Gerecht/ Ungerecht -- und die Piratenpartei

Prozessgerechtigkeit Andrea Roedig misstraut dem Begriff der Gerechtigkeit und plädiert für Umverteilung -- ist das die Lösung? Eine Begriffsdifferenzierung*
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Regelmäßig werden die Folgen politischer Entscheidungen diskutiert oder antizipiert: Wer wird begünstigt, wer benachteiligt — ist das gerecht? Um dies zu beantworten, muss zunächst differenziert werden.

Was ist gerecht?

Die Verteilungsgerechtigkeit ist ein inhaltliches Kriterium der Angemessenheit des Ergebnisses einer Entscheidung: Hat jeder erhalten, was er verdient? Als nähere Bestimmung des Kriteriums kann dabei die Leistung oder das Bedürfnis der Beteiligten Berücksichtigung finden. Demgegenüber charakterisiert die Verfahrensgerechtigkeit den Prozess der Entscheidung — unabhängig vom Ergebnis im Einzelfall.

Welche Entscheidungen werden als gerecht empfunden? Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Personen wichtiger ist, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist, als das Ergebnis selbst. Wichtiger als eine sicherlich wünschenswerte Umverteilung, wäre demnach ein transparentes und akzeptiertes Prozedere, das möglicherweise zu einer (dann auch konkreten) Umverteilung führt -- denn, wie richtig erwähnt: Eindeutig sind die Regeln dazu keineswegs!

Die P(rozess)-Partei

Genau hier beginnt (auch aktuell) das Missverständnis in der Diskussion um die Piratenpartei. Denn der öffentliche Diskurs beschäftigt sich meist mit den inhaltlichen Konsequenzen oder Positionen — wie kann eine Partei ernst genommen werden, die (noch) keine konkreten Inhalte vertritt? Die Vertreter der Piraten wiederum haben es versäumt, ihr Anliegen genauer zu erläutern. Der vielbemühte Begriff der Transparenz beschreibt die Prozessorientierung nur unzureichend. Radikal wäre, als Prozess-Partei aufzutreten und Inhalte als notwendige Konsequenzen zu begreifen, die — auch wenn unbequem — durch eine methodische und weniger durch eine inhaltliche Begründung legitimiert sind.

Hinsichtlich der Auflösung der traditionell ideologisch geprägten politischen Kategorien, könnte ein explizites Bekenntnis zu einer spezifischen politischen Prozesstheorie das Profil aller Parteien schärfen. Denn natürlich sind alle Parteien neben ihrer inhaltlichen Orientierung zunächst auch immer eine Prozess-Partei.

Nebenbei: 50 % der Deutschen finden Deutschland gerecht!

*Erstmals (beinahe identisch) publiziert auf blog.plab, am 28.04.2012, unter dem Titel: Was die Medien nicht verstehen: It’s the process — stupid!

18:34 11.10.2012
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Geschrieben von

awe

Dipl.-Psych.; wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der allgemeinen Psychologie und der Kognitionswissenschaft
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