Ausnahmezustand

Paris und die Folgen Attentate. Terror. 9/11, Madrid, London, Boston, Paris, Beirut. Trauer und Schock gehen jedes Mal tief. Noch einschneidender aber, ist die Verunsicherung.
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https://lh6.googleusercontent.com/-GJ27EAitMP0/VlJCv8ooNuI/AAAAAAAABl0/kuL0hLQxKbA/w349-h437-no/Bildschirmfoto%2B2015-11-22%2Bum%2B23.32.30.png Foto: »Was folgt?«, Ich, 2015

Terroranschläge, und jedes Mal schwindet die Freiheit ein wenig mehr. So abgründig die Gewalt der Täter einerseits, so sehr schmerzen die vielfältigen kleinen Zwänge und Schikanen, denen jeder Einzelne von uns als Folge dieser Attentate ausgesetzt ist. Der Verlust des einen läßt sich nicht durch das andere aufwiegen, Freiheit und Sicherheit schließen einander aus. In Freiheit zu leben bedeutet immer auch ein Risiko.

FRAGMENTE, FOLGEN EINER FALSCHEN POLITIK

Zusammengepfercht in schwierigen Verhältnissen leben Menschen über Jahre auf engstem Raum, ohne Zukunftsperspektive. Oft in sozialen Brennpunkten.

Gewalt. Demütigungen, Hass und Ressentiments. Zäune, Gefängnisse, Disziplinierungsmaßnahmen. Überwachung, Bürokratie, Kontrolle, Ausgangssperren: So sieht die Realität ausgrenzender Politik aus. Ergebnis ist eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten von sozialer Teilhabe systematisch ausschließt.

Im Neoliberalismus ist Mitgefühl ein Luxus, den man sich leisten können sollte. Verlierer sind ansonsten "selbst schuld", "haben nicht hart genug gearbeitet", "sich nicht ausreichend angestrengt" oder einfach nur "Pech gehabt".

Ungerechtigkeit, fehlende Sozialprogramme, geschlossene Jugendzentren; Theater, deren Subventionen bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen werden; das vormals vielfältige, breite Spektrum einer Basiskultur, die zugunsten einiger weniger, renomierter Prestigeprojekte dezimiert und ausgehöhlt wird – all das ist der Nährboden gesellschaftlicher Unruhen. Wird Politik für einige wenige Gewinner gemacht – steht der Jugend ein Leben in Arbeitslosigkeit bevor –, so setzt eine Gesellschaft ihre Zukunft aufs Spiel. Perspektivlosigkeit, Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit und Bildungsmangel sind die Folgen falscher Politik; fehlender Arbeits- , Bildungs- und Kulturangebote ebenso wie fehlender Integrationsprogramme. Die Ergebnisse von Sparpolitik auf dem Rücken der Allerschwächsten.

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DIE AUSWIRKUNGEN FALSCHER POLITIK

Hannover. Mit den Tatsachen möchte man die Bevölkerung lieber »nicht beunruhigen« so der deutsche Innenminister Thomas de Maizière, zur allgemeinen »Sicherheit, um noch Schlimmeres zu verhindern«.

Paris. Vor einer Woche, am 13. November: die Attentate in Paris. Mindestens 129 Tote und 352 zum Teil schwer Verletzte. Spuren der Täter führen nach Brüssel. Es gibt Festnahmen, Ausnahmezustand wird in der europäischen Hauptstadt verhängt, der Verkehr des Brüsseler U-Bahnnetzes wird eingestellt. Präsident Francois Hollande erklärt das Attentat zu einem Akt des Krieges gegen Frankreich, »C'est une act de guerre«. Frankreicht fliegt Luftangriffe auf Raqqa, die Hochburg des Islamischen Staats in Syrien.

Dann am Donnerstag verhängt die französische Nationalversammlung einen dreimonatigen Ausnahmezustand über das Land. Seither sieht man in den Nachrichten Bilder nackter Menschen, die von schwerbewaffneten Einsatztruppen auf die Strassen gezerrt werden. Die Polizei teilt mit, es wurden 793 Häuser durchsucht, 174 Schusswaffen beschlagnahmt und 164 "gefährliche" Personen vorübergehend in Gewahrsam genommen. Anderswo diskutieren Politiker ob Facebook und Twitter eine Mitschuld tragen, sogar zeitweise abgeschaltet werden sollten, »zur Sicherheit«.

Und seit gestern wurde nun erstmals über ein gesamtes Stadtgebiet eine komplette Ausgangssperre verhängt; Sens die historische kleine Touristenstadt nördlich von Paris, im Burgund befindet sich im Curfew, Couvre-feu, wie es heisst. 25.000 Menschen, drei Tage lang, von 22 Uhr gestern, Freitag, bis um 6 Uhr am Montag.

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EXKURS

Sens. Ausgangssperren lassen Bilder vom Krieg in mir wach werden; verriegelte Strassen, Judengettos. Menschen, degradiert zu anonymen Nummern, ohne Menschlichkeit und Geschichte. Horror. All das vermag ich nur schwer mit einer beschaulichen kleinen Stadt wie Sens in Verbindung zu bringen. Für Architekturinteressierte ist sie ein veritabler Wallfahrtsort. St. Etiènne, die erste Kathedrale der Frühgothik befindet sich dort, Vorläufer großartiger Rundbogenarchitektur, Vorbild der Kathedralen von Chartre, Amien, Canterburry, ja, auch des Kölner Doms. Sens, Wiege einer Architektur, die in unterschiedlicher Ausführung Europa fast ein halbes Jahrtausend prägte.

Im Jahr 1141 wurde in St. Etiènne der aufklärerische Theologe und Philosoph Abailard im Konzil von Sens des Hochverrats verurteilt. Seine Schriften verbrannte man später öffentlich in Rom. Das ist aber alles schon sehr lange her. Geschichte.

Auch wir machen gerade Geschichte. Was wird man wohl später über uns schreiben?

»Führt Tagebuch«, schreibt Nils Minkmar. Ich glaube er hat recht. Wir bloggen.

Hier noch ein paar großartige Blogs aus der Com zum Thema

Felix Peter

https://www.freitag.de/autoren/fpeter/integration-nicht-in-einem-exklusiven-land

Rother Baron
Und unbedingt auch alle Texte in der Reihe von
Michael Jäger
Das revolutionäre Subjekt
23:42 21.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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