Die Einsamkeit des Profis

Eine Art Nachruf Ein Fußballer hat sich das Leben genommen. Über seine psychischen Probleme hat er nie gesprochen. Dennoch sind sich die Funktionäre sicher, sein Tod habe nichts mit Fußball zu tun

Hannovers Torhüter Robert Enke wählte den Freitod. Fußballmanager bemühen sich, zu behaupten, dass diese Entscheidung „nichts mit dem Fußball zu tun hat.“ Das kann nicht sein, denn der Sport ist zu einer hermetischen Welt geworden, in der Menschen nur noch Spielfiguren in einem System sind. Philipp Lahms Protest gegen das Bayern-Management war ein Warnschrei. Robert Enkes Tod ist das Fanal. Der Profisport muss umdenken.

Der Regionalexpress 4427 kam aus Bremen. Gegen 18.17 Uhr kam er bei Neustadt am Rübenberge, kurz vor Hannover, zum Stehen. Etwas ungelenk wird die Ursache bei der Bahn „Personenschaden“ genannt, intern spricht man von „Personenunfall“, im Schriftverkehr lapidar abgekürzt als „PU“.

Ein solcher Personenunfall ist keine Ausnahme in Deutschland. Statistisch kommt es täglich zu ungefähr drei Freitoden auf Bahngleisen. Und schon seit Jahren hat sich die Presse einen internen Kodex auferlegt, nicht über diese Suizide zu berichten – weil jede Berichterstattung Nachahmer animiert. Der Freitod ist wie eine ansteckende Krankheit, eine moderne Pest, die am besten totgeschwiegen werden soll. Der Personenunfall bei Neustadt war eine Ausnahme: Robert Enke, Torwart des Erstligisten Hannover 96 und Kandidat für die Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika, hatte sich selbst das Leben genommen.

Robert Enke, „Robert Riese“, der Held von Hannover, dieser besonnene, geniale, ruhige Mensch. Sein Tod stürzte die Fußballwelt in Schweigen. Dass ein Bundesligaprofi sich das Leben nimmt – unvorstellbar! Im Stadion und in der Sportschau werden wir wöchentlich Teil ihrer Welt, in der die körperliche Fittness, der wache Geist und das Im-Leben-Stehen gefeiert werden. Fußball ist ein Sport, der Schwächen erbarmungslos straft oder verdrängt. Der Tod ist in dieser Welt kategorisch ausgeschlossen. Robert Enkes Tod ist Realität. Eine Realität, die nicht in das öffentliche Bild des Sports passt.

Schon nach den ersten Kondolenz-Schreiben des Deutschen Fußballbundes und der Nationalmannschaft begann die Sportwelt ihre Unschuld zu behaupten. Noch in der Nacht war sich Hannovers Präsident Martin Kind angesichts Enkes Ableben sicher, „dass es nichts mit Fußball zu tun hat.“

Anderssein ist per Codex verboten

Nein, der Sport ist sicherlich nicht allein schuld am Freitod eines Fußballspielers. Aber der Sport – und besonders der Fußball – ist ein Umfeld, in dem der Mensch zu einer Figur wird. Zu einem Spieler, der in einem System zu funktionieren hat. Zu einem Spieler, der sich den Regeln des Vereins, der Aufstellung des Trainers und den Forderungen der Fans unterzuordnen hat. Der Fußball ist ein Milieu, das seine Helden stilisiert, zu Stars, die höchstens gutgeschminkte Spielerfrauen haben dürfen. Persönliche Probleme existieren nicht, Anderssein ist per Codex verboten. Die Bundesliga wird von Tabus regiert: Schwule kommen hier ebenso wenig vor wie Kranke. Als Sebasitan Deisler sich outete, an Depression zu leiden, wurde ihm das zum Verhängnis, seine Karriere war weitgehend beendet.

Es mag ein Zufall sein, dass die Fußballwelt in den letzten Tagen Philipp Lahms Interview in der Süddeutschen Zeitung als Befreiung eines Spielers aus dem Korsett der heimlichen Regeln des Sports diskutiert hat. Aber es liegt nahe, diese Episode heute in einem anderen Licht zu sehen.

Lahm hatte eine kluge, sachliche Kritik am Management des FC Bayern geäußert und einkalkuliert, dass er dafür bestraft werden würde. Seine Würde als Mensch mit Meinung war ihm der Streit und die Strafe wert. Während Manager Uli Hoeneß ihm die Worte übel nahm, in die Fernsehkameras drohte, dass der Spieler sein Interview „bereuen werde“ und tatsächlich eine Strafe von 25.000 Euro verhängte, feierte die Sportwelt den stellvertretenden Mannschaftsführer der Bayern als „Martin Luther des Fußballs“ (Süddeutsche). Oliver Kahn sagte: „Es ist wichtig, dass Spieler mal eine Verantwortung übernehmen. Das setzt Energien frei – und daraus wird sich etwas entwickeln.“

Spieler sind auch Menschen

Wie einsam Fußballer sind, die nicht länger hinnehmen wollen, dass der Paragraph 5 des Grundgesetzes, die Redefreiheit, für sie abgeschafft ist, zeigte sich allerdings, als kein Bayern-Spieler Partei für Lahm ergriff: Miroslav Klose antwortete diplomatisch dass es sich um Lahms und nicht um seine Worte handelte, andere Teamkollegen gingen ganz in Deckung. Sicher ist, dass auch Robert Enke einsam gewesen ist in seiner Welt des Fußballs – trotz der Kollegen, der Fans, trotz des Trainers und trotz des Managers. Enke fehlte die Kraft zu reden. Vor seinem Freitod war er nicht mehr zum Training erschienen, sein Berater versuchte ihn zu erreichen. Zu spät. Enke wählte das Schweigen. Sein Tod ist auch eine Mahnung an den Fußball, die Spieler wieder als Menschen zu verstehen.

Suizide lassen die Hinterbliebenen stets nach dem „Warum?“ fragen, ein Film beginnt zu laufen, in dem sich Erinnerungen abspielen. Die NDR-Sportschau am letzten Sonntag, nach dem Spiel von Hannover 96 gegen den Hamburger SV zum Beispiel: Enke haderte, ob er herauslaufen sollte, um den Ball abzufangen, oder ob er im Tor stehen bleiben sollte. Für den Bruchteil einer Sekunde war er unentschieden – da fiel das Gegentor. In der Sportsendung wurde diese Szene schon in der Zusammenfassung zwei, drei Mal wiederholt, stets mit der Frage: „War es ein Torwartfehler?“ Später war Hannover-Manager Jörg Schmadtke zu Gast, auch ihm wurde die Szene erneut vorgespielt – Torwartfehler?

Das Leben eines Fußballers besteht aus vielen Millisekunden, aus endlosen Entscheidungen. Und Enke wusste das. Er war 1999 mit Gladbach abgestiegen, wechselte mit 21 Jahren zu Lissabon, 2002 nach Barcelona, wo er ein Jahr unter dem heutigen Bayern-Trainer Luis van Gaal auf der Bank saß und nach Istanbul floh. Als am Spielfeldrand ein Schaf geschächtet wurde, verlor der Torhüter – Besitzer von acht Hunden – für einen Augenblick die Aufmerksamkeit, ließ einen Ball durch und wurde von den Istanbulfans mit Feuerzeugen und Flaschen beworfen. Wieder floh er und landete bei Teneriffa, wo er in der zweiten spanischen Liga auf der Bank saß. In Hannover wurde er zum Star, zog in die Nationalmannschaft, und wieder kam etwas dazwischen: Ein Virus legte ihn lahm, seine WM-Teilnahme war in Gefahr. Und das ist nur das sportliche Drama.
Der Vater Robert Enke verlor seine Tochter mit zwei Jahren. Sie starb an einem Herzfehler – als sie im Krankenhaus lag, musste er Fußball spielen. Erst im Mai adoptierte er mit seiner Frau ein Kind, das Glück schien zurückzukehren. Aber geht das wirklich so schnell?

Am 9. September dieses Jahres sagte Enke der Bild: „Ich habe sehr viel mitgemacht, beruflich und privat. Ich weiß nicht, ob jemand das Leben lenkt. Aber so viel weiß ich: man kann es nicht ändern. Man muss sich mit seinen Verletzungen abfinden, man muss sich damit abfinden, wenn man ein Spiel verliert, und man muss sich damit abfinden, wenn man ein Kind bekommt, das schwer krank ist und stirbt.“ Mit irgendetwas konnte sich Robert Enke nicht mehr abfinden. Vielleicht, war es die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit – der lebenslange Versuch, das Scheitern als Sieg zu leben.

Ein engagierter Sportler – belächelt

Der Vergleich mag hinken, aber Robert Enkes Karriere hat einige Parallelen zu jener von Philipp Lahm. Dem Bayern-Star blieb der sportliche und private Misserfolg weitgehend erspart. Und bestand die Welt für beide aus mehr als Sport. Wie Enke, der sich in der Tierschutzorganisation PETA und für den Kinderschutz engagierte, setzt sich auch Lahm für Kinder ein, gegen Homophobie im Sport, und hat eine eigene Stiftung gegründet – dafür wurde er oft belächelt. Und noch etwas: Während Enke vor den strengen Trainermethoden Luis van Grals floh, wählte Lahm eine öffentliche Debatte, um über den Trainer, das Management und die sportliche Perspektive seines Kindheitsvereins zu diskutieren.

Fußballspieler leben innerhalb eines hermetischen Systems, das dem Regualrium von Befehl und Gehorsam der Bundeswehr und gleichzeitig jenem von Bevormundung und Aufsichtspflicht des Kindergartens gleicht. Ein System, das sich legitimiert, indem es behauptet, Leistung würde allein durch Formung entstehen. Im Fall von Philipp Lahm aber zeigt sich auch, wo die Grenzen dieses Systems liegen. Und bei Robert Enke hat das System vollends versagt.

Fußballspieler sind Söldner. Sie verkaufen sich für Millionengagen an einen Verein (der nur selten wie im Falle Lahm ihr Heimatverein ist), der dann weitgehend über sie und ihre Freiheitsrechte verfügen darf. Fußballspieler werden zu Spekulationsobjekten, die gegen Ablösesummen verkauft, an andere Vereine ausgeliehen oder durch Verträge gebunden werden können. Ein moderner Menschenhandel, der selbst für Sportkommentatoren außerhalb der Diskussion steht. In der laufenden Bundesliga-Saison ist immer öfter ein Spielername in Verbindung mit einem Preis-Etikett zu hören. Dieser oder jener Spieler sei „sein Geld nicht wert“, heißt es dann, oder „er war ein billiger Einkauf“, oder: „Ob Jogi Löw diesen Fehler von Robert Enke gesehen hat?“

Tatsächlich sind die Preise im Spitzenfußball schwindelerregend: Cristiano Ronaldo wurde für 93 Millionen Euro verkauft, Kaká für 65 Millionen, und Mario Gomez war mit 30 Millionen Euro der teuerste deutsche Spieler, als er von Stuttgart nach Bayern wechselte. Während Managergehälter massiv in der gesellschaftlichen Kritik stehen, gehören Fußballer-Gehälter (an denen die Spieler in der Regel weniger verdienen als ihre Vereine) selbstverständlich zum Bestandteil des Sportes.

Er hat nie über psychische Probleme gesprochen

Dagegen, dass der Fußball sich am freien Markt orientiert, lässt sich nicht protestieren. Es stimmt allerdings nachdenklich, wenn dieser freie Markt nur deshalb existiert, weil er die Freiheit seiner „Spekulationsobjekte“, der Fußballer, beschneidet.
Beim FC Bayern ist der Verhaltenscodex für Spieler besonders streng. Trainer wie Louis van Gaal (unter dem auch Robert Enke zu leiden hatte) bestimmen sowohl die Sitzordnung ihrer Kicker beim Mittagessen als auch die Zeit ihres Geschlechtsverkehrs. Fußballtrainer organisieren durch Besucherverbote für Spielerfrauen und durch Ausgehsperren so ziemlich alle intimen Bereiche ihrer Spieler. Fußballer stehen unter ständiger medizinischer Kontrolle – um so verwunderlicher, dass Hannovers Mannschaftsarzt nun sagt, dass Robert Enke nie über psychische Probleme gesprochen habe. Die Spieler haben sich an die Welt der Betreuung gewöhnt, im Kosmos des Fußballs zählen nur sportlicher Erfolg oder Misserfolg. Vielleicht ein Grund, warum Enke selbst spielen wollte, als seine Tochter im Krankenhaus lag.

Der FC Bayern ist keine Ausnahme in diesem System: In Hoffenheim wurde gerade ein neues Trainingslager gebaut, das auf der einen Seite einer Wellnessoase, auf der anderen einem Fünf-Sterne-Knast gleicht. Trainer wie Felix Magath gelten als Helden, weil sie als Schleifer bekannt sind, als strenge Teamleiter. Doch anders als bei van Graal stehen Magaths Spieler hinter dem Konzept ihres Trainers, sehen seinen Erfolg und respektieren ihn als Führungsperson. Absurd aber wird es, wenn Armin Veh sich Kritik gefallen lassen muss, weil er seinen müden Torschützenkönig Grafite in den bezahlten Familienurlaub nach Südamerika schickte, damit er wieder Tore schießt. So viel menschliche Selbstverständlichkeit stößt im Fußball auf Skepsis. Robert Enke hätte derartige Einfühlung das Leben retten können.

Wir wissen nicht, was Robert Enke zu seiner Entscheidung getrieben hat – dass sie „nichts mit dem Fußball zu tun hat“, ist aber sicherlich falsch. Bei einem Fußballer hat alles auch mit dem Fußball zu tun – denn er ist eine Welt, die einen Großteil der anderen Welt nicht zulässt. Robert Enkes Tod ist eine Mahnung an den Sport, den Menschen im Spieler nicht zu vergessen.

14:30 11.11.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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