Der errechnete Untergang

Weltuntergang Die Universität Maryland veröffentlicht eine neue Studie zur Apokalypse. Ein Kommentar zur Rezeption und dem, was wir lieber ignorieren
Axel Brüggemann | Ausgabe 13/2014 23
Der errechnete Untergang

Foto: Sonny Kumbelaka/ AFP/ Getty Images

Laut Roland Emmerich und dem Kalender der Maya hätte die Welt bereits 2012 untergehen müssen. Eine neue Studie der Universität Maryland vertagt die Apokalypse nun aber auf die „nächsten Jahrzehnte“. Grundlage ist eine Formel aus den zwanziger Jahren, das Räuber-Beute-Modell: Je mehr Beute es gibt, desto mehr Räuber versuchen, sie zu reißen. Die Beute wird dadurch weniger, die Zahl der Räuber nimmt wieder ab – und die Natur kehrt in das alte Gleichgewicht zurück.

Die Wissenschaftler haben jetzt in ihrem Modell noch das weltweite soziale Ungleichgewicht berücksichtigt. Ihre These: Mittelfristig sorgt dieses Ungleichgewicht aus wenigen Mächtigen und der Masse der Armen, die ungleiche Verteilung von Macht und Ressourcen, für den Untergang unserer Zivilisation. Denn die Eliten sind durch technische Errungenschaften nicht mehr direkt von den Wirkungen ihrer Taten betroffen, von Hungersnöten oder Umweltkatastrophen. Das lässt sie hemmungslos werden. Bis es zu spät ist.

Bereits Richard Wagner hatte im Ring des Nibelungen vor einer ähnlichen Apokalypse gewarnt. Hier liegt die Ursünde darin, dass Weltengott Wotan (Protagonist der Eliten) den Rheintöchtern (naive Beute) das Rheingold (Ressource) raubt. Frank Castorf hat das in Bayreuth mit der Geschichte des Öls gleichgesetzt – und konnte den Welt-untergang auch nicht verhindern.

Wirklich spannend ist, dass die Verbreitung der Studie ihren Wahrheitscharakter bereits belegt. Freitag-Blogger Seriousguy47 hat Pressemeldungen zusammengefasst und zeigt dabei, wie tendenziell neoliberale Blätter wie die FAZ oder die Wirtschaftswoche die Theorie als linkspopulistische Schaudergeschichte abtun und grundlegend falsch zitieren. So wird etwa von einer „NASA-Studie“ berichtet, obwohl die NASA nur einen Teil der unabhängigen Forschung finanziert hat.

Die Presseschau könnte als Beleg dafür dienen, wie die Eliten den Untergang längst schönreden und so die Distanz zwischen sich und der Beute vergrößern. Auch weil sie den Ausweg verschweigen, den die Studie vorschlägt: einen strukturellen gesellschaftlichen Wandel, mit dem das Ungleichgewicht zwischen Räubern und Beute aufgelöst wird.

Wotan und Hagen haben mit Lügen, Selbstbetrug und Vergessens-Drinks versucht, vom Weltuntergang abzulenken. Ohne Erfolg. Am Ende erklingt das Welterlösungsmotiv und macht klar, dass unsere Zivilisation, ebenso wie jene der Griechen, Ägypter und Maya, dem Untergang geweiht ist. Früher oder später.

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06:00 28.03.2014
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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