LESEN IST SCHWITZEN – Das Buch als "Heatmap"

Idee Buch Closed-Beta-Phase // Teil 2. // Frankfurter Buchmesse. Sascha Lobo präsentiert sein neues Projekt: Die digitale Verlagsplattform "Sobooks"

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Der Vortrag beginnt mit Verspätung. Eine Menschentraube, ausgestattet mit unzähligen Notizblöcken, Aufnahmegeräten, Kameras und allem, was der Stand der Technik sonst noch so zu bieten hat, wartet am Nachmittag des ersten Messetages geduldig vor der Tür eines Versammlungssaals im Frankfurter Congress Center.

Als Künstler/Designer/Verleger/Leser/Schreiber-Hybrid bin ich mit so etwas wie einer kritischen Grundhaltung gekommen. Skepsis gepaart mit einer tiefgreifenden Abneigung gegen Populismus und Gleichrichtung. Gegen jede Art von Eventkultur, Selbstdarstellung und Vermarktung.

Die lockere, ironisch witzige und durchdachte Art in der Sascha Lobo sein Verlagskonzept vorträgt ist angenehm überraschend. Nach wenigen Minuten wird klar, hier steht ein Profi vor mir. Das macht Spaß. Damit lässt sich arbeiten, auch wenn die Meinungen auseinander gehen. Die Waffen werden dann vollends gestreckt als Mr. Lobo beginnt Tim Berners-Lee zu zitieren: "Der Link ist die zentrale Erfindung des Netzes", des Hypertextes. Also, das, was unser aller Leben nachhaltig verändert ist die Art der Informationsakkumulation, sind die Hyperlinks, die Verlinkungen des Netzes. Kurz, der niedrigschwellige Zugang zu Informationen ist es, der es jedem ermöglicht sich mit Themen detailliert auseinanderzusetzen.

Das Konzept

ist eine digitale Verlagsplattform, die direkt mit dem Buchhandel verschränkt ist, genannt Sobooks (Social Books). Lobo benutzt das Schlagwort eines browserbasierten Nutzererlebnisses. "Eine Verschränkung der Inhalte mit dem Point of Sale. Social Selling. Interaktion mit der Außenwelt, um Bücher zu verkaufen".

Für alle, die sich wie Sascha Lobo viel im Netz bewegen, ist die Idee so einfach wie naheliegend. Soziale Netzwerke wie Facebook werden mit der Webseite des Verlags verlinkt, um Verbreitung und Öffentlichkeit zu generieren.

Mit Sobooks will Sascha Lobo das "Gespräch über Bücher in die Bücher hinein holen" und als "das beste Verkaufsargument" nutzen. Das Ganze ist ein Experiment, Lobo beschreibt es als "Laborsituation, um herauszufinden wie eine neue Art des Lesens aussehen könnte."

In der Umsetzung

funktioniert es dann so, dass die Verlagsnutzer sich vorerst über ihre Facebookseiten auf die Closed-Beta-Seite von Sobooks einloggen, um dann u. a. Werke der Verlage Random House, Hoffmann und Campe, Spiegel oder bandeins zu lesen und zu kommentieren. Der Nutzer kann Textpassagen markieren, seine Freunde zur Diskussion einladen und der Buchtext sowie sämtliche Kommentare können verlinkt und als Zitat in die Facebook-Timeline integriert werden. Meinungen sind gefragt und in vier Kategorien erstmal standardmäßig anklickbar: "famos", "lustig", "hä" usw.

Gekaufte Bücher können an jeweils drei weitere Freunde digital "verliehen" werden. Das Buch behält seine seitenbasierte Printform auch im Netz und als E-Pub oder Ebook bei. "Seite 32 bleibt immer Seite 32". Unter jeder Seite befindet sich ein Strich, eine "Heatmap", die die Interaktionen auf der Seite als Aggregatbalken darstellt. Ein Bewegungsmelder, der sich umso mehr "aufheizt", je mehr die einzelne Seite verlinkt und kommentiert wird.

Fazit

Alles in allem ein interessantes Projekt; einfach und breit genug angelegt, um zu funktionieren.

Nur frage ich mich am ende: Wer will Bücher lesen, in denen es von Kommentaren nur so wimmelt? Braucht man das? Will man das?

Vor allem, ist es nicht eine ganz andere Art des Lesens, sich populäre Stellen aus einem Werk herauszupicken und diese medienwirksam zu verlinken?

Ganz anders als das analoge, lineare Lesen eines Buches vom Anfang bis zum Ende, von der ersten bis zur letzten Seite mit allen Höhen und Tiefen. Allen Pausen und Fragen, die sich dem Leser stellen, wenn er/sie ganz bei sich ist?

Das Private, das Alleinsein mit dem Buch, das stille, konzentrierte Lesen, diese intime Beziehung zwischen Leser und Text wäre mit Lobos Lesart Geschichte. Mein Kopf sagt mir: das kann schon sein. Und doch, der Körper sehnt sich nach Freiräumen, Nischen und mehr als alles andere, nach Intimität beim Lesen.

Jedenfalls ist es ein spannendes, mutiges Projekt, das einem schnellebigen, oberflächenorientierten Zeitgeist auch irgendwie entspricht. Es könnte also funktionieren und wäre sicherlich in der Lage viele Leute für neue Texte zu begeistern. I like.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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