Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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RE: Der Wille des Volkes | 30.05.2010 | 18:41

Das ist ja eine rege Diskussion - nein, ich bin nicht das Volk! Niemand ist das Volk! Wir sind nur alle zusammen das Volk. Und deshalb wird es wohl unmöglich sein, ohne Kompromisse gemeinsame Politik zu machen. Das ist, worum es mir geht - das jeder Einzelne irgendwelche Erwartungen hat, ist klar. Aber Parteien sind dafür da, Politik über Mehrheiten zu organisieren und das Land zu regieren. Denn im Guten ist damit die Organisation des Miteinanders aller Brüger gemeint. Wer seine Wahl oder Partein versteht, um nur seine Meinung durchzusetzen, der wird damit nicht weit kommen, glaube ich.

RE: Gott wird ein Auge zudrücken | 25.02.2010 | 12:36

Mit großem Interesse verfolge ich diese Debatte - und habe nun doch eine Frage: Ist es wirklich so, dass wir von Menschen, die einer Vereinigung vorstehen tadelloses Verhalten erwarten können? Muss also eine vollkommene Einheit zwischen Leben und "Predigt" existieren? Wenn dem so ist, frage ich mich, ob es überhaupt Menschen gibt, die für diese Positionen geeignet sind. Hat der Papst nie gelogen? Hat der Dalai Lama nie die Fassung verloren? Ist es wirklich realistisch, von Vorsitzenden ein perfektes Leben zu erwarten? Oder beginnt nicht gerade damit die Heuchlerei? Ist nicht das das Problem - sowohl der evangelischen als auch der katholischen - Kirche: dass sie lieber "Sünden" vertuschen, um das Image der Unfehlbarkeit aufrechtzuerhalten, obwol das nach Menschenermessen gar nicht möglich ist? Und warum dürfen "normale" Menschen an den Ansprüchen der Moral scheitern, Führungspersonen aber nicht? Mit anderen Worten: Muss man ein besserer Mensch sein, wenn man führt? Und wer erwartet das eigentlich?

RE: Der Geist ist geil ... | 13.02.2010 | 22:02

Chrismar, ja - und nein! Perversionen an sich sind wunderbar! Der von Ihnen zitierte Sadist, der in einer SM-Session einen anderen Erwachsenen quält - wunderbar! Und, ja, Erwachsene haben das Recht, Erfüllung zu finden: Auch in der Kirche. Auch im Zölibat. Egal. Pervers wird es nur, wenn Sie etwas ohne das Einverständnis anderer tun. Und der Unterschied zwischen einem Sportlehrer und einem Priester ist, dass der Sportlehrer direkt zur Rechenschaft gezogen wird, sich über den Priester nicht bei der Staatsanwaltschaft sondern bei der Kirche beschwert wird - weil die Kirche in den Kategorien von Schuld und Sühne selber richten will.
Und darum geht es: Jeder Mensch soll seine Erfüllung fnden, ohne anderen zu schaden. Die Katholische Kirche sieht das anders: Während sie erwartet, dass alle das Zölibat verstehen, disktiminiert sie Schwule, sexuelle Ausschweifungen etc.
Das ist die Bigotterie, die ich nicht verstehe - die Nichtakzeptanz der Kreatur.

RE: Der Geist ist geil ... | 08.02.2010 | 19:06

Lieber Ludwig Hasselberg, gemeint ist, dass es doch absurd ist, das Kreatürlich am Menschen als Sünde zu erklären - und dadurch gerade die Geheimniskrämerei zu fördern. Das erklärt vielleicht auch unser Erstaunen darüber, dass all das auch in Berlin möglich ist: Die Drohgebärde der Sünde (und ihrer Folgen) führt dazu, dass die katholische Kirche ihre eigene Rechtssprechung pflegt - eben nicht öffentlicht. Seit Jahrtausenden ist - glaube ich - das eines der größten Machtinstrumente, und, ja, es serschreckt, dass es auch heute noch, im aufgeklärten Berlin und anderswo, funktioniert.

RE: Die Einsamkeit des Profis | 11.11.2009 | 19:11

Liebe Kritiker dieses Textes -
ich lese über das Missfallen, das Sie ausdrücken - und frage mich, wie es dazu kommt?
Zunächst vielleicht dieses: Dieser Text ist kein Auftrag, kein journalistisches "Pflichtstück" - es ist gestern Nacht entstanden. Als Skizze zunächst.
Vor zwei Tagen hatte ich einen Text zu Philipp Lahm geschrieben, nun hörte ich in den Nachrichten von Robert Enkes Tod. Und: wollte meine Gedanken dazu ordnen.
Das habe ich getan. Als ich heute Morgen den Text nocht einmal gelesen habe, nach wie vor ratlos, machten meine Gedanken (für mich) noch immer Sinn, und ich dachte, es wäre vielleicht gut, sie zur Diskussion zu stellen.
Was mich verwirrt, ist die Kritik daran, dass Journalisten ein Ereignis wie dieses aufgreifen und kommentieren. Ich finde, das ist eine Selbstverständlichkeit - die Frage ist allein: wie berichten?
Ich selbst habe vor längerer Zeit eine sogenannte Medienschelte formuiliert, damals zum Schulmassaker, in dem es wirklich um Eventjournalismus ging.
In diesem Fall sehe ich das andes. In vielen Texten, auch von Kollegen, sehe ich eine Auseinandersetzung und die (vielleicht hilflosen) versuche, das "Warum?" zu beantworten?
Geht es uns nichts an, weil jeder Mensch ein Recht auf sein eigenes "Warum" hat? Vielleicht. Und dennoch ist die Tabuisierung des Suizids (und der Krankheit Depression) schon merkwürdig.
Dieser Text entstand - wie gesagt - vor der Pressekonferenz. Und nach der Pressekonferenz finde ich ihm um so wichtiger. Denn die Frage nach dem "warum" stellt sich für mich noch einmal ganz anders, nicht privat, sondern gesellschaftlich: Warum wird eine Pressekonferenz mit den Worten eröffnet, dass es im Fußball noch immer viele Tabus gebe? Warum wird gleichzeitig versucht, vom Fußball als Teil des Kosmos, in dem Menschen zusammenbrechen abzulenken? Warum gehören Fußbalsspieler zu den wahrscheinlich am sogfältigsten betreuten Menschen - und warum gibt es trotzdem keine Hilfe? Ich finde diese Fragen wichtig.
Ebenso wie die Frage, wie das System Sport funktioniert? Wer beheauptet, "das hat nichts mit Sport zu tun" - und da bin ich sicher - irrt: Der Soprt ist eine Welt, in der das Individuum stets einen großen Spagat zwischen Heldentum und Privatmensch absovieren muss, in dem der Druck groß ist und es tatsächlich vom "Umfeld" abhängt, wie mit diesem Druck umgegangen wird.
Und, ja, es ist doch verwunderlich, wie Philipp Lahm kleingehalten werden sollte. Es ist befrebdlich, wie über Grafites "Urlaub" berichtet wurde. Es ist eine Frage wert, wie Joachim Löw mit Enke umgegangen ist. Ich finde all diese Fragen wichtig - und ich stelle sie zum großen Teil ohne Antworten. Und auch das finde ich richtig. Denn Journalismus kann nicht immer antworten.
Wären die Kommentare auf dieser Seite nich anders ausgefallen, wenn es sich um eine "Lidl"-Angestellte gehandelt hätte? Oder um einen Spitzenmanager? Robert Enke war Fußballer - und ich bin ziemlich sicher, dass auch in seinem System, dem System des Leistungssports, einiges in Frage zu stellen ist.
Ich lese in Ihren Kommentaren viele neue Fragen, aber eben auch ein grundsätzlich vernichtendes Urteil, überhaupt über dieses Thema zu schreiben. Mich befremdet das. Ich kann nur wenig damit anfangen, zu lesen: Das ist überflüssig, das ist Voyeruismus etc. Nein, das kann ich als Autor dieser Zeilen sagen: Es ist eine Frage, die mich zu diesem Text getrieben hat. Eine Frage, die - und auch das lese ich - nicht nur ich mir stelle.
Ich respektire das Unbehagen, das Sie mit meinen Zeilen haben, aber für mich ist es auch eine Form des Journalismus, dieses Unbehagen als Anlass eines Gedankens zu nehmen. Eines Gedankens, der Widerspruch erwartet, der neue Einsichten erofft, der Dialog schafft.
In diesem Sinne bin ich gespannt auf die weitere Entwicklung dieser Kommentarspalte.
Axel Brüggemann

RE: Die Einsamkeit des Profis | 11.11.2009 | 19:01

Liebe Kritiker dieses Textes -
ich lese über das Missfallen, das Sie ausdrücken - und frage mich, wie es dazu kommt?
Zunächst vielleicht dieses: Dieser Text ist kein Auftrag, kein journalistisches "Pflichtstück" - es ist gestern Nacht entstanden. Als Skizze zunächst.
Vor zwei Tagen hatte ich einen Text zu Philipp Lahm geschrieben, nun hörte ich in den Nachrichten von Robert Enkes Tod. Und: wollte meine Gedanken dazu ordnen.
Das habe ich getan. Als ich heute Morgen den Text nocht einmal gelesen habe, nach wie vor ratlos, machten meine Gedanken (für mich) noch immer Sinn, und ich dachte, es wäre vielleicht gut, sie zur Diskussion zu stellen.
Was mich verwirrt, ist die Kritik daran, dass Journalisten ein Ereignis wie dieses aufgreifen und kommentieren. Ich finde, das ist eine Selbstverständlichkeit - die Frage ist allein: wie berichten?
Ich selbst habe vor längerer Zeit eine sogenannte Medienschelte formuiliert, damals zum Schulmassaker, in dem es wirklich um Eventjournalismus ging.
In diesem Fall sehe ich das andes. In vielen Texten, auch von Kollegen, sehe ich eine Auseinandersetzung und die (vielleicht hilflosen) versuche, das "Warum?" zu beantworten?
Geht es uns nichts an, weil jeder Mensch ein Recht auf sein eigenes "Warum" hat? Vielleicht. Und dennoch ist die Tabuisierung des Suizids (und der Krankheit Depression) schon merkwürdig.
Dieser Text entstand - wie gesagt - vor der Pressekonferenz. Und nach der Pressekonferenz finde ich ihm um so wichtiger. Denn die Frage nach dem "warum" stellt sich für mich noch einmal ganz anders, nicht privat, sondern gesellschaftlich: Warum wird eine Pressekonferenz mit den Worten eröffnet, dass es im Fußball noch immer viele Tabus gebe? Warum wird gleichzeitig versucht, vom Fußball als Teil des Kosmos, in dem Menschen zusammenbrechen abzulenken? Warum gehören Fußbalsspieler zu den wahrscheinlich am sogfältigsten betreuten Menschen - und warum gibt es trotzdem keine Hilfe? Ich finde diese Fragen wichtig.
Ebenso wie die Frage, wie das System Sport funktioniert? Wer beheauptet, "das hat nichts mit Sport zu tun" - und da bin ich sicher - irrt: Der Soprt ist eine Welt, in der das Individuum stets einen großen Spagat zwischen Heldentum und Privatmensch absovieren muss, in dem der Druck groß ist und es tatsächlich vom "Umfeld" abhängt, wie mit diesem Druck umgegangen wird.
Und, ja, es ist doch verwunderlich, wie Philipp Lahm kleingehalten werden sollte. Es ist befrebdlich, wie über Grafites "Urlaub" berichtet wurde. Es ist eine Frage wert, wie Joachim Löw mit Enke umgegangen ist. Ich finde all diese Fragen wichtig - und ich stelle sie zum großen Teil ohne Antworten. Und auch das finde ich richtig. Denn Journalismus kann nicht immer antworten.
Wären die Kommentare auf dieser Seite nich anders ausgefallen, wenn es sich um eine "Lidl"-Angestellte gehandelt hätte? Oder um einen Spitzenmanager? Robert Enke war Fußballer - und ich bin ziemlich sicher, dass auch in seinem System, dem System des Leistungssports, einiges in Frage zu stellen ist.
Ich lese in Ihren Kommentaren viele neue Fragen, aber eben auch ein grundsätzlich vernichtendes Urteil, überhaupt über dieses Thema zu schreiben. Mich befremdet das. Ich kann nur wenig damit anfangen, zu lesen: Das ist überflüssig, das ist Voyeruismus etc. Nein, das kann ich als Autor dieser Zeilen sagen: Es ist eine Frage, die mich zu diesem Text getrieben hat. Eine Frage, die - und auch das lese ich - nicht nur ich mir stelle.
Ich respektire das Unbehagen, das Sie mit meinen Zeilen haben, aber für mich ist es auch eine Form des Journalismus, dieses Unbehagen als Anlass eines Gedankens zu nehmen. Eines Gedankens, der Widerspruch erwartet, der neue Einsichten erofft, der Dialog schafft.
In diesem Sinne bin ich gespannt auf die weitere Entwicklung dieser Kommentarspalte.
Axel Brüggemann

RE: Kein Anschiss unter dieser Nummer | 13.07.2009 | 12:58

Lieber Sibelius - das ist genau, was ich gemeint habe: der Nervenzusammenbruch der Mitarbeiterin zeigt doch nur eines - dass die Telekom mit ihren Angestellten noch schlimmer umgeht als mit ihren Kunden. Und das ist, gelinde gesagt, eine Katastrophe!

RE: Land Guck-in-die-Luft | 16.06.2009 | 15:46

Lieber ahso,
ich habe im letzten Kommentar schon etwas dazu geschrieben - mir geht es zunächst nicht um eine Ideologie oder politische Richtung, sondern darum, dass überhaupt um politische Richtungen gestritten wird - und das gemeinsam. Dafür brauchen wir aber eine Identifikation, und das muss natürlich nicht der Nationalismus sein. In meinem Text geht es nicht um konstruierten Nationalismus - im Gegenteil, das sehe ich wie sie: er ist die größte Gefahr! Wohl aber geht es darum, dass Menschen sich auch durch ihre Wut, ihre Freude, ihre Hoffnungen definieren - und wenigstens das ist doch eine Grundlage eines Gemeinwesens oder Staates.Noch einmal: Ja, die Unterschiede der Menschen sind groß (und werden immer größer) und dennoch leben wir als Menschen zusammen - und ich finde, dass nicht einmal diese Klarheit heute Grundlage politischen Handelns ist. Und das ist bedauerlich. Ja, nennen Sie diesen Standpunkt: moralisch! Das bin ich gern.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann

RE: Land Guck-in-die-Luft | 15.06.2009 | 12:45

Lieber H. Yuren,
ich war einige Zeit unterwegs - und komme deshalb erst jetzt zum Antworten. Ich glaube, dass Wut und Stolz urmenschliche Eigenschaften sind. Und dass es nichts bringt, DEN Menschen als antiquiert abzuhaken, um ein gesellschaftliches Problem zu analysieren. Nein, im Herzen glaube ich an DEN Menschen! Anders können wir auch keinen Staat machen!
Vielleicht habe ich das bei Mozart gelernt: das all zu Menschliche, die Wut, die Leidenschaft, der Stolz sind Eigenschaften, die uns aktiv machen, die uns ausmachen, und, ja, die auch gefährlich sein können. Beim Satz mit dem "Sommermärchen" habe ich selbst gezögert. Aber dann habe ich ihn geschrieben, um einen alten "linken" Gedanken in Frage zu stellen: War es nicht typisch Deutsch, dass in der Krise der Stolz und die Wut unterdrückt wurden - und erst so manipuliert werden konnten? Ich glaube, dass eine Gesellschaft sich (so wie Frankreich, die USA, aber auch Russland und Kuba) Stolz un Wut leisten müssen, denn im Grunde ist sie gesund, wenn sie rechtzeitig und direkt "abgelassen" werden. Typisch Deutsch hingegen ist, vor lauter politischer Korrektheit in eine Situation zu kommen, in der diese all zu menschlichen Gefühle unterdrückt werden - bis sie explodieren. Und das ist allemal schlimmer als ein paar gröhlende Fans zur Fußball WM! Mit diesem (vielleicht schiefen) Vergleich ging es mir allein darum, zu behaupten, dass wir keine Gesellschaft leben können, die unsere Urinstinkte grundsätzlich ignoriert oder abschaffen oder gar verbieten will.
Liebe Grüße
Axel