Bekenne dich zu deiner Merkwürdigkeit!

Film. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ nach einer Erzählung von André Heller. Oder: Fantasie an die Macht
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Die in Teilen autobiographische Erzählung des heute 72-jährigen Österreichers André Heller „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ wurde von Rupert Henning skurril und mit viel Witz für das Kino adaptiert.

Der zwölfjährige Paul Silberstein, fulminant verkörpert von Valentin Haag, wächst im Wien der 50er Jahre in einer riesigen Villa mit einem kaputt-sadistisch-strengen Vater, einer schwachen Mutter und einem Bruder, der sich in seine eigene Welt verabschiedet hat, auf. Zutiefst verhasst ist ihm das von Priestern geleitete Internat, auf dessen Besuch der Vater besteht. Der Vater gibt sich neben seiner tiefen Verehrung von General de Gaulle ekstatischen Drogenräuschen hin, die ihn schließlich das Leben kosten.

Es ist die Fantasie, die den kleinen Paul aus der Lieblosigkeit seines wohlhabenden Elternhauses und der Klaustrophobie des Internats befreit. Seine Ideen hält Paul in einem Büchlein fest, in das er mit Wasser statt Tinte seine Eintragungen macht. Und dann tritt auch noch die Liebe in sein Leben und verleiht – fast – Flügel.

Als der Vater stirbt, scheint dies die Befreiung zu bedeuten. Paul, den alle als ein „merkwürdiges Kind“ bezeichnen, stellt fest, dass seine Mutter nun eine „merkwürdige Witwe“ ist. Die Welt wird bunter, doch bis aus Paul ein „funkelnder Hundling“ wird, sind noch einige Hindernisse zu überwinden.

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Film mit Humor, Tiefsinn, großartigen Schauspielern und voll bizarrer Szenen: eine liebeshungrige Nonne, die ihren Zopf Paul zur Berührung hingibt, ein Priester, der gerne erniedrigt und dem von Paul ein vollgekotzter Putzlappen um die Ohren gehauen wird, und ein Onkel, der von Orgasmen ohne Samenerguss schwärmt.

Ein merkwürdiger Film? Im besten Sinne des Wortes. Ein sehenswerter Film allemal, der einen mit Lebensweisheiten wie „Überlasse die wesentlichen, dich betreffenden Entscheidungen niemals anderen“ und „Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“ aus dem Kinosaal entlässt.

„Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, Regie: Rupert Henning, Österreich 2019

Afrika! Afrika!
nach einer Idee von André Heller - eine Show voller Energie und afrikanischer Lebensfreude
ist vom 24.04. bis 29.04.2019 im Deutschen Theater in München zu sehen.
https://www.deutsches-theater.de/afrika-afrika/

20:33 24.04.2019
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Geschrieben von

augenstern

Interessiert an Politik und Kultur.
augenstern

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