Die Kosten eines Krieges

Erster Weltkrieg. Der Artikel bezieht sich auf den I. Weltkrieg. Heute dürften diese Zahlen und Vergleiche noch um ein vielfaches gespenstischer ausfallen.
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In der Revue Politique Internationale (März – April 1915) erschien ein Artikel von Dr. L.V. Birek, Professor an der Kopenhagener Universität, mit dem Titel Krieg und Tatsachen:


"Weihnachten 1915 wird sich die Volksschuld der kriegführenden Nationen auf 300 Milliarden (1914 waren es 150 Milliarden) belaufen.

Diese in 18 Monaten mehr verausgabten 150 Milliarden entsprechen:
1. dem Werte des vereinigten europäischen, asiatischen, afrikanischen und australischen Eisenbahnnetzes (70 Jahre waren nötig, um es zu bauen).
Oder
2. dem Werte von drei Millionen fünfstöckiger Wohnhäuser mit je zehn Wohnungen, also je einer anständigen Wohnung für insgesamt 125 Millionen Menschen.
Oder
3. dem Werte der gesamten europäischen Viehbestände nebst landwirtschaftlichen Maschinen und mehr.
Oder
4. dem Werte von einer Million Quadratkilometer in Kulturland umgewandelte Wüste, auf dem 30 Millionen Menschen sich ernähren könnten, usw.
Der Panamakanal entspricht nur dem Wert eines Kriegsmonats. Die Forth-Brücke, der große Nil-Damm in Assuan, der Gotthard-Tunnel, deren Bau je 70 Millionen gekostet hat, entsprechen den Ausgaben eines Kriegsnachmittags. Der Kieler Kanal, der Suez-Kanal, der Manchester-Kanal, die dem Welthandel eine neue Wendung gaben, haben 1500 Millionen gekostet: eine Kriegswoche. Die gesamte Welthandelsflotte ist 15 Milliarden wert: ein paar Monate Krieg. Nach dem Kriege wird die Volksschuld 15 Milliarden Zinsen und jährliche Kapitaltilgung verlangen: genug um jeden Europäer, der das 50. Lebensjahr überschritten hat, eine Rente von 400 Franken zu gewährleisten.
Schlußfolgerung: die Unkosten des Krieges, die sich Weihnachten 1915 auf 150 Milliarden belaufen, können zehnmal mehr Menschen ernähren als augenblicklich im Kriege sterben. Also: 3 Millionen Menschen zu töten, kostet genau so viel, wie den Lebensunterhalt für 30 Millionen zu bestreiten.“

Aus: Roman Rolland „Zwischen den Völkern“, Band I, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1954, S. 348/349

14:35 25.07.2019
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Geschrieben von

augenstern

Interessiert an Politik und Kultur.
augenstern

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