Besonderes Merkmal: Schreier

Ritual der Woche Unser Autor hat bei der Telekom angerufen. Sein Handy ist kaputt und der Internetanschluss in Gefahr. Doch der Kommunikationsriese lässt lieber nach „Mister X“ suchen

Seit einigen Tagen bin ich ein „Schreier“. Und dafür musste ich nicht einmal schreien. Genau genommen habe ich natürlich doch geschrien, als mir das Telefon aus der Hose auf die Badezimmerfliesen gerutscht ist – aber das konnte die Telekom eigentlich nicht hören. Auf jeden Fall wurde die Anzeige meines Displays von diesem Tag an ständig ein Stück weiter vom weißen Nichts angefressen. Meine virtuelle Existenz war durch die reale Gebrechlichkeit meines Handys gefährdet.

Also bin ich zum T-Com-Shop gegangen, um meinen alten Vertrag zu verlängern und so ein neues Handy zu bekommen – die ausstehenden Kosten für mein altes Telefon wollte ich begleichen. Aber jeder Versuch, den realen T-Com-Mitarbeiter von meiner verzweifelten virtuellen Lage zu überzeugen, schlug fehl. Ihm war mein Dasein als Facebook-Existenz ebenso gleichgültig wie meine dauernde Erreichbarkeit per Mail. Gut, habe ich gedacht: dann anders! Keine echten Menschen, sondern ab in die Hotline.

Ich habe mich provokativ vor dem Vodafone-Laden gegenüber positioniert und die Beschwerdestelle angerufen. Ich kam zu meinem Erstaunen sofort durch und habe gleich meine säuselnde Engelsstimme aufgesetzt: „Ist es wahr, dass Sie mir kein neues Telefon geben wollen? – Ich frage das, weil ich ansonsten wechseln würde.“ Natürlich war es möglich!

Der Mitarbeiter am Telefon fragte mich lediglich, ob ich mich hartnäckig bei ihm beschwert hätte. „Nein“, habe ich geantwortet“ „das haben Sie doch gehört: Ich habe nur freundlich nachgefragt.“ – „Sie verstehen nicht: Ich muss hier ein Kreuz machen. Also, haben Sie mich angeschrien?“ Ich stand immer noch auf der Leitung und habe noch einmal „Nein!“ gesagt – etwas lauter, aber ohne zu schreien!!!

„Wenn Sie mich eben angeschrien haben, kann ich einen Haken machen und Sie bekommen das neue Telefon für einen Euro. Also, haben Sie sich außergewöhnlich hartnäckig beschwert?“ Nun fiel der Groschen: „Natürlich habe ich Sie angeschrien, ich hätte fast ins Telefon gebissen!“ – „Herzlichen Glückwunsch, Ihr neues Telefon ist jetzt auf dem Weg zu ihnen.“ So wurde ich zum Schreier in der Telekom-Datenbank.

Die Telekom ist ein hochtechnologisierter Laden. Es soll dort sogar Spracherkennungs-Computer geben, die herausfiltern, ob der Anrufer in der Hotline ein Schreier ist oder nicht. Wer bei der ersten Computer-Frage flucht, hat angeblich bessere Chancen, durchgestellt zu werden – natürlich zu einem psychologisch geschulten Telekom-Mitarbeiter. Es ist also nicht unbedingt ein Nachteil, bei der Telekom als Schreier vermerkt zu sein.

Die Datenbank der Telekom muss gigantisch sein. Sie ist schließlich auch ein Kommunikationsunternehmen. Also ein Laden, der viel erfährt und es als seine Aufgabe zu begreifen scheint, Kommunikation zu dokumentieren. Das soll schon bei den Mitarbeitern vorgekommen sein und zuweilen geistern auch Kunden-Daten durch die Weltgeschichte. Das ist die Realität. Die Werbung verspricht dagegen den Spaß an der virtuellen Welt!

Seit inzwischen vier Monaten ist es mein Ritual der Woche, regelmäßig bei der Telekom anzurufen und zu fragen, wann mein „Home Entertain“ denn endlich freigeschaltet wird. Die Antwort ist, dass die „Migration“ meines alten Anschlusses noch Probleme macht und mein gesamtes Telefon und Internet abstürzen würde, wenn ich nicht weiterhin zwei Anschlüsse bezahlen würde, von denen ich nur einen nutze. Die Telekom versichert mir aber, dass dieses eine ganz echte Gefahr sei!

Und nun der Knüller: Die Telekom hat erkannt, dass I-Phone-Apps, in denen man sich Fotos, Scrabble-Steine oder Spielkarten hin und her schieben kann, Pipifax sind. Ein echtes Telefonspiel ist für sie nur eines, in dem das Virtuelle das Reale trifft. Also hat die Telekom in Kooperation mit Ravensburger die moderne Version von „Scotland Yard“ aufs Telefon gespielt. Das Programm „Mister X“ ist ein Volltreffer!

Die Mitspieler gehen mit ihren Handys in die Stadt. Einer ist Mr. X, die anderen müssen ihn suchen. Der Clou: Jeder sieht auf dem Display die Position der anderen. Wer bestimmte Orte erreicht, findet dort „Gadgets“ (Nebelbomben oder Zeitverlangsamer), die er den Feinden aufs Display schicken kann.

„Mr. X“ erklärt allen Frust, den man mit der Telekom haben kann. Wahrscheinlich wurde eine Test-Version auf alle Büro- und Service-Computer der Telekom-Mitarbeiter gespielt. Für die ist der Kunde schon längst ein „Mr. X“, dessen virtuelle Bewegungen säuberlich dokumentiert sind, der in Schreier oder harmlosen Bittsteller unterteilt und durch virtuelle Gadgets zur Verzweiflung getrieben wird: durch mecker­resistente Service-Computer oder den erfolgreichen Zeitverlangsamer. Wer einen Telekom-Antrag gestellt und gewartet hat, weiß, was ich meine!

Liebe Telekom, ich ergebe mich! Eure virtuelle Welt hat mein reales Leben lange genug aus der Bahn geworfen. Ich bin Mr X. Vertragslaufzeit: 24 Monate. Aktuelle Position nach I-Phone-Kompass: 53°2’24’’N, 8°55’26’’O. Besonderes Merkmal: Schreier.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:05 18.11.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
Schreiber 0 Leser 9
Avatar

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare