Die Ostküstenphantasie

Stars Scarlett Johansson will einen ehemaligen Kulturjournalisten heiraten und später in die Politik gehen– was will man mehr
Axel Brüggemann | Ausgabe 37/2013 6
Die Ostküstenphantasie
Ach ja, einen neuen Film mit ihr gibt es auch: „Under the Skin“. Darin lösen sich ganz nach ihrem Geschmack die Grenzen zwischen Schein und Sein auf

Foto: Zunino Celotto/ AFP/ Getty Images

Was fand Bill Murray in Lost in Translation eigentlich so faszinierend an Scarlett Johansson? In Wahrheit doch ihre Ungreifbarkeit. Oder ihre unverdorbene Direktheit jenseits aller Konventionen. Oder dass sie dem alten Schauspieler jenes Gefühl zurückgab, das er längst vergessen hatte: die alte Wildheit, die ewige Jugend, den verlorenen Sinn des Lebens?

Natürlich war die aufreizende Charlotte damals nur eine Rolle. Aber sie ähnelt Scarlett Johansson bis heute. Die schönste, reichste und aufregendste Schauspielerin Hollywoods hat Boulevardpresse und Feuilletons in Venedig gerade gleichermaßen durch das Tragen eines Diamantrings in Schnappatmung versetzt. Nach ihrer Liaison mit Schauspieler Ryan Reynolds will sie nun den ehemaligen Kulturjournalisten Romain Duriac heiraten (es gibt also noch Hoffnung, Anm. d. Red). Einen französischen Kritiker, der wie eine Mischung aus Bill Murray und James Bond aussieht. Kennengelernt haben sich die beiden (so sagt es der Medienmythos) über Fuzi, einen Muskelprotz aus den Banlieues von Paris. Mit Duriac hat er sich über Körperkunst unterhalten, Johansson hat er ein Hufeisen auf den Rippenbogen gestochen. Manche stilisieren die neue Liebe gar zur Hoffnung auf einen Paradigmenwechsel in Hollywood, zum Beweis der Erotik des Printjournalismus und zum Sieg der Hochkultur. Allerdings ist Scarletts neuer Mann längst in die Werbefachbranche gewechselt.

Johanssons Geschichte ist ein Pretty Woman für Linksintellektuelle, ein Märchen, dass Alt-68er auch Neu-2013er sein können, dass die Werte von damals noch immer geliebt werden – sogar von Hollywoods klügster und bester Schauspielerin!

Das Kind, das Robert Redford einst beim Pferdeflüstern half, das Woody Allen in Vicky Cristina Barcelona inspirierte und Bill Murray 2003 auf der Leinwand seinen Lebensmut zurückgab, ist erwachsen geworden. Das Mädchen aus der Bronx ist im Jetset angekommen und benimmt sich trotzdem, wie die alten Herren es gern hätten: Sie fährt mit einem BMW Z3 durch San Francisco und tritt plötzlich auf die Bremse, weil sie auf einem Calvin-Klein-Plakat ihr eigenes Dekolleté entdeckt. Dann ruft sie Journalisten entgegen: „Scheiße! Sind meine Brüste wirklich so groß?“ Sie wirbt für Louis Vuitton, Reebok und Dolce & Gabbana – überall sieht sie anders aus und ist doch immer dieselbe: ein Charaktermensch.

Scarlett Johansson ist die moderne Männerphantasie von Kerlen in der Midlife-Crises. Sie singt Songs von Tom Waits und Bob Dylan und ist eine politisch korrekte Ostküstenliberale. Wenn sie nicht gerade nackt und eine Frau wäre, würde sie wahrscheinlich Cordhosen tragen. Johansson hat „Yes we can“ für Barack Obama geträllert, ihr Zwillingsbruder war im PR-Team für den Präsidenten, sie selbst lässt die Oscar-Feierlichkeiten schon einmal für eine „Oxfam“-Reise nach Kenia sausen. Sie kokettiert mit der „Occupy Wall Street“-Bewegung, um sich dann wieder zu distanzieren: „Ich habe dann mal näher hingeschaut und festgestellt, dass es eigentlich an einer echten Botschaft fehlt.“ Sie findet ein Burka-Verbot „lächerlich“ und fragt: „Was sollen diese Frauen also tun, wenn sie im Sommer andere Länder besuchen? Für drei Wochen beim Zoll ihre Überzeugungen abgeben?“ Derzeit trommelt sie für Hillary Clintons Präsidentschaft 2016: „Ich denke, wir können von einer Frau, die Mutter ist, profitieren – sie hat einen anderen Blick auf die Dinge.“ All das ist nie konkret, nie wirklich durchdacht, aber trotzdem schließt Johansson für sich selbst eine politische Karriere nicht aus. So unverfänglich provokant, unangepasst und linksliberal war zuletzt nur Carla Bruni. Nun hoffen alle auf ein Happy-End ohne einen Napoleon.

Ein Film über Johansson könnte so aussehen: Ein neunjähriges Kind steht auf der Bühne von Lee Strasbergs Schauspielschule und lernt das Method Acting. Sie begreift, dass die gespielte Wirklichkeit so echt wie die Realität selbst ist. Und dass Glaubhaftigkeit auch in Hollywood nur dann möglich wird, wenn jede Faser des eigenen Lebens jenseits der Jetset-Oberfläche verankert ist, wenn die Wege sich auf die Haut eintätowieren.

In diesem Film wäre Scarlett Johansson, was sie im wirklichen Leben ist, eine zur Perfektion gedrillte, bildhübsche Frau, die sich nicht festlegen lässt. Nicht einmal als Schauspielerin. Mal spielt sie im Historiendrama das Mädchen mit den Perlenohrringen, mal in Comic-Strips wie Iron Man 2. Dann wieder tritt sie auf dem Broadway in A View from the Bridge des Strasberg-Hassers Arthur Miller auf.

Scarlett Johansson steht vor der Kamera, seit sie neun Jahre alt ist. Wenn ein FBI-Agent ihre Nacktfotos ins Netz stellt, sie evagleich für Vanity Fair posiert oder sich für Dita von Teese in Fetischkleidung präsentiert, ist sie nie ganz ausgezogen. Entweder, weil Annie Leibovitz als Fotografin agiert oder weil Scarlett Johansson sofort zurückrudert und in Interviews zu ihrem neuen Film Under the Skin von Jonathan Glazer versichert, wie peinlich ihr die öffentliche Vorführung des Films war: „Ich bin keine Naturnudistin. Und ich hoffe, dass das Publikum die Authentizität und die inhaltliche Notwendigkeit hinter all dem versteht.“ In Under the Skin ist Johansson als männermordender Alien unterwegs und versucht mitten in Glasgow, wildfremde Männer in ihr Auto zu locken. Die Szene wurde improvisiert und mit versteckter Kamera gedreht. Die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität lösen sich auf. So etwas mag die Schauspielerin. Vielleicht, weil Scarlett Johansson weiß, dass die Ostküstenintellektuellen jederzeit bei ihr einsteigen würden.

Axel Brüggemann ist auch Kulturjournalist und lebt leider nicht in Paris

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06:00 17.09.2013
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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