Eigentum verpflichtet

Systemwechsel Mietpreisbremse und Bestellerprinzip machen den Maklern Angst. Als Mieter ist Schadenfreude erlaubt

Makler – etymologisch kommt dieses Wort aus dem Niederdeutschen und bedeutet so viel wie „Geschäfte machen“. Aber dank der Gesetzesänderungen, die mit der Mietpreisbremse einhergehen, könnte damit bald Schluss sein: Deutschlands Makler mäkeln über das Bestellerprinzip, die Idee, dass sie nicht länger von den Mietern, sondern von den Vermietern bezahlt werden sollen. Sie fürchten, dass ihr Service den eigentlichen Auftraggebern einfach zu teuer sein könnte. Derzeit leben Makler noch von der Not der Wohnungssuchenden. Auf die Bequemlichkeit der Wohnungseigentümer zu setzen, ist das weitaus unsicherere Geschäftsmodell.

Ich bin in meinem Leben neunmal umgezogen. Immer waren Makler im Spiel. Einmal sogar zwei, die parallel vom Vermieter beauftragt wurden, mir am Ende beide eine Rechnung zustellten und so lange auf ihren Forderungen bestanden, bis wir uns vor Gericht wiedersahen. Nur ein Mal, bei meiner ersten Wohnung, war alles anders: Meine Studentenbude in einem Freiburger Souterrain bei der wunderbaren 70-jährigen Witwe Frau Dr. Brinkmann habe ich direkt an ihrem Wohnzimmertisch gemietet. Gegen das Versprechen, im Herbst das Laub in ihrem Garten zu harken und ihr Wasserkisten aus dem Supermarkt mitzubringen, bekam ich den Zuschlag.

Gesucht: der sterile Mensch

Makler waren dagegen für mich immer so etwas wie die Schutzgeldchecker der Immobilienbranche. Sie haben emotionslos Monatsgehälter miteinander verglichen, versucht, eine etwaige Familienplanung herauszufinden („Was, Ihre Partnerin ist schwanger? Ist das dann nicht ein Zimmer zu wenig für Sie?“), Schufa-Einträge abgefragt und ihren Auftraggebern am Ende drei ideale Kunden vorgestellt: reich, abgesichert und möglichst ohne zu viel menschlichen und animalischen Anhang. Gute Mieter sind für Makler hauptsächlich sterile Menschen, deren Erfolg sich am Anzug und dem Bankkonto orientiert. Wer kein Leben hat, zahlt sicher seine Miete – und wer kein Privatleben hat, wird auch seine Wohnung nicht verleben.

Makler waren die Leute, die mit einem Cabrio vor eine zur Vermietung stehende Wohnung gefahren sind, sich möglichst arrogant durch die Menge der Hoffenden drängten, den Schlüssel im Schloss drehten und zynisch die Schleimversuche der potenziellen zukünftigen Mieter über sich ergehen ließen. Das klang dann etwa so: „Ich bin Apotheker und meine Frau auch“, „Oh, mir gefällt Ihr Kleid, wo haben Sie das gekauft?“, „Ich habe mich in diese Wohnung verliebt – ich würde alles tun, um sie zu bekommen.“

Die Immobilienmakler, die ich kennenlernte, liebten es, die Ehefrau aus American Beauty nachzuspielen („Heute verkaufe ich dieses Haus! Heute verkaufe ich dieses Haus!“). Und sie sahen ihre Aufgabe darin, die Menschen kurzerhand in gute (gut verdienende) und schlechte (schlecht verdienende) einzuteilen. Wer zu einer Wohnungsbesichtigung kam und nicht gleich die Kontoauszüge der vergangenen drei Monate zur Hand hatte, wer rumstotterte, dass er frisch geschieden sei und erst einmal eine Zwischenlösung für sich und seine drei Kinder suche, wer aus Versehen erzählte, dass er Musikstudent mit einem schönen alten Flügel sei, wer wagte, zu erklären, dass der Schufa-Eintrag auf einen Irrtum seines Telefonanbieters zurückgehe und einfach nicht zu löschen sei – der war sofort: raus!

Während Frau Dr. Brinkmann in Freiburg erst einmal ein Kirschwasser mit ihrem Studentle trank, ihre Lebensgeschichte erzählte und zuhörte, was für große Pläne man habe („Ich will Journalist werden!“), während sie sich freute, dass man staunend vor dem monströsen Bücherregal ihres verstorbenen Gatten stehen blieb, kümmerten sich Makler um die Kontoeingänge. Auch Frau Dr. Brinkmann wollte natürlich ihre Miete haben. „Aber wissen Sie, Axel, am liebsten habe ich es“, sagte sie mir auf ihrem Sofa, „wenn die Studentle noch etwas wollen! Ein bisschen Leben in der Bude zeigt mir, dass ich noch nicht tot bin.“

Ich kann mir eine gewisse Freude darüber, dass die Rollen von Bittsteller und Erlösungsfigur nun umgedreht werden, nicht ganz verkneifen. Und auch darüber, dass Eigentum jetzt wirklich verpflichten soll – auch dazu, die Kosten zu tragen, dieses Eigentum zu vermieten. Und ja, ich gebe zu, auch Schadenfreude schwingt mit, dass die einzige Partei, die den schlechten Maklern eine Lobby war, die FDP, inzwischen so geschrumpft ist, dass ihre Ohren viel zu klein geworden sind, um das Wehklagen der Branche zu hören, und ihre Muskeln zu schwach, um sich gegen das neue Gesetz aufzulehnen. Dem jahrzehntelangen Snobismus eines Berufsstands scheint nun Gerechtigkeit zu widerfahren. Und so möchte ich meinen Ex-Maklern am liebsten zurufen: „Tja, ihr Lieben, ciao ciao – und danke für nichts!“

Nicht zu retten: die FDP

Mit dem neuen Gesetz befürchten Makler, dass ein Großteil ihrer eigentlichen Kunden, der Vermieter, es in Zukunft lieber so hält wie Frau Dr. Brinkmann – dass sie ihre Immobilien selbst unter die Leute bringen. Die Kosten, die Vermieter ihren Mietern bislang zugemutet haben, wollen sie selbst lieber nicht tragen. Derzeit gibt es in Deutschland noch rund 15.000 Makler und 12.000 Immobilienfirmen, an gut der Hälfte aller Wohnungsvermietungen verdienen sie mit. Sie sind eine Bevölkerungsgruppe, die die FDP qua ihrer Größe aber sicher nicht über die Fünfprozenthürde retten wird.

Es gibt neben der Genugtuung allerdings auch die leise Hoffnung, dass die Branche der Makler nun gezwungen ist, sich neu zu erfinden, um ihr Geld wieder wert zu sein. Wenn Makler ihre Geschäfte irgendwann damit machen, Mieter und Vermieter als Menschen zusammenzubringen, würde das ihre Existenz durchaus legitimieren. Das wäre allerdings für eine ganz andere Branche bedrohlich: die Immobilien- und Mietrechtsanwälte müssten dann mit herben Einbußen rechnen. Aber wäre das denn so schlimm?

06:00 13.10.2014
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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