"Underground“: nicht nur schwarzer Einband

Rezension. Niko Rollmann „Underground. Geschichten aus dem unterirdischen Berlin“ - Texte, die es in sich haben.
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Ein optisch ansprechendes, in schwarz gebundenes Büchlein, dessen Texte genüssliches, manchmal so tiefschwarzes Lesevergnügen bereiten, wie der Einband es verspricht. Der Ort der Handlung aller fünf Kurzgeschichten ist das unter Berlin verlaufende Tunnelsystem mit seinen verborgenen Orten, denen Niko Rollmann bereits mehrere Fachbücher gewidmet hat.

An diesen dunklen, geheimnisvollen Orten entscheiden sich Schicksale. In „Die Entdeckung“ geht es um die Öffnung eines zugemauerten Tunnels durch den „Verein zur Erforschung und Dokumentation der historischen, unterirdischen Bauten Berlins und Brandenburgs“. Am Ende des Tunnels wird ein Hohlraum vermutet und ein unbedeutender Berliner Lokalreporter träumt davon, dort die „echten Hitler-Tagebücher“ zu finden. Doch keiner der Beteiligten wird an diesen Orten gelangen.

In „Kellerassel“ werden wir in die dunklen Endzeiten des Nationalsozialismus' zurückversetzt, wo der Tunnel einer Jüdin zum Versteck und Schutzort sowohl vor den NS-Schergen als auch vor den englischen Bombenangriffen geworden ist.

Ein Mann, der Faszination der unterirdischen Gemäuer erlegen, nimmt in „Der Tunnel“ seine neue Bekanntschaft mit in die Unterwelt. Die Frau empfindet angesichts der feuchter Düsternis nur Furcht und entwickelt mörderische Ahnungen. Das Ende einer Liebe, die noch gar nicht richtig angefangen hatte.

Wie können der Tourismus in Berlin angekurbelt und die morbide Sensationslust der Stadtbesucher, die enttäuscht sind, hier nicht mal ein Hitler-Grab oder den Fressnapf von Blondi besichtigen zu können, befriedigt werden? „Reload“ gibt darauf eine Antwort. Angezogen von der „Faszination des Bösen“ könnten in einem falschen „Führerbunker“ die voyeuristischen Splatterfantasien hinsichtlich Adolf und Eva, Endzeitstimmung, Erschießungsbefehl und Zyankalikapseln Erfüllung finden. Große Nazi-Show mit Museumsshop und Café. Souvenirs mit „ein bisschen Hitler“ drauf. Hitler-Geisterbahn zum Gruseln als echte Alternative zum Holocaust-Denkmal.

Für einen Penner sind Tunnels nicht nur Unterschlupf, sondern auch Heimat, die eine ganz besondere Stille ausströmt. In „Endstation“ wartet ein Gestrandeter, getröstet durch Alkohol, auf den Tod.

Neugierig Suchende, tödlich Bedrohte, enttäuscht Liebende, sensationslüsterne Touristen, verlorene Seelen, sie alle ziehen den Leser mit hinein in das Labyrinth der unterirdischen Tunnelsysteme, „in das innerste Wesen des Untergrunds“ mit seinen „vielschichtigen Dimensionen“. Ein neuzeitliches Labyrinth des Minotaurus, in dem Niko Rollmann den Faden spannt, der uns wieder sicher an die Oberfläche bringt.


Niko Rollmann „Underground. Geschichten aus dem unterirdischen Berlin“, Selbstverlag, Berlin 2018, 39 S., 15,00 €.
Zu beziehen über: Niko Rollmann, PF 04 01 13, 10061 Berlin, niko.rollmann@gmx.de

19:21 24.02.2019
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Geschrieben von

augenstern

Interessiert an Politik und Kultur.
augenstern

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