Gerhard Zwerenz an Wolfgang Harich

Zeitgeschichte. Gerhard Zwerenz im Jahr 1990 über auch heute höchst aktuelle Themen wie Ökologie und Frieden, Sozialismus und Dritter Weg, Ost- und Westdeutschland.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Aus: europäische ideen, „Gerhard Zwerenz. Texte, Briefe, Gedichte. Und eine Verlagskorrespondenz aus den 60er Jahren. Zu seinem Tode im Juli 2015“, 2016, Heft 157

____________________________________________________________________

Im Juni 1990

Lieber Wolfgang Harich,

Sie sind zu bewundern, wenn Sie sich Sorgen machen um die Gerechtigkeit oder den Fortbestand der Menschheit. Doch wer hört Ihre Warnungen? Sie wurden nur einmal ernstgenommen: 1956/57, als die DDR-Regierung Sie wegsperren ließ. Seither leben Sie als Mann ohne Echo wie jener Mann im Märchen ohne Schatten.

In „europäische ideen“ Nr. 73 rechnen Sie vor, was jeder Bundesbürger jedem DDR-Bürger schulde und wie schwer sich der Westen am Osten vergangen habe. Die meisten dieser Fakten sind nachprüfbar richtig. Was hilft’s? Wen kümmert’s? Erschwerend kommt hinzu, daß Sie aus richtigen Fakten falsche Schlüsse ziehen. Fast alles, was Sie erst am 9.5.90 in Berlin (Ost) an deutschländischen Befürchtungen und Verdikten zu Papier brachten, ist jetzt im Juni schon realisiert oder gegenstandslos geworden. Augstein an Weizsäckers Stelle? Nana. Bärbel Bohley? Warum nicht der Mann im Mond? „Die Würde der DDR-Bevölkerung gebietet also ...“ Die Würde? Ach Wolfgang. Ein „Raubvogel“ tauge nicht „als Wappentier eines Friedensstaates“? Erstens taugt er doch, zweitens wird damit dem deutschen Einheitsstaat eine Friedlichkeit unterstellt, die sich erst noch erweisen müßte. Drittens lahmen die schönen alten Bilder der Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, weil wir sie zu oft gebrauchten, ohne damit etwas zu bewirken.

Sie wiederholen die Lehre Ihrer ökologischen Warnbücher: Ohne persönliche Einschränkung, ohne Aufgabe westlichen Anspruchsdenkens, ich würde zuspitzen: Ohne den luxuriösen Verbrauch der Erde durch uns, die Minderheit irdischer Wohlstandskannibalen ist „weder die Meisterung der globalen ökologischen Krise noch die Entschärfung des Nord-Süd-Konflikts“ möglich.

Das ist gewiß so richtig wie oft genug vorgesagt. Worte bleiben ohne Wirkung. Wenn überhaupt, so korrigiert Menschheit sich nur durch Katastrophen. Sie müssen tragisch verlaufen, also das eigene Schicksal treffen wir Tschernobyl, das den sowjetischen Atom-Marschällen die Folgen eines Atomkriegs illustrierte. Nur das Chaos lehrt denken.

Die US-Atom-Generale zeigen sich von russischen Nöten unbetroffen. Sie wollen atomar weiterrüsten, vorerst bis zum Jahr 2050. Da müssen wir wohl um ein amerikanisches Tschernobyl beten.

Für Europa aber gilt: Nun wollen sie alle reich werden wie wir Westler: Die DDR-Deutschen, Polen, Russen... Angenommen, das gelingt und wir betonieren Europa bis zum Ural und Kaukasus zu wie unser eigenes BRD-Handtuch, verstopfen den Himmel gesamteuropäisch mit Flugzeugen und schaffen für die ca. 300 Millionen entsowjetisierten Sowjetbürger 150 Millionen Autos, so wie wir auf 2 BRD-Bürger 1 Auto haben: Wer vermag dann wo noch zu fahren, zu atmen, zu leben? Wenn dann schließlich die Asiaten und Südamerikaner kommen und leben wollen wie wir, die Inder und Afrikaner –
Jeder ökologisch ein wenig Beschlagene weiß: es geht nicht. Die Erde gibt’s nicht her. Irgendein Mathematiker errechnete, in 1600 Jahren wiege die Menschheit mehr als die Erde, auf der sie lebt. Bei der ungleichen Verteilung bewohnbaren Landes auf dem geplagten Globus müßten die Menschen in lauter Hochhäusern wohnen und der Erdball begänne zu eiern.

Wen kümmert das heute? Soll der DDR-Bürger deshalb auf seinen gebrauchten Westwagen verzichten? Sollen Chinesen, Russen, Angolaner, Brasilianer sich deswegen der Motorisierung enthalten?

Diese Erde orgelt in die Katastrophe. Mit Worten ist das nicht abzuwenden. Sollen sie doch weltweit vereinigt zur Hölle fahren.
Sicher ist nur eines: Daß ich, daß jeder für sich ganz allein anders leben kann, also individuell revoltierend.
Sie, Wolfgang Harich, haben das einmal getan – 1956 – und dafür büßen müssen. Denn Undank ist der Welt Lohn oder, mit Büchner gesprochen: Nichts kommt einem im Leben so teuer wie die Humanität.
Jetzt geht Deutschland geeint über alles hinweg. Wie jedes vorige Mal meinen die Deutschen, ihr Glück halte ewig an. Wie jedes vorige Mal kommt danach der tiefe Fall. Erfahrung aber ist nicht lehrbar. Also müssen sie fallen. Oder die Geschichte hört auf, was sie wohl nicht einmal den Deutschen zuliebe tun wird.

Vor einiger Zeit las ich Ihre Attacke auf Nietzsche, den Sie als Hitlers Vorreiter werten. Dafür läßt sich manches beibringen, auch dagegen. Angenommen, Sie haben recht, wie steht es dann mit den Vorreitern Stalins: Hegel, Marx, Engels, Lenin?
Rückblickend meine ich, wir, die antistalinistische Fronde von 1956/57 suchten damals die Chance eines 3. Weges wahrzunehmen und scheiterten. Das entwertet unsere Haltung nicht. Doch das NEIN der Partei – man lese es nach im „ND“ vom 15.10.57, Seite 4: „Die Illusion vom dritten Weg“ – besiegelte unser Schicksal, die Partei zerschlug die Opposition, verstellte den dritten Weg und bereitete ihren eigenen Untergang vor, indem sie sich für drei weitere schäbige Jahrzehnte an der Macht hielt, um ein heruntergewirtschaftetes Land und Volk zu hinterlassen.

In der Folge standen auch Havemann und Biermann auf verlorenem Posten. Nachdem die objektive Chance 56/57 nicht wahrgenommen worden war, mußte jede spätere Liberalisierung zur Entsozialisierung führen. Wären Biermanns Lieder zugelassen worden, hätte sich eine Volksbewegung gebildet, ein früher Herbst 1989 – wenn die objektive Chance verpaßt ist, helfen keine Lieder mehr und keine Polizei.

Indem Sie in der alten Frontstellung verbleiben, für die linken Theorien (Hegel usw.) und gegen die rechten (Nietzsche usw.), verlängern Sie obsolete Ideen und Haltungen. Das schlimmste Verbrechen der Realsozialisten war die völlige Entwertung der Arbeiterbewegung und der mit ihr verbundenen Aufklärung. Ohne Realsozialismus, also nicht nur Stalinismus, sondern eben: Kommunismus/Sozialismus, kein so vollkommener Sieg des Kapitals, wie wir ihn jetzt erleben. Freilich auch: Ohne die östlichen Drohungen keine Transformation des Kapitalismus zu dem, was westdeutsch soziale Marktwirtschaft heißt, der nun auf Gedeih oder Ungedeih alle vormals realsozialistischen Länder sich ausliefern wollen und müssen. Was draus wird, steht in den Sternen. Sicher ist nur eines – die Untauglichkeit herkömmlicher Theorien, die völlige Niederlage der Arbeiterbewegung, die notwendige Umwertung aller Werte und lieben Gewohnheiten.

Die Sowjetunion und ihre Sklaven machten die Revolution zum Gespött und Deutschland zum einzigen Sieger des zweiten Weltkriegs. Nun verordnen uns die Orwellschen Neusprachler Patriotismus und Optimismus, und die Moskauer Genossen liegen ihnen zu Füßen. Ihr zweiter Weg erwies sich als Holzweg, unsern dritten Weg wollten sie nicht gehen, jetzt barmen sie das Kapital an, den direkten ersten Weg gehen zu dürfen, der gestern noch mit dem Tode bestraft wurde, wie der dritte Weg mit Zuchthausurteilen.

Derlei steht schon in der Bibel geschrieben, dort heißt das: Tanz ums goldene Kalb.

Da hilft kein Wort, kein Einspruch, schon gar nicht die liebe alte Gesellschaftsanalyse. Da kann man nur noch einhalten mitten im Tanze, beiseite gehen, notfalls lächelnd schweigen. Unserer Altgeneration dürfte das leicht fallen. Wir haben die meiste Zeit hinter uns, und nach uns kommt, unreligiös wie wir immer noch sind und bleiben: nichts. Machen unsere Nachkommen daraus das Substantiv NICHTS, ist es ihre Sache. Wir waren schon immer für die Freiheit, auch zum Selbstmord. Nun lasset sie sich doch zu Tode produzieren und konsumieren und somit erweisen, dass Papa Sigmund Freud unrecht hatte, als er den bereits behaupteten Todestrieb dementierte. Die glatte Widerlegung eines Denkfehlers ist das EXperiment schon wert, der letale Abgang eines längst erloschenen Sternleins erschüttert das Weltall mitnichten. Nur die im All herumschwirrenden Ufos werden erstaunt nach jener Erde suchen, die uns fälschlicherweise als Heimat galt. In Wirklichkeit besteht deren Entelechie darin, unser aller Urne zu sein, und das ist der einzige kollektive Sozialismus, der verwirklichbar ist.

Dies wissen und erleben müssen, daß Argumente in der Medienkultur Hekuba sind, und sonst nichts, gibt unsereinem das Recht, lächelnd beiseite zu sitzen und zuzuschauen, wie unsere Nachkommen fleißig immer neue Hemden aufbrauchen, damit sie schneller ans letzte Hemd kommen, das keine Taschen hat.

Muß ich, mit so pessimistischen Gedanken, die Hände in den Schoß legen? Aber nein. Wer wie wir die Staaten, Parteien und Führer wechseln sah und sieht und damit die Lächerlichkeit des Weltgeschehens begriff, hat das Zwiedenken und Zwieleben lernen müssen. Gerade weil es so schlimm und schier aussichtslos steht, weigere ich mich, bei irgendeinem verordneten Opportunismus mitzumachen, sei es beim Absingen der neualten Nationalhymne, sei es bei der Internationale oder anderen Kirchenliedern. Da die vormalige DDR jetzt Gefahr läuft, das deutsche Sizilien zu werden, Armenhaus und Zentrale für Gangstergruppen, bedarf die dortige Bevölkerung unserer Sympathie und Interessenvertretung. Als die Straßendemos im Herbst 89 bei WIR SIND DAS VOLK angekommen waren, lieferten bundesdeutsche Partei-Ideologen die neue Losung: WIR SIND EIN VOLK. Messen wir den schönen Slogan an der jetzigen Lohnhöhe gegenüber westdeutschen Löhnen, besteht das DDR-Volk aus einem Drittel-Lohn-Volk. Was die Partei-Ideologen durchaus logisch rechtfertigen. Denn Leistung wird an Produktion gemessen, nicht an Revolution und Freiheitsverlangen. So unterteilt sich das EINE VOLK erneut in ZWEI VÖLKER.

Solange das so ist, bedarf das Drittel-Lohn-Volk unserer Sympathien. In diesem Maße hat auch die vielgescholtene PDS ihre Legitimation und Chance. Sie wird gebraucht, um die Gegenwart zu bewältigen, denn die Deutschen bleiben psychologisch und politisch so geteilt wie sie es in ihren Erfahrungen seit 1945 sind: Zu ihrem, unseren Nutzen übrigens, denn ein nahtlos fortgesetzter Einheitsstaat hätte uns schlecht angestanden. Zu zahlen hatten und haben die Vertriebenen der verlorenen Gebiete und die DDR-Bürger mit immerhin vierzig Jahren Haft.

Was ist daraus zu machen? Was wir damit anfangen. Ob diese alte Erde in ferner Zukunft den Kältetod erleidet oder in naher Zukunft den Kosumtionstod, ist meine Sache nicht mehr. Die neue Abenteuerlichkeit des Lebens im Lande aber, der spürbare Hauch des Chaos, das heranstreift, die plötzlich losbrechenden neuen Möglichkeiten – dies alles frischt das Leben neu auf. Auch für uns Rentner.

Herzlich
Ihr
Gerhard Zwerenz

----

Mit der freundlichen Genehmigung des Herausgebers der europäische ideen, Andreas W. Mytze.

Das Heft hat 32 Seiten und kostet 3 Euro
Weitere Beiträge von Siegfried Prokop und Hannes Schwenger
Zu beziehen über awmytze@hotmail.com

----

Gerhard Zwerenz (*3. Juni 1925 in Gablenz/Sachsen, † 13. Juli 2015 in Oberreifenberg/Taunus) veröffentlichte mehr als 100 Bücher und Schriften. Er arbeitete zunächst in der DDR als Journalist, wurde wegen kritischer Äußerungen 1957 aus der SED ausgeschlossen und siedelte noch im selben Jahr wegen drohender Verhaftung in die BRD über. Von 1994 bis 1997 saß Zwerenz als parteiloser Abgeordneter für die PDS im deutschen Bundestag.

Wolfgang Harich (*9. Dez. 1923 in Königsberg/Preußen, † 15. März 1995 in Berlin) war Philosoph und Journalist in der DDR. Er engagierte sich für politische Reformen und einen demokratischen Kommunismus, wurde 1957 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und 1964 amnestiert. Anschließend arbeitete er als freischaffender Wissenschaftler und Lektor. 1990 erfolgte vom Obersten Gericht der DDR seine Rehabilitierung. 1992 gründet Harich die „Alternative Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte“. 1994 tritt Harich der PDS bei.

19:29 14.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

augenstern

Interessiert an Politik und Kultur.
augenstern

Kommentare 1