten.

Irgendwie geht es nie wirklich ums Geld, oder? Ich glaube das ist mir gestern klar geworden: Geld ist nur ein Hebel zur Durchsetzung der Interessen.

Bei aller Merkelschen Austeritätspolitik vor der eigenen Haustür oder Sparverordnungen für benachbarte Eurostaaten - wie Griechenland oder jetzt sogar Spanien - ist es wichtig sich zu erinnern, dass Staaten nicht pleite gehen können. Vor allem aber, dass stets dem Geldmangel auf der einen Seite historisch nie dagewesene Gewinne auf der anderen Seite gegenüber stehen. Geld ist ein Hebel zur Durchsetzung gewisser Interessen. Soziale Gesichtspunkte, und ganz besonders Bildung, sind bei dieser Umverteilung nur hinderlich.

1 Zuerst unter der Leitung des Kurators Daniel Birnbaum und des Malerei Professors Michael Krebber; seit 2010 unter der Leitung des Architekten Nikolaus Hirsch zusammen mit dem neuen Schulkanzler Andreas Lenk.

Mehr zur Städel Abendschule

Kulturszene Theater, Krisen sind keine Kunst, Von Claudia Michels, FR 13.06.12

Zum schwelenden Konflikt, 2009. Städel-Abendschule vor dem Ende, von Christoph Schütte, FAZ, 2009

Nora Schultz, ehemalige Städel-Abendschülerin und ihre Ausstellung im Portikus, Frankfurt, 2012

Mehr zum IVI - Institut f. Vergleichende Irrelevanz

Petition zum Erhalt des IVI :: bitte mitzeichenen

Instituts-Besetzern fehlt das Geld, Von Hanning Voigts, FR 15.06.12

23:56 18.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

Kommentare