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https://c2.staticflickr.com/8/7642/17033496741_24f9078944_n.jpg Foto: Ceci n'est pas une porte © spottiswoode inc 2015

Es klingelt. Ich öffne die Tür. Da steht sie vor mir; groß, freudig, erwartungsvoll.

»Er ist nicht da. War gar nicht hier, ist nicht nach hause gekommen«, sage ich; reflexhaft, ohne nachzudenken.

Sie: »Wir waren feiern, gestern«.

Es klingt nachgereicht, wie eine Entschuldigung.

Ich sehe meine Worte einschlagen. Volltreffer. Wir sind beide überfordert. Überwältigt von ihren Gefühlen, sie. Unwissend, am Schwimmen, ich.

Um Leichtigkeit bemüht sage ich, »wir könnten ihn anrufen, irgendwo muß er ja sein?« Sie wendet sich ab, zieht sich mit enttäuschtem Blick den Strohhut tief ins Gesicht. Sich versteckend flüstert sie ganz leise, »Nein, er hat sein Handy wieder verloren«. Bevor ich verstehe fällt die Tür ins Schloss. Sie ist weg. Lotti.

Kennengelernt haben sie sich bei einer Protestkundgebung, vor einigen Wochen. Sie arbeitet als freiwillige Sanitäterin während er sich für Freiheit und Bürgerrechte von der Polizei verprügeln lässt. Mit ihr bricht eine neue Zeitrechnung an. Lotti hört man schon von weitem kommen. Ihre polternde gute Laune nimmt alles in Beschlag. Krachend wuchtet sie immer ihr großes, schweres Fahrrad die Treppen hinauf. Lachend und fluchend, laut, mit ihrer schönen, weichen Stimme. Spontan und unkompliziert, ist sie das Gegenteil von ihm. Seine Launen entschärft sie mit Humor. Er ist gesprächiger, umgänglicher geworden. Zusammen sind sie irgendwie mehr als jeder für sich allein. Ein gutes Team.
»Sommer« ist sein erstes Wort, als er Stunden später die Tür hinter sich schließt.
16:42 07.06.2015
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Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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