Politische Romantik als Chance

Nachbesprechung Frankfurter Kongress. Wer sind die »Schlafwandler« (Chris Clark) von heute? Wie wäre Politik als positive Kraft, als Feld des Wandels und des Aufbruchs denkbar?
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Politische Romantik als Chance
Norbert Bolz, Andres Veiel und Joseph Vogl

Bild: Silvio Spottiswoode

Könnten in Europa noch einmal die Lichter aus gehen? Was bleibt, wenn der Sphäre des Politischen die Lust und Visionen abhanden kommen? Wenn sie zum ungeliebten Pflichtprogramm verkommt, sich in Zeiten von lobbygetriebener Klientelpolitik der Steigbügelhalter und Großkoalitionäre lediglich die Frage stellt, ob es überhaupt noch Impulse gibt? Also, wie viel Leidenschaft braucht Politik? Eine Politik jenseits scheinbar alternativloser Sachzwänge, befreit aus dem Würgegriff der Finanzjongleure und Lobbyisten. Politische Romantik als Chance. Wie ließe sich das verwirklichen?

Fragen auf die, 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Frankfurter Goethe-Museum an einem Wochenende im April Antworten gesucht wurden.

Über die Aktualität des Begriffs der Politischen Romantik diskutierten u. a. Tariq Ali, Swetlana Alexijewitsch, Norbert Bolz, Srećko Horvat, Albrecht von Lucke, Jan-Werner Müller, Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijk, Cora Stephan, Klaus Theweleit, Andres Veiel, Joseph Vogl, Sahra Wagenknecht, Serhij Zhadan.


01 Den Auftakt machte Peter Sloterdijk mit dem Vortrag »Politischer Ikarismus«. Sloterdijk stütze sich in seiner Analyse auf Carl Schmitts nicht unproblematischen Romantikbegriff der Erhabenheit des Augenblicks. Er konstruierte so etwas wie einen Rundumschlag: Eine kulturhistorische Genealogie des Begriffs der Politischen Romantik hergeleitet aus dem Mythos Alexanders des Großen, aus Überlieferungen von Cola di Rienzi und Karl dem Großen bis hin zu Richard Wagner.

Nach diesem süßlich überladenen Philosophenbrei folgte das minimalistische Kontrastprogramm: die Erstaufführung des Films »Nachrichten vom Großen Krieg« von Autorenfilmerlegende Alexander Kluge. Anschließend spielte das Ensemble Modern »10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen« des Komponisten Mauricio Kagel. Auch Politikgrößen wie Sarah Wagenknecht waren anwesend. Wagenknecht und Rüdiger Safranski sprachen über Goethes Faust als Vehikel zeitgemäßer Gesellschaftskritik und Vision einer Moderne im Jenseits des Kapitalismus. Für den aufmerksamen Betrachter lagen danach alle ersehnten Antworten schon bereit.


02 Am zweiten Tag loderte das Feuer aber dann erst richtig. In der Diskussion über »die Dämonen des Kapitalismus« kochte das Gespräch zwischen Norbert Bolz, Andres Veiel und Joseph Vogl überraschend hoch. Erwartet hatte ich kühl distanzierte Denker, die nonchalant, eloquent Einblicke in ihre jeweilige Arbeit gewährten. Stattdessen aber kam es zu einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung zwischen Bolz, Vogl und Veiel, die Letzteren sich beide scharf abgrenzend von Norbert Bolz' »parfümierter Resignationsphilosophie«. Ein feuriges Streitgespräch. Ganz großartig mit anzusehen wie die intellektuellen Schwergewichte förmlich vor einander Gräben aushoben, um sich in aller Schärfe öffentlich gegen die zu abgehobene Argumentation des anderen abzugrenzen.

Der Moderator versuchte mehrfach beschwichtigend einzugreifen. Allein die Positionen waren wunderbar griffig und klar: Auf der einen Seite der Fatalist, der sagte die Krise sei strukturell bedingt, ein Teil des Systems, ein unabwendbarer Teil der Entwicklung (Bolz). Auf der anderen, die nach Wegen und Handlungsspielräumen Suchenden, mit bösen Vorahnungen und dem dringenden Wunsch Schlimmeres zu verhindern (Veiel und Vogl). Sehr sympathisch war beispielsweise Joseph Vogls »Zoo«-Lösung. Er prangerte die Verantwortungslosigkeit der Akteure an. Schlug wütend und entnervt vor einen »Zoo für Trader und politische Steigbügelhalter einzurichten. Da können sie dann machen was sie wollen, ohne die Anderen zu gefährden. Dann lassen sie uns in Ruhe.« Derartige Überlegungen hatte ich tatsächlich auch schon, nicht nur für Trader und politische Steigbügelhalter. Ein Zoo wäre allerdings viel zu klein. Es würden kaum alle hinein passen, die da hinein gehörten.

Norbert Bolz nahm dann den Faden wieder auf, sprach vom Romantischen als dem Subjekt des Kapitalismus, berief sich wie Sloterdijk auch auf Carl Schmitt, ging dann aber weiter: »Politische Romantik ist Kapitalismuskritik genauso, wie umgekehrt auch Kapitalismuskritik politische Romantik ist.« Bolz zitierte David Brooks Der Bobo als die Verkörperung des Politisch Romantischen. Alles könne zum Anlass der Kapitalismuskritik werden. Kunstkritik sei Kapitalismuskritik. In einem entlarvenden Moment sprach Bolz voller Selbstironie vom Phänomen der Statusinkongruenz: »Mit den wichtigen Leuten auf Augenhöhe zu sein – aber immer weniger zu verdienen –, als einem Auslöser der Krise«. Das Gefühl betrogen worden zu sein stecke dahinter. Gerhard Schröder beispielsweise sei das Gegenstück zum Bobo.

Während Norbert Bolz dies ausführte kochten Andres Veiel und Joseph Vogl in ihren Sitzen merklich hoch. Streckenweise krallte sich Vogl in seinen Sessel bis er es nicht mehr auszuhalten schien und sich Luft machte, »Ich widerspreche in allen Punkten«. Hier packte Veiel dann auch gleich die Gelegenheit beim Schopf und bescheinigte Bolz »parfümiete Resignation«. Wobei sich alle drei dahingehend dann doch einig waren, dass »Marktdenken die romantische Institution schlechthin verkörpere«. Der subjektive Okasionist sei der Romantiker. Und Romantikern wie Novalis ging es vor allem um Handel. Die Romantiker seien Parakapitalisten gewesen ähnlich wie die Anhänger Adam Smiths »Theorie der unsichtbaren Hände, die den Markt regieren«.


03 Aber was denken eigentlich die Trader? Befragt zu seinem Theaterstück »Das Himbeerreich« sprach Andres Veiel über die Recherche und Gespräche mit ehemaligen Bankmitarbeitern. »Der Verantwortung – die die Leute, die handeln tragen – sind diese sich nicht bewusst. […] Das System ist im Kern erschüttert. Es ist ein Glaubenssystem, wird jedoch als alternativlos bezeichnet. Es wird inzwischen von den meisten für gescheitert erklärt. Eine Sehnsucht nach der Kathastrophe besteht«. Nur auf diese Art seien wirkliche Veränderungen noch möglich, so Veiel.

Ein irrationales System habe sich etabliert, eine wilde, außer Rand und Band geratene, asymmetrische Struktur ohne Ausgleich. Menschen sehen, der Trickle-down-Effekt funktioniert nicht. Kapitalismus ist kein heterogenes System, sondern voller Pannen und nimmt viele Formen an. Ganz wichtig die Erkenntnis, »Kapitalismus bedeutet immer Bereicherung für Wenige auf Kosten der Vielen. Durch Krisen wird Kapitalismus steuerbar. Die Finanzkrise ist eine einzige große, soziale Steuerungsaktionen. Eine enge, intensive Zusammenarbeit der politischen Entscheidungsträger mit den Chefs von großen Konzernen findet statt und führt zu einer immer enger werdenden Verzahnung zwischen Staat und Kapital im Finanzkapitalismus. Diese Entwicklung hat nichts mehr mit den eigentlichen Prinzipien der Wirtschaft zu tun. Die größten Brandstifter sind die, die die Feuerwehr rufen«, so Veiel. »Neue Blasen finden genau im Sinne dieser Strukturen statt, um überschüssiges Kapital zu entwerten. Als natürlicher Prozess. Trader sprechen vergleichend von Nährböden für Bakterienkulturen, die irgendwann aufgebraucht sind.«

Joseph Vogl entgegnet darauf, »wir sind ein Teil der romantisch überhöhten Legendenbildung. Die Krise würgt den Staat.«Norbert Bolz spricht von Risiko, »die Zukunft gestalten durch Risikosteuerung. Der beste Slogan für jede Bank >Wir sind die Bank der Kultur des Risikos<. Es gibt keine Alternative zum Risiko.«Veiel: »Doch es gibt Haftung. Die gehört zum Risiko.« Vogel:»Und im Investmentbanking. Wer haftet dort, wenn die Banken "too big to fail" sind? Dafür zahlt die Gemeinschaft. Gewinne werden privatisiert.«

Norbert Bolz: »Aber, in der Moderne zu leben bedeutet immer einer unberechenbaren Zukunft ausgesetzt zu sein.« Veiel: »Das ist mir zu parfümiert.« Darauf entgegnet Bolz, »das kling sehr nach Heilsvorstellung. Als gäbe es einen Werkzeugkasten, um in das System einzugreifen.« Joseph Vogl,»Begriffe wie Evolution, überhaupt jegliche Erklärungen gestützt auf Naturgesetzmäßigkeiten, das alles stellt Politiker frei von ihrer Verantwortung. Die Crashs und Krisen hingegen bringen eine Umverteilung der Güter und materiellen Ressourcen von unten nach oben ganz effizient und schnell voran. Die Umverteilungsprozesse der Krisen haben ja sogar manchen genützt.«

Man kann nur nach Machbarkeit fragen, wo auch Möglichkeiten sind.


04Warum sind die Chancen 2007/8 nicht genutzt worden? Warum gab es keine tiefgreifenden Reformen? »Weil wir uns in einer Krise der Demokratie befinden«, so Vogl. »Eine historische Entwicklung, die so nicht unbedingt ablaufen muss. Aber das intellektuelle System hat kapituliert. Die Gesellschaft produziert Staatsintellektuelle. Keine kritischen Intellektuellen mehr, sondern Diener in strukturellen Abhängigkeiten eines Systems. Abhängige Intellektuelle die keine kritischen Positionen mehr vertreten. […] Als Staatsbürger wird es darum gehen Abhängigkeiten von Frühsünden zu reduzieren.«

Weiter führt Vogl aus, dass der Gesellschaftsvertrag unbemerkt gekündigt wurde. Dass eine »neue, höhere Form von Elendtoleranz im Zuge der Herrschaft des Finanzkapitals entstanden« ist. Die politische Aufmerksamkeit dafür fehle allerdings noch. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit sei »die Frage des 21.Jahrhunderts«. Diese Frage könne nicht mit Antworten des 20. Jahrhunderts gelöst werden. »Wir benötigen dringend eine neue Definition dessen, was sozial heisst.«, so Joseph Vogl.

Norbert Bolz endete indem er von einem veränderten Selbstverständnis sprach, »selbst die Studenten heute wollten nicht in erster Linie mehr Geld verdienen. Sie möchten die Welt besser machen«.

Politische Romantik, eine Veranstaltung der Bundeskulturstiftung, dem Freien Deutschen Hochstift und des Kulturamts der Stadt Frankfurt. Webseite zum Kongress, hier.

»Nachrichten vom Großen Krieg« Alexander Kluge

Vom Nutzen und Nachteil der Leidenschaften für die Politik, Thomas Thiel, FAZ, 12.04.14

21:45 28.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
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