Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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RE: Kann dieser Mann regieren? | 20.04.2009 | 14:01

Antwort: Teil1
Vielen Dank für all die Kommentare!
Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Frage nach der politischen Verantwortung im politischen Alltag wesentlicher ist als der "Hype" um einen Skiunfall. Lustiger Weise hat Althaus heute erneut festfgestellt: "Schuld ist nicht die richtige Kategorie" (wahrscheinlich ist er kein Freitag-Leser :-))
Aber gut, lassen wir Althaus mal hinter uns und kümmern uns um die politische Verantwortung. Sie haben bereits geschrieben, dass die Kriegseinsätze ein Thema sind, über das es zu sprechen gilt. In meiner Antwort habe ich auf die Sozial- und Bildungspolitik verwiesen und auf ihre Auswirkungen auf den eizelnen Menschen.
Wenn man einen Artikel über die "Schuldfrage" und die "Verantwortung" im politischen Handeln schreiben will, ist es glaube ich wichtig, kokret zu erklären, wie ein Gesetz auf den Alltag wirkt - um zu zeigen, dass Politik keine virtuelle Form der Machtausübung ist, sondern ein stellvertretendes Handeln, das das Leben der Menschen direkt beeinflußt.
Vielleicht gelingt es uns ja an dieser Stelle, Beispiele zu sammeln, die für einen solchen Text wichtig sind. Also: Wo gibt es konkrete politische Entscheidungen, deren Auswirkungen tatsächlich zu dem, was man gemeinhin "Tragödien" nennt führen.
Und noch eine Frage, damit wir es uns nicht zu einfach machen: Fordern demokratische Entscheidungen nicht immer Opfer? Also ist es nicht in einer Demokratie angelegt, dass Gesetze nie allen Menschen helfen können - sondern immer auch Verlierer haben.
Und damit die Frage nach der politischen Moral: Wem gegenüber muss ein Politiker Verantwortung tragen? Seinen Wählern gegenüber, sich selbt gegenüber, seinem Land gegenüber?
Ich habe in meinem Buch "Wir holen uns die Politik zurück" gerade versucht, diese Fragen zu stellen. Und bin immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass es ein Grundfehler unserer Demokratie ist, dass Politiker sich hinter ihren Parteien verstecken können.

RE: Kann dieser Mann regieren? | 18.04.2009 | 13:48

Lieber chapultepec, lieber knorpeli,
das ist intertessant, dass Sie die Frage nach der Verantwoprtung im politischen Alltag stellen. Als ich mit meinem Text begonnen habe, habe ich genau dort angefangen - nämlich bei der Frage, wie eigentlich ein Skiunfall mit Todesfolge gegen alltägliche, bewusste Entscheiudungen abzuwägen ist. Und dafür muss man nicht einmal ein Kriegszenario heranziehen.
Welche Verantwortung übernehmen Schul-, Sozial- und Innenpolitiker durch ihre Entscheidungen? Ist es nicht so, dass viele politische Entscheidungen zu wesentlich dramatischeren Konsequenzen für einzelne Menschen führen als der Skiunfall von Dieter Althaus?
Sozialgesetzte treiben ganze Familien in die Verzweiflung - was in diesem Familien passiert, welche Dramen sich in ihnen abspielen, wird allerdings selten in Zusammenhang mit den Politikern und ihren Entscheidungen gebracht. Ähnlich die Bildungspolitik: die Aufregung um einen Amoklauf darf nicht allein bei der Schuldfrage des Täters enden - sie muss auch handelnde Politiker einschließen, die das Bildungssystem und das Waffengesetz verantworten.
Es ist dieser Gedanke, der mich dann zur Moralfrage gebracht hat. Wieso reden wir so viel über einen Skiuinfall? Wäre es nicht einmal wert, die sogenannten "Tragödien" des Alltags zu verfolgen, für die Politiker und ihre Gesetze ebenfalls mitverantwortlich sind?
Ich habe diesen Gedanken dann auf Grund des Platzmangels fallengelassen. Aber er ist eine unsichtbare Brücke der einzelnen Gedanken des Textes: Dass Politiker sich leicht von einem Familiendrama distanzieren können, liegt daran, dass sie die Unmittelbarkeit ihrer politischen Entscheidungen kaum noch spüren. Dabei bin auch ich sicher, dass viele politische Entscheidungen zu weitaus größeren Tragödien führen als der Skiunfall von Dieter Althaus.
Und ja, darüber sollte man diskutieren: Alle fordern Verantwortung bei Managern. Wie sieht es eigentlich bei Politikern aus? Wie können wir es schaffen, dass sie mit den konkreten Ergebnissen ihrer Gesetze konfrontiert werden? Und gibt es ein sinnvolles Mittel, mit dem politische Akteure gezwungen werden können, ihr Handeln auch moralisch zu legitimieren?
Fragen, die offen sind - und über die es sicher Wert wäre zu streiten.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann

RE: "Ich mache ernst!" | 13.03.2009 | 09:39

(Teil 3 meiner Antwort)
Ich glaube, dass es in meinem Text nicht darum geht, Beileid mit den „Tätern“ zu haben. Und es geht auch nicht darum, ihre Existenz wichtiger zu nehmen als jene der Opfer. Diese Kategorien funktionieren einfach nicht.
Mir geht es darum, dass wir uns klar darüber werden, dass es die Aufgabe eine Gesellschaft ist, nicht aufzugeben, um scheinbar unintegrierbare Menschen zu kämpfen.
Denn das würde ja die nächste Frage aufwerfen: Ab wann geben wir einen Menschen auf? Wenn bei ihm früh Störungen festgestellt werden? Wenn er eine Therapie abbricht? Und was tun wir dann? Zwingen wir ihn, sich zu bessern? Sperren wir ihn weg? Warten wir, bis er sich selbst umbringt? All das kann nicht gehen.
Wenn wir als zivilisierte Gesellschaft überleben wollen, müssen wir darin investieren, dass wir um jeden Menschen – um jeden! – kämpfen, dass wir versuchen Zugang zu finden. Dass wir es schaffen, Familien, Lehrern und Psychologen, die keine Kraft mehr haben, die mit ihren Versuchen am Ende sind andere Menschen, Lehrer und Psychologen an die Seite stellen, um „den Fall“ zu übernehmen. Wir haben keine andere Chance, als darum zu kämpfen. Die Frage um Waffengesetze, Spielvideogesetze und Metalldetektoren an Schulen sind nachgeordnete Diskussionen. Sie werden die Spirale von Ausgrenzung und Rache an der Gesellschaft nicht lösen.
Das alles hat nichts mit Bigotterie oder christlichem Ethos zu tun – sondern mit der logischen Möglichkeit, wie ein Gesellschaft sich selbst erhalten kann.
Vielleicht liege ich vollkommen falsch mit meiner Einschätzung. Vielleicht ist sie naiv – oder zu idealistisch. Aber ich glaube, dass unsere Meinungen wirklich die Positionen sind, um die wir zu streiten haben.
Dürfen wir einzelne Menschen aufgeben? Wenn ja ab wann? Können wir einfach sagen, dass sie sich nicht integrieren wollen – und das so hinnehmen? Oder ist unser Miteinander stark genug, um alles zu versuchen, dass niemand aus der Gemeinschaft fällt – weil wir wissen, dass dieses zum Schaden der Gemeinschaft ist?
Auch ich habe keine letzten Antworten auf die Frage. Und mehr noch: Genau wie Sie kenne ich aus meinem eigenen Leben viele Menschen, dich ich für mich selbst abgeschrieben habe – einfach weil sie Idioten, Freaks sind, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Und ich finde, dass es auch mein gutes Recht ist, das zu denken. Und so zu handeln. Wenn es aber am ende niemanden mehr gibt und die Sicherungen bei diesem Freak durchbrennen ist es mir zu wenig, nur „Mitleid“ mit den Opfern zu haben. Ich kann dann nicht mehr eindeutig beantworten, wer Täter, wer Opfer ist. Das wäre mir zu leicht.

RE: "Ich mache ernst!" | 13.03.2009 | 09:38

(Teil 2 meiner Antwort)
Ist den Familien der Opfer tatsächlich dadurch geholfen, dass wir „Mitleid“ mit ihnen empfinden und den Mörder als „Freak“ darstellen? Ich befürchte, dass wir trotz berechtigter Wut über die Tat so nicht argumentieren können. Denn damit würden wir akzeptieren, dass derartige Amokläufe immer wieder passieren – und in Kauf nehmen, dass es schon bald wieder Opfer geben wird, mit denen wir leiden.
Nur nebenbei: Ich halte das Wort „Mitleid“ in diesem Zusammenhang auch für sehr problematisch. Können wir tatsächlich „mit leiden“? Können wir „mit fühlen“ was in den Familien der Opfer vorgeht? Oder leiden wir nicht nur bei – an ihrer Seite. Das mag Wortklauberei sein, aber ich befürchte, dass es gar kein „Mitleid“ geben kann für die Größe des Leides der betroffenen Menschen.
Und wie ist das denn genau? Haben wir nur Beileid mit den Opfern und ihren Familien, oder auch mit der Familie des Täters – und vielleicht sogar mit dem Täter selbst?
Sie argumentieren, dass er es nicht anders gewollt hat. Dass er nicht über die Möglichkeiten verfügt, das gesellschaftliche Miteinander zu respektieren – und dass er das auch gar nicht will.
Gehirnforscher sind sich weitgehend einig, dass es einen Willen in solchen Fragen gar nicht gibt. Ein Mensch wie Tim K. hat sein „Ich“ verloren, hat gar keine Kategorien mehr, was er bewusst will – und was nicht. Es gibt Studien über Kinder mit „adhs“. Dabei handelt es sich um eine Disfunktion des Gehirnes – wenn diese Kinder nicht behandelt werden, ist die Chance sehr groß, dass sie zu Gewalt neigen, dass sie nicht abzuschätzen lernen, das Gegenüber zu respektieren, dass sie die Trennschärfe ihres eigenen Handelns und seiner Wirkungen verlieren.
Ich gebe Ihnen Recht: Tausende von Psychiatern und Therapeuten, aber auch Millionen von Familen und Freunden leisten tagtäglich große Arbeit, um Menschen aufzufangen, versuchen, sie für die Gesellschaft zu begeistern, geben nicht auf.
Im Fall von Tim K. haben all diese Versuche nicht geholfen. Ist das die Schuld der Psychologen, wenn der Patient sich gegen eine weitere Therapie entscheidet? Ist es die Schuld der Eltern, dass sie ihren Sohn nicht im Griff haben? Oder ist es wirklich die Schuld des Patienten, dass er „es nicht anders will“?
Ich glaube, dass es darauf keine Antworten gibt. Und ich bleibe dabei: Eine Gesellschaft darf es sich nicht leisten, auch nur eines ihrer Mitglieder fallen zu lassen. Denn es funktioniert nicht – diese Haltung fordert unschuldige Opfer! Wir können es uns nicht so leicht machen und einen Menschen – selbst wenn er ein Freak ist – aufzugeben. In unserem eigenen Interesse. Weil eine Trennung zwischen Tätern und Opfern in diesen Momenten zwar angenehm ist, weil man damit ein moralisches Recht definiert – aber gleichzeitig aufgibt, weitere Opfer zu verhindern.

RE: "Ich mache ernst!" | 13.03.2009 | 09:36

Liebe Anousch O.,
vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar zu meinem Text.
Ich glaube, dass die Pole unserer entgegen gesetzten Einschätzungen der tatsächliche Kern der Frage sind, die wir nach einem Amoklauf stellen können und müssen. Ihre These und die meine sind genau jene Positionen, um die wir ringen sollten – um die wir ringen müssen!.
Wenn ich Sie richtig verstehe, ist ein Amokläufer für Sie ein Mensch, bei dem es fast zu spät ist, ihn in eine Gesellschaft zu integrieren. Und, ja, ich kenne das natürlich genau so, wie Sie es beschreiben: Es gibt diese Idioten, mit denen man nichts zu tun haben will. Wir kennen sie alle, diese – wie Sie sagen – „unausstehlichen und zutiefst beleidigte Freaks“. Und, ja, auch ich mache um diese Menschen lieber einen Bogen. Was soll ich mir mein Leben, meine Freiheit, meine Sehnsucht nach Schönheit von solchen Menschen kaputt machen lassen, wenn ich besser ohne sie leben kann?
Diese Argumentation scheint so selbstverständlich wie logisch. Denn hat nicht jeder Mensch das Recht, die Freiheit, sein Leben mit den Menschen zu leben, mit denen er gern leben möchte? Doch so verständlich dieser Wunsch ist, glaube ich, dass er zu einem gigantischen Problem werden kann!
Kann sich eine Gesellschaft wirklich leisten, einzelne Menschen abzuschreiben? Sie könnte es, natürlich! Man sagt einfach: Wir haben versucht, diesem Menschen zu helfen, er hat die Hilfe nicht angenommen – selber Schuld.
Und dann würden wir so argumentieren wie Sie: Er ist eben ein Idiot. Er ist der Täter. Und wir wollen nichts mit ihm zu tun haben.
Oft geht diese Haltung ja auch „gut“. Dann nimmt sich ein solcher Mensch irgendwann still und heimlich das Leben. Auch das ist seine Entscheidung – und meist respektieren wir sie. Um es sarkastisch zu sagen, wir halten das „Problem“ dann für gelöst.
Ein Amoklauf führt uns aber vor Augen, dass wir so nicht denken können! Allein dadurch, dass wir einen Menschen auf Grund seines Verhaltens aus dem gesellschaftlichen Miteinander ausschließen, bedeutet ja nicht, dass die Gesellschaft ihn los ist. Im Fall von Tim K. zeigt sich, dass er für einige Zeit in irgendwelche Welten fliehen kann, dass er sich alleingelassen in einen Wahn lebt, der ihn noch weiter von einem Miteinander entfernt – dass dieser Wahn aber früher oder später wieder zum gesellschaftlichen Problem wird. In dem Moment, in dem ein solcher Mensch seinen Hass nicht gegen sich selbst, sondern gegen unschuldige Opfer richtet.
Die Rollen von Täter und Opfer lassen sich in solchen Fällen (leider) nicht trennen! Die kaltblütig ermordeten Kinder, die Lehrer und Passanten sind Teil der gleichen Gesellschaft wie Tim K. Ob wir das wollen oder nicht.