Emden ist überall

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„Am besten verkauft sich Angst um Kinder“, sagte mir mal der Chefredakteur einer großen Boulevardzeitung. Noch besser allerdings, so weiß er von den Kioskverkäufen zu berichten, verkauft sich Angst um Kinder, die am Ende gut ausgeht. Wenn zum Beispiel Kevin (8) aus der Hölle des Sexkellergangsters flieht... Horror, Not und Auflagenglück liegen sehr nah beieinander.

Wie schrecklich ist die Vorstellung, dass in Emden eine Elfjährige in einem Parkhaus missbraucht und getötet wird! Umso detaillierter diese Vorstellung im Kopf ausgemalt ist, womöglich noch mit dem Gesicht eines Täters garniert, umso grauenvoller der Gedanke an die Tat und das Leid des Opfers. Wut und Rachegefühle machen sich breit, der drängende Wunsch, dem Täter mal zu zeigen, wie das ist, solche Gewalt und Brutalität zu erfahren, so hilflos zu sein.

Also sammeln sich in Emden vor der Polizeiwache wütende Menschen, um ihren Emotionen Luft zu machen. Sie wollen einen 17-Jährigen lynchen, der als Verdächtiger festgenommen wurde. Die Polizisten müssen einige Kraft aufwenden, damit die aufgebrachte Menge nicht in das Revier eindringt. Auf facebook werden Bild und Anschrift des Verhafteten veröffentlicht. Die Boulevardmedien verbreiten das Konterfei etwas anonymisiert im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten.

Kurze Zeit später wird der junge Mann freigelassen. Er könne es nicht gewesen sein, erklärt die Polizei. Es muss weiter nach dem Täter gesucht werden.

Da stehen sie nun, die Wut, der Hass, die Rachegefühle, noch immer verbunden mit dem Antlitz des unschuldigen jungen Mannes, der schleunigst seine Heimatstadt Emden verlässt.

Jeder einzelne, der vor dem Polizeirevier skandierte, ist sicherlich keine rachsüchtige Bestie, die unbedingt Blut sehen will. Auf persönliche Nachfrage würde jeder bestimmt sagen, dem Beschuldigten müsse die Tat natürlich erst nachgewiesen werden. Aber in der Menge, in der das Gesetz der Gruppe regiert, handeln diese Leute gegenteilig. Gespickt mit detailreichen Informationen über die Tat aus den Medien delegieren sie ihre Verantwortung auf die Gleichgesinnten um sich herum.

Eigentlich sind das Leute wie du und ich - mit einem anscheinend gefestigten rechtstaatlichen Wertesystem.

Da stimmt was nicht!

09:57 31.03.2012
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Geschrieben von

Auge

Manchmal sind sich alle einig, scheinbar ist es richtig, was einhellig für gut befunden wird. Aber vielleicht es es doch ein Irrweg...
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Auge

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