Ein Buch, das nicht hält, was es verspricht

Rezension. Stefan Appelius „Die Spionin. Olga Raue – CIA-Agentin im Kalten Krieg“ Rowohlt Verlag, 2019, 604 Seiten
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Eigentlich kennt man das Buch, wenn man den Klappentext gelesen hat: „Schuldgefühle hatte und habe ich keine. Wir wollten etwas Gutes tun. Etwas Gutes für Deutschland.“ Genau darum geht es in diesem Buch: Die Spionage in der DDR für die US-amerikanische CIA war etwas Gutes. Auch wenn in jedem Land dieser Erde die Spionage für einen ausländischen Geheimdienst als „Landesverrat“ gilt, werden diese geheimdienstlichen Tätigkeiten gerechtfertigt, denn „den Arbeitern in Westdeutschland geht es wesentlich besser als denen im Osten“ und „die Errichtung ultramoderner Wohnhäuser“ gilt als „sichtbarer Beweis für die Überlegenheit des Westens über den Osten“.

Diese Umdeutung von schmutziger Spionagearbeit in eine moralisch gerechtfertigte Tätigkeit ist dann auch das Interessanteste an diesem im Präsens geschriebenen und mit Details überfrachteten Buch. Man fragt sich schon, warum ein Verlag wie Rowohlt den Lesern ein Buch zumutet, das auf über 600 (!) Seiten Langeweile verbreitet. Hatte der Leser auf ein Gänsehaut erzeugendes „Der-dritte-Mann-Feeling“ gehofft, wird er bitterlich enttäuscht. Stattdessen wird ein spießbürgerliches Agentenmilieu der 1950er Jahre ausgebreitet.

Der Autor berichtet ausufernd von seinen Rechercheanstrengungen, seinem Studium der Stasi-Akten und der Befragung noch lebender Zeitzeugen wie zum Beispiel Olga Raue selbst. Nachgezeichnet werden die Lebenswege der Mitglieder der Familie Raue, bestehend aus zwei Brüdern, der angeheirateten Olga, anderer Verwandter und ihres Umfeldes, und der Werdegang des von ihnen aufgebauten Spionagerings. Könnte spannend sein, ist es aber nicht.

Die Titel gebende Hauptakteurin, Olga Raue, die während ihres Medizinstudiums in Moskau auch die Russen ausspionierte, ist eine noch lebende Zeitzeugin. Was bei ihrer Befragung heraus kommt? Meist wenig, oft nichts. Davon zeugen Sätze wie: „Ich bin nämlich bei der Befragung von Frau Raue nicht sehr weit gekommen. Sie habe keine Unterlagen mehr, sagt sie.“ Die Person Olga Raue bleibt blass und nicht greifbar.

Der Autor scheut auch nicht davor zurück, peinliche Wiedersehen mit noch lebenden, damaligen Freunden und Bekannten zu arrangieren. Resultat: Sie haben sich nichts mehr zu sagen.

Stefan Appelius versucht, das Heldenepos einer jungen Spionin aufzubauen, die aus edler Gesinnung für die CIA ihr Land ausspionierte. Allerdings ist dem Leser schnell klar, dass eine Affäre mit ihrem weltmännisch auftretenden CIA-Führungsoffizier, der die Hoffnung auf ein Leben in Saus und Braus in den USA vermittelte, ein dickes West-Mark Konto, Luxusurlaube in Italien und der Schweiz, nicht unwesentlich zum Spionageeifer von Olga Raue beitrugen, die zur CIA Top-Spionin wurde, als sie in Russland in der Nähe von Moskau den Bauplatz für eine Wasserstoffbombenfabrik auskundschaftete.

Normaler Weise ergehen sich Bücher, die Geheimdienste und DDR zum Inhalt haben, in der Darstellung der schlimmen Sachen, die die ostdeutsche Stasi ihren Bürgern angetan hat. In diesem Buch lässt nun die CIA spionieren und ist der Stasi natürlich weit überlegen. „Die Wahrheit ist, dass die Stasi den westlichen Diensten mindestens genauso weit hinterherhinkte wie die östliche Mangelwirtschaft dem Kapitalismus des Westens.“

Die CIA-Agenten bemühen sich um einen Aufstieg in der DDR-Parteihierarchie, arbeiten unter Decknamen, legen tote Briefkästen an, fotografieren Stromkabel, erledigen Kurierdienste, schmuggeln Bücher in den Osten, übermitteln Listen von ZK-Mitarbeitern und Bitterfelder FDJ-Funktionären sowie Protokolle von Sitzungen in präparierten Handtaschen nach Westberlin, bespitzeln ihre Freunde und Kollegen. Im Zeitalter von Digitaltechnologie, Satellitenüberwachung, und Drohneneinsätzen wirkt das aus der Zeit gefallen und rührend altbacken.

Und war das wirklich alles, was die Spione für die CIA leisten mussten? Oder bleibt da vieles im Dunkeln? Was beispielsweise tat Heinz Raue noch, wenn es in einem US-amerikanischen Papier heißt, er habe „der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika nachrichtendienstliche Informationen von herausragender Bedeutung“ verschafft.

Was an Interessantem lässt sich in dem Buch finden? Vielleicht, dass Axel Springer Ende der sechziger Jahre einen Firmengeheimdienst gründete, der gegen den Osten arbeitete und in Verbindung mit der Westberliner CIA-Führung stand? Oder dass Wolf Biermann und Nina Hagen ihre Zähne bei Gerd Raue, den zahnärztlichen Spion, behandeln ließen?

Auch die Liebesbeziehungen, die im kleinsten Detail aufgeführten Irrungen und Wirrungen im zwischenmenschlichen Bereich aller in die Spionagegeschichte verstrickten Personen wirken mäßig aufregend. Interessiert es wirklich, dass Olga Raue ihre Schwägerin nicht leiden konnte oder Gerd Raue sein „Ostmäuschen“ Annemarie verstieß? Doch mit irgendetwas müssen die Seiten ja gefüllt werden, wenn die Spionagetätigkeiten so wenig hergeben.

Nachdem die Spione aufgeflogen sind, auch weil die attraktive Olga während ihrer vierjährigen Agententätigkeit nicht einmal in Moskau von der sexy Westunterwäsche lassen kann, und so bei ihrer Zimmernachbarin Verdacht erregt, wird der gesamte Raue-Spionagering in der DDR verhaftet und 1960 werden die drei Raues verurteilt. Da Olga Raue unverzüglich ein umfängliches Geständnis ablegt, die Seiten wechselt und von nun an mit der Stasi zusammenarbeitet, wird sie bereits 1965 wieder aus der Haft entlassen. Ab jetzt spioniert sie für die Stasi den US-amerikanischen Geheimdienst in Westberlin aus. 1977 siedelt Olga Raue in die Bundesrepublik über, wo ihr neuer Partner lebt.

Welch ein dreckiges Geschäft ist es, Freunde, Kollegen und sogar die eigene Familie auszuspionieren? Das wichtigste Bindemittel bei zwischenmenschlichen Beziehungen ist das Vertrauen, das Spione gnadenlos ausnutzen. Menschen werden benutzt, Vertrauen missbraucht. Spione betrügen und lügen. Keiner vertraut keinem. Dabei zählt Verrat zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann.

Die Rechtfertigung der Agententätigkeit für die CIA, die in dem Buch fast zur Heldentat stilisiert wird, funktioniert genauso wenig wie das gesamte Buch.



10:44 27.04.2019
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Geschrieben von

augenstern

Interessiert an Politik und Kultur.
augenstern

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