Der westliche Überlegenheitskomplex

Libyen/Syrien/Venezuela. Kapitalismuskritik greift zu kurz. Westliche Kultur ist die Wurzel allen Übels. Ein flammender Appell für die vorbehaltlose Unterstützung Venezuelas.
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Unter dem Titel „Wie in Libyen und Syrien geht es auch in Venezuela nicht nur ums Öl“ erschien in Globalresearch am 3. April 2019 ein Aufsatz von Andre Vltchek[1], in dem er der Frage nachgeht, wieso der Westen drei so unterschiedliche Länder wie Libyen, Syrien und Venezuela auf ähnliche Art und Weise angriffen hat bzw. angreift und vernichten will. Während Analysten oft den Kapitalismus für die Entstehung einer Kultur der Gewalt verantwortlich machen, unter dessen Bann sowohl Opfer als auch Täter stehen, greife in Wirklichkeit der Verweis auf die Gier als wichtigste Triebfeder für diesen „westlichen Terror“ zu kurz.

Nach all den Erfahrungen, die Andre Vltchek weltweit bei seiner Arbeit gesammelt hat, schlussfolgert er, dass für die Entstehung des Monsters „Kapitalismus“ die westliche Kultur verantwortlich ist. Sie sei hauptsächlich auf Expansionismus, Exzeptionalismus und Aggression aufgebaut und berge in sich den Wunsch, Kontrolle und Herrschaft auszuüben. So wurde der Glaube an die eigene kulturelle Überlegenheit zur bestimmenden Religion Europas und Nordamerikas. Die Gier nach Geld und Besitz sei dabei nur ein Nebenprodukt dieser fast als religiös-fundamentalistisch zu bezeichnenden Einstellung.

Doch was sind nun die Gemeinsamkeiten zwischen Venezuela, Syrien und Libyen? Vltchek schreibt: „Alle drei Länder waren führend bei der Förderung und beim Kampf für die Konzepte Panafrikanismus, Panarabismus und ‚Patria Grande‘[2].

Gaddafi, Assad und Chavez genossen nicht nur regionale, sondern auch internationale Anerkennung als führende Kämpfer gegen den Imperialismus und gaben damit hunderten Millionen Menschen Inspiration und Hoffnung. Gaddafi wurde ermordet, wahrscheinlich Chavez ebenso, Assad und sein Volk mussten jahrelang um ihr Überleben kämpfen.

Der derzeitige venezolanische Präsident Maduro habe bereits mindestens ein Attentat überlebt und sehe sich nun direkten westlichen Mafia-Bedrohungen ausgesetzt. Jederzeit könne sein Land angegriffen werden, direkt oder durch die lateinamerikanischen Vasallenstaaten des Westens.

Der Grund für dieses aggressive Verhalten des Westens liege darin, dass Afrika, der Nahe Osten und Lateinamerika über Jahrhunderte als Kolonien betrachtet und auch entsprechend behandelt wurden. Wann immer Widerstand aufkeimte, wurden die Länder „vom westlichen Imperialismus in Stücke gerissen“. Denn diejenigen, die glauben, es sei göttlicher Wille, dass ihnen die ganze Welt untertan sei, wollen nicht, dass sich die Dinge ändern.

Laut Vltchek leiden Europa und Nordamerika unter einem Kontrollzwang und können deshalb in ihren alten und neuen Kolonien keine Opposition zulassen. Ein mentaler Zustand, den Vltchek als ‚Sadistische Persönlichkeitsstörung‘ (SPD) bezeichnet. Europa und Nordamerika sind besessen davon, andere zu kontrollieren, deshalb müssen sie jegliche Opposition in ihren Kolonien und Neokolonien vernichten.

Um ein Beispiel zu geben erinnert Vltchek an die Vorgänge in Indonesien des Jahres 1965, als Präsident Sukarno, Vater der Unabhängigkeitsbewegung und Verbündeter der Kommunistischen Partei Indonesiens, auf Betreiben des Westens von dem „verräterischen und unmoralischen General Suharto“ gestürzt wurde. Dem Turbokapitalismus waren anschließend Tür und Tor geöffnet und die Ressourcen des Landes wurden zur leichten Beute des Westens. Indonesien, einst leuchtendes Beispiel des Unabhängigkeitskampfes der asiatischen Länder, war nach dem „von den USA, Großbritannien und Australien geführten Genozid“ zum „lobotomisierten und schutzlosen Vasallenstaat“ des Westens geworden.

Weiter schreibt Vltchek: Nachdem der Westen instinktsicher die Führer echter regionaler Unabhängigkeitsbewegungen identifiziert hat, werden sie mit schmutzigen Hetzkampagnen überzogen. Dies schwächt sie und macht sie gegenüber einer sogenannten ‚örtlichen Opposition‘ verwundbar. So werden nicht nur bestimmte Länder, sondern oft ganze Region kaputt gemacht. Als Libyen zerstört wurde, hatte dies immens negative Auswirkungen auf ganz Afrika. Frankreich wurden die Türen zur Plünderung des Kontinents weit geöffnet.

Es kommt vor, dass der Westen ein bestimmtes Land herauspickt und angreift, wie zum Beispiel 1953 den Iran, später den Irak oder Nicaragua. Meistens nimmt er sich aber gleich die ‚großen Fische‘ mit überregionaler Bedeutung vor, wie Libyen, Indonesien, Syrien oder jetzt Venezuela. Führer, die sich trotzig dem Westen widersetzen, werden ermordet, siehe Gaddafi, Hussein, Lumumba und Chavez. Und selbstverständlich bemüht sich der Westen, die Großen der antiimperialistischen Koalition zu zerstören: Russland und China.

Denn der Westen ist von dem Wunsch besessen, über andere zu herrschen und die Welt zu kontrollieren. Er muss sich als etwas Außergewöhnliches fühlen. Er verhält sich dabei wie ein religiös-fundamentalistischer Fanatiker und seine Bevölkerung bemerkt nicht, dass die eigene Weltanschauung mit Exzeptionalismus und kultureller Überlegenheit gleichgesetzt wird. Deshalb komme der Westen auch weltweit so gut mit christlichen, muslimischen und sogar buddhistischen Extremisten klar.

Hoffnung sieht Vltchek darin, dass Syrien bis heute überlebt hat. Auch Venezuela verweigere sich den USA und gibt nicht auf. Sollte das Land angegriffen werden, würden Millionen Menschen einen Guerillakampf beginnen. Die Strategie Washingtons, Londons, Paris‘ und Madrids, die bei Libyen noch funktionierte, ist überholt und funktioniert nicht mehr.[3]

Vltchek berichtet von syrischen Oberbefehlshabern, die ihm sagten, sie kämpften für die gesamte unterdrückte Welt, einschließlich Venezuela. Sie hätten erkannt, dass gegen Venezuela heute dieselbe Strategie wie gegen Syrien angewandt wird. Und so leide und kämpfe auch Venezuela nicht nur für sich, sondern für die gesamte unterdrückte Welt. Es dürfe ebenso wenig versagen wie Syrien.

Syrien sei die letzte Bastion im Nahen Osten. Noch widerstünden Syrien und Iran der westlichen Kontrolle. Daher laufe jetzt der Iran Gefahr, das nächste Kriegsgebiet zu werden.

Vltchek mahnt, dass Venezuela, das Land ganz im Norden Südamerikas, nicht fallen darf. Der gesamte Kontinent sei seit Jahrzehnten und Jahrhunderten von Europa und Nordamerika terrorisiert, brutalisiert, geplündert und gequält worden. In Südamerika wurden Menschen wie Tiere geschunden und ausgerottet, oder sie mussten zwangsweise zum Christentum konvertieren, um anschließend bizarren politischen und wirtschaftlichen Modellen des Westens Folge zu leisten. Sollte nach Brasilien jetzt auch noch Venezuela fallen, könnte der Kontinent auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte verloren sein. Deshalb wird Venezuela kämpfen. Zusammen mit den wenigen anderen Ländern, die sich noch außerhalb der ‚westlichen Hemisphäre‘ befinden. Länder, die von den USA offen als deren ‚Hinterhof‘ bezeichnet werden.

Caracas stehe und kämpfe für die riesigen Slums von Peru, für die Millionen Mittelloser in Paraguay, für die Bewohner brasilianische Favelas, gegen die Wasserprivatisierung und gegen das Sterben des brasilianischen Regenwaldes. So habe auch Syrien für Palästina gekämpft, für die mittellosen Minderheiten in Saudi-Arabien und für Menschen in Bahrain, für den Jemen, für den Irak und für Afghanistan.

Russland bewies sich dabei als Unterstützer nicht nur der arabischen Länder, sondern jetzt auch von seinem Verbündeten Venezuela. Auch China und Südafrika stehen an der Seite der Länder, die gegen den Imperialismus kämpfen.

Nein - in Venezuela ginge es nicht nur um Öl. Es ginge darum, dass der Westen den Zugang zum Panamakanal schließen kann. Es ginge um die vollständige Kontrolle der Welt: ideologisch, politisch, wirtschaftlich und sozial. Und um das Ausschalten jeglichen Widerstands innerhalb der westlichen Hemisphäre.

Wenn Venezuela fällt, wird sich der nächste Angriff gegen Nicaragua richten, um sich anschließend Kuba vorzunehmen.

Andre Vltchek endet: „Solange der westliche Imperialismus lebt, solange er seine Träume von der Kontrolle und Zerstörung des gesamten Planeten nicht aufgegeben hat, dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir müssen wachsam bleiben, wir dürfen keine Siege irgendwo auf der Welt feiern. Denn es geht bei weitem nicht nur um Öl. Es geht um das Überleben unseres Planeten.“

https://www.globalresearch.ca/like-libya-syria-venezuela-not-just-about-oil/5673488

Diese Parallelen in der westlichen Kriegsführung sieht noch ein anderer, ein deutscher Autor ganz deutlich, auch wenn es diesmal um die Länder Venezuela, Syrien und Iran geht. Michael Lüders schreibt: „Alle drei Konfliktherde, so unterschiedlich sie im Einzelnen sind, zeigen deutliche Parallelen. In jedem der genannten Länder versuchen (versuchten, im Fall Syriens) die USA, einen Regimewechsel herbeizuführen. Aus geopolitischen und wirtschaftlichen Motiven, insbesondere auch der Eindämmung und Schwächung russischer (und chinesischer) Interessen. Syrien, Iran und Venezuela stehen exemplarisch für Konflikte, die neben ihren regionalen Bezügen auch Weltpolitik beeinflussen – einschließlich einer jederzeit möglichen militärischen Eskalation zwischen Washington und Moskau. Um die westliche Öffentlichkeit vom Projekt Regimewechsel zu überzeugen, folgen hiesige Medien wie auch die Politik offenbar stets vergleichbaren Mustern.“

https://www.ipg-journal.de/regionen/global/artikel/detail/eine-katastrophe-reicht-3382/

Hoffnung gibt, dass immer mehr sogenannte Regime-Change-Projekte des Westens scheitern und dass trotz aller Medienkampagnen sich mehr und mehr Menschen von der verbrecherischen, völkerrechtswidrigen und mörderischen Kriegspolitik des Westens angewidert abwenden.

[1] Andre Vltchek ist Philosoph, Schriftsteller, Filmemacher und investigativer Journalist. Er hat über Kriege und Konflikte in vielen Ländern geschrieben, u.a. in Lateinamerika, Ostasien und dem Nahen Osten. Er erstellte eine Dokumentation über Ruanda und den Kongo und führte Gespräche mit Noam Chomsky in „Über den westlichen Terrorismus“.

[2] Wikipedia: Patria Grande ist das Konzept einer gemeinsamen Heimat oder Gemeinschaft, die das gesamte spanische Amerika und manchmal auch ganz Lateinamerika und die Karibik umfasst. Der Begriff steht im Zusammenhang mit politischen Ideen der iberoamerikanischen Integration, die die Balkanisierung des spanischen Imperiums in Amerika, die den spanisch-amerikanischen Unabhängigkeitskriegen folgte, ablehnte.

[3] So wie es gerade aussieht, wird die Strategie langfristig auch in Libyen nicht aufgehen.

15:52 17.04.2019
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Geschrieben von

augenstern

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