Den Arbeitsbegriff neu denken

BGE Warum im "Land der Ideen" Arbeit neu definiert werden muss
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist so viel zu tun, das gibt's gar nicht! Was wenn die Arbeit da ist, aber das Einkommen fehlt?

Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit arbeiteten so viele Menschen in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen wie heute. Aber die Arbeit verändert sich durch zunehmend effizientere, maschinelle Produktionsmechanismen immer mehr dahingehend, dass für die Produktion einer steigenden Anzahl von Waren ein immer geringerer Anteil an Menschen benötigt wird.

So wie wir Arbeit in unserer modernen Industriegesellschaft seit der industriellen Revolution definiert haben führt sie zwangsläufig dazu, dass immer mehr Menschen OHNE Arbeit sind, sein müssen. Das Ende der Vollbeschäftigung, wie wir sie von unseren Eltern und Grosseltern her kennen ist längst da, nur dies einzugestehen würde eine Neudefinition der Arbeit an sich bedeuten.

In fast allen politischen Reformthemen der letzten Jahre, ganz gleich ob Hartz-IV, Gesundheitsreform, Kopfpauschale oder Bildungspaket drückt sich die Ohnmacht bestehender politischer Strukturen im Angesicht des sozialen Wandels aus. Wir sind Zeugen der gesellschaftlichen Auswirkungen eines veralteten Arbeitsbegriffs, der in unserer monetarisierten Gesellschaft immer grössere Teile der Bevölkerung durch Arbeitslosigkeit und Verarmung von der Teilhabe an Prozessen ausschliesst.

Auf der anderen Seite gibt es einen wachsenden Bedarf an unbezahlter Arbeit, sei es der steigende Bedarf an schlecht bezahlten Fachkräften, prekär Beschäftigten, diplomierten / promovierten Praktikanten, Volontären, ehrenamtlichen Mitarbeitern oder in sozialen Bereichen, in der Kulturentwicklung, oder auch bei der Arbeit die im Zwischenmenschlichen geleistet wird. Hier wächst der Bedarf rapide. Beobachten lässt sich dies besonders gut in den Schulen und Hochschulen, in den Krankenhäusern, in all den Bereichen die man vielleicht für unwichtiger gehalten hat.

In unserer Gesellschaft dominieren wirtschaftliche Kriterien inzwischen alle Bereiche

Und Wirtschaft ist nur das, wo auch Geld fliesst. Aber schon heute werden mehr als die 1/2 aller Tätigkeiten in Deutschland nicht bezahlt, finden also durch ehrenamtliches Engagement statt. Wenn diese Arbeit plötzlich nicht mehr stattfindet, würden die Strukturen der Erwerbsarbeit sofort kollabieren, da die ehrenamtlichen Tätigkeiten gleichzeitig auch die Grundlage unserer Erwerbsarbeit darstellen.

“Es gibt so viele Dinge heute die nicht getan werden, und das sind all die Dinge, die sich in Krisen ausdrücken. Und sie werden nicht getan, weil der Begriff der Arbeit stehen geblieben ist. Jede Entwicklung wird in dem Moment rückläufig, wo ich sie nicht permanent erneuere.” Enno Schmidt, Künstler und Gründer von Unternehmen Mitte, Basel.

Nicht nur müssen wir den Arbeitsbegriff neu definieren, wir brauchen auch eine andere Kultur der Anerkennung.

Dass uns die eine Form der Arbeit ausgeht, sollte ja eigentlich kein Drama sein, könnte ja sogar auch Vorteile haben. Bedeutet es doch in letzter Konsequenz, dass wir frei sind uns mit den wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen; frei uns nach unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen selbst als Menschen einzubringen und in der Gemeinschaft zu verwirklichen.

Die Aufgaben sind abhängig von der Wahrnehmung jedes Einzelnen. Diese Wahrnehmung – das Unternehmertum des Einzelnen – in Bezug auf seine Biografie, sowie die Bedürfnisse seiner Mitmenschen, das sind die Felder der Produktivität die neu sind und welche hinzukommen müssen zu dem, was an Technischem schon geleistet wird.


Man könnte schreien bei dem Wahnsinn, der immer weiter das Gleiche fortsetzt bis einfach alles im Eimer ist


"Was würden sie arbeiten, wenn fuer ihr Einkommen gesorgt wäre?" fragt Daniel Häni vom Unternehmen Mitte in Basel, und fügt hinzu “Das Bedingungslose Grundeinkommen ist keine politische Forderung, sondern eine FRAGE. Ein Lebensgefühl.”

Historisch ist immer dort ist am meisten Produktivität, am meisten Ideenreichtum zu finden, wo am wenigsten Dirigismus ist und Bevormundung stattfindet.
Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein ganz logischer, unausweichlicher Schritt in die Zukunft um Beweglichkeit und Verantwortlichkeit zu ermöglichen, auch um Menschen den Freiraum für das Engagement und die Kraft zu geben neue Ideen umzusetzen. Der Gedanke, dass auf der Basis des Lebensnotwendigen eine Losbindung von Arbeit und Einkommen benoetigt wird macht eine Leistungsgesellschaft erst möglicht, im höchsten Sinne wirtschaftlich und ermöglicht, dass überhaupt erst innovativ gearbeitet wird.

Krisen sind Entwicklungsmomente. Da muss dann neu gedacht werden, nicht nur die Formen auch die Inhalte müssen verändert werden, vor allem auch das Bewusstsein. Was beispielsweise sind die Ursachen für die Krisen?

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Jeder 3. Arbeitnehmer in Deutschland leidet unter schlechten Arbeitsbedingungen. Aber wie lässt sich Arbeit so gestalten, dass sie den Menschen motiviert?

Momentan finden an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt Proteste statt, vielleicht nicht zuletzt auch weil wir alle merken, dass etwas Neues schon in unserem Bewusstsein Fuß gefasst hat. Wir merken, die Hilfe kommt nicht von außen und nicht aus Gremien ... das muss man selber machen.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet auch einen Umschwung in die Richtung sich selber noch viel mehr ernst zu nehmen als das bisher der Fall war. Auch als offiziell vertreten wird. Das Bedingungslose Grundeinkommen steht für eine andere, eine solidarischere Gesellschaft, die auf jeden Einzelnen vertraut. Es wird auch anstrengend, denn dann ist jeder seines Glückes Schmied und “es gibt keine Ausreden mehr” (Götz Werner).

Das Bedingungslose Grundeinkommen hat sehr viel mit dem Wort Freiheit zu tun. Deshalb kann es auch von keinem eingeführt werden, sondern muss gesellschaftlich von allen getragen werden die sich dafür interessieren.

Sind wir schon bereit Arbeit und Leistung neu zu denken? Und unseren Mitmenschen zu vertrauen?



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Enno Schmidt (*1958 in Osnabrück) ist Künstler, hat in den 80er Jahren an der Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste in Frankfurt am Main bei Felix Droese studiert und danach die Freie Klasse nach dem Modell von Joseph Beuys geleitet. Im Anschluss an Kunst-Projekte wie das "Baumkreuz", realisiert mit anderen Beuys Schülern, beispielsweise Johannes Stüttgen und Walter Dahn, hat Enno Schmidt in Zusammenarbeit mit dem Kölner Kurator Konstantin Adamopoulos und dem Unternehmer Frank Wilhelmi, das "Unternehmen Wirtschaft und Kunst erweitert" gegründet.

Seit 2006 lebt er in Basel. Er gründete mit Daniel Häni das "Unternehmen Mitte, Initiative Grundeinkommen" im Gebäude der ehemaligen Schweizer Volksbank. Beide haben 2009 den Film "Grundeinkommen ein Kulturimpuls" gemacht.

weblinks

Der Film "Grundeinkommen ein Kulturimpuls"
www.kultkino.ch/kultkino/besonderes/grundeinkommen

Mehr zu Enno Schmidt enno-schmidt.weebly.com/vita.html
enno-schmidt.weebly.com/vortrag.html

Das Grundeinkommen auf 3sat in der Reihe Haben & Sein
www.3sat.de/page/?source=/dokumentationen/152534/index.html

Film
www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=22981&;;;;mode=play



20:49 24.04.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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