Duplo statt Biosprit

Ritual der Woche Die Fahrt zur Tankstelle ersetzt heute den Gang in den Tante-Emma-Laden. Deshalb kauft man dort auch eher Schokoriegel als Agrarbenzin

Irgendwie gelingt es mir nie, einfach nur zu tanken. Und das liegt an meiner Tankstelle: Wenn ich den Zapfhahn in die Säule gesteckt habe und zur Kasse gehe, öffnet sich ein Reich der absurden Verlockungen – ein Regal mit den Preisen für meine Treuepunkte: ein Fußball, ein Grill, oder, nach nur drei Mal tanken, eine DVD. Ich gehe an den Zeitschriftenregalen vorbei, vielleicht doch noch eine Sport BILD? Und am Kassentresen sind zwei kleine Körbe drapiert, in dem einen liegen viele bunte Feuerzeuge, im anderen Korb ein Berg „Duplo“. An beiden Körben ist mit Tesafilm ein handgeschriebenes Papier angebracht, das mir vorschlägt, „drei für einen Euro“ zu kaufen.

Dann nehme ich meistens noch Zigaretten mit, im Winter gern auch Anzünder für den Ofen, im Sommer oft Würfeleis für den Orangensaft. Ich habe sogar schon Miracoli an der Tanke gekauft, Zahnpasta und Klopapier an Sonntagen sowieso. Manchmal kaufe ich das alles sogar, ohne einen Tropfen Benzin zu tanken.

„Nichts als Ärger“

Tanken ist bei mir schon lange kein rein funktioneller Vorgang mehr, bei dem es nur darum geht, den Personenkraftwagen mit Treibstoff zu füllen. Tanken ist ein Ritual geworden. Und dort, wo ich wohne, in einem kleinen Dorf vor Bremen, hat die Tankstelle den Tante-Emma-Laden längst ersetzt: Hier wird Klönschnack gehalten, hier finden beim Warten auf jede VISA-Abbuchung Mini-Stammtische über das politische Zeitgeschehen statt – hier gibt es 24 Stunden am Tag, was der Mensch zum Leben braucht, und auch das, was er eigentlich nicht braucht.

Dass meine Tankstelle neuerdings auch den E10-Biosprit führt, wäre mir gar nicht aufgefallen, hätte ich es nicht in der Tagesschau gesehen. Und hätte mein Tankwart nicht so geflucht. Mein letztes Tanken verlief so: Ich stand am Tresen, um zu bezahlen, der Tankwart telefonierte – ein Kollege von der Konkurrenz-Tanke um die Ecke hatte angerufen, um zu melden, dass er die Preise erhöht habe. Als mein Tankwart aufgelegt hatte, erzählte er mir, dass er an seinen Preisen nichts ändern könne, das ginge ganz automatisch über die Zentrale, per Computer.

Ich fragte, wie es sein könne, dass Tankstellen so gut organisiert sind, dass sie den Sprit zu Ferienzeiten teurer machen können, dass sie es aber nicht schaffen, das neue Öko-Benzin zu bewerben. „Ach hören Sie mit dem Scheiß auf“, hat mein Tankwart gesagt. „Das ist nichts als Ärger. Wir haben schon jetzt nicht genug Säulen – und nun müssen wir auch noch welche für diesen unökologischen Ökokram freihalten.“ Von seinen drei Zapfsäulen Super, Super+ und Diesel muss er nun eine freimachen – für Biosprit. Auch wenn den kaum jemand nachfragt.

Auch ein erotischer Ersatz

Früher, als Tankstellen noch nicht Coffee-Shops ähnelten und als dort hauptsächlich Benzin verkauft wurde, packte man den Tiger in den Tank. Benzin war das Synonym für Kraft und Eleganz. Die Kampagnen zielten auf jene, für die das Auto ein Synonym für Freiheit, Tempo – und, ja, meinetwegen auch ein erotischer Ersatz war. Doch irgendwann wurden aus Tankstellen soziale Orte. In der Reklame ging es immer seltener um maskuline Geschwindigkeitsphantasien. Shells V-Power-Treibstoff, der mit Michael Schumacher beworben wurde, war vielleicht der letzte Männer-Kraftstoff. Inzwischen ist bei Aral „alles super.“ Auch der Slogan „Tanken, einkaufen, waschen“ zeigt, dass man gerne mehr sein möchte als ein Benzinverkäufer.

Tankstellen bieten heute Dosenbier für Fußballfans auf Auswärtsreise und Latte Macchiato für die Familienmutter nach der Kindergartenfahrt. BP hat lange versucht, sich als grüne Tankstelle darzustellen, bis zur Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon. Nun aber scheint Biosprit gar nicht mehr in das Sortiment der modernen Tanken zu passen, die lieber Duplo, Playboy und Croissants anbieten.

Deshalb haben sich Deutschlands Tankstellenkonzerne bei der Einführung von E10 auch stur gestellt. Dabei hätte man selbst Kritikern, die es unsittlich finden, unsere Autos mit Lebensmitteln zu betanken, den neuen Kraftstoff als Wende der Energiepolitik verkaufen können, als Weg zurück zu den Wurzeln der Mobilität. Denn bevor wir unsere Autos mit Benzin gefüllt haben, fütterten wir auch Pferde mit Rüben, um vorwärts zu kommen.

Der Tankwart sitzt es aus

Die Tankstellen, die mittlerweile fast mehr an Schokoriegeln oder ihrem sonstigen Sortiment verdienen als an Benzin, haben kein Interesse an solchen Kampagnen. Warum sollen sie für eine Idee werben, die durch die Hintertür der Politik beschlossen wurde? Die Bundesregierung fährt millionenschwere Poster-Kampagnen, um die geschönte Zahl der Arbeitslosen unters Volk zu bringen. Und nun rüstet sie zur PR-Schlacht für die Freiwilligen-Bundeswehr (siehe Werbekritik). Aber an der populären Vermittlung einschneidender politischer Maßnahmen sind deutsche Politiker bisher immer wieder gescheitert. Sogar gegen die Europa-Skepsis ist den EU-Politikern keine gute Werbung eingefallen.

So können die Tankstellen-Betreiber sich entspannt zurücklehnen, auf ihren Webseiten etwas halbherzig über E10 aufklären und den Rest der Politik überlassen: Sie können Wirtschaftsminister Brüderle dabei zusehen, wie ihm die BMW-Studie – nach der mit E10-betriebene Motoren schneller verschleißen – Schweiß auf die Stirn treibt. Und sie können beobachten, dass selbst Umweltorganisationen in ihrem Sinne Politik machen, wenn sie die Mais- oder Zuckerrüben-Monokulturen anprangern.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass mein Tankwart fest entschlossen ist, die Sache mit dem neuen Kraftstoff einfach auszusitzen. Als ich ihm meine Visa-Karte zum Bezahlen gebe, fragt er mich wie immer: „Noch drei Duplo für einen Euro?“ Ich sage sofort Ja. Dabei mag ich gar kein Duplo. Ob ich Biosprit tanken möchte, hat er mich nicht gefragt. Also nehme ich Super. Wie immer.

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11:40 09.03.2011
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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Ausgabe 14/2021

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