Ein Tag, der in die Zukunft weist

Ritual der Woche Der 9. November hat gezeigt: Ein Tag ist zu kurz, um aller Ereignisse der Menschheit zu gedenken – unser Autor fordert deshalb einen Tag des Kalenders

So ein Tag mit seinen mickrigen 24 Stunden ist ziemlich kurz. Vor allen Dingen, wenn er nicht nur durch das Jetzt, sondern auch noch durch Erinnerung gefüllt wird – wenn wir, während wir leben, also auch noch der gesamten Weltgeschichte gedenken wollen. Rein logistisch ist es ein ziemlich unmögliches Unterfangen, über 10.000 Jahre in 24 Stunden Revue passieren zu lassen. Trotzdem haben die Leute ein Faible dafür zurückzublicken. Und das, obwohl die Schicksalsnornen spinnen und seit Jahrtausenden an einem merkwürdigen Historiengeflecht stricken. Der 9. November ist ihnen zum Beispiel zu einem fast unentwirrbaren, geschichtlichen Knotenknäuel geraten, das wir jeden 9. November erneut zu entwirren versuchen.

Wie wir alle wissen, ist der 9. November vor allen Dingen der Namenstag des Heiligen Theodors! Ein Tag also, an dem wir mindestens Theodor Heuss, Theodor Fontane, Theodor W. Adorno und, ja, auch Theodor Waigel (genannt Theo) zu feiern haben. Ganz abgesehen von dem Theodor im Fußballtor und von Opa, Onkel oder Papa Theodor in unseren Familien. Gleichzeitig ist der 9. November aber auch „Tag der Erfinder“, weil es der Geburtstag der geistreichen Erfinderin Hedy Lamarr war. In Kambodscha ist der 9. November Nationalfeiertag, in Deutschland nicht, denn da haben wir uns für den 3. Oktober entschieden.

Dieses Mal haben wir den 9. November in Deutschland lieber als „Domino-Day“ gefeiert. Übertragen wurde er nicht nur von RTL, sondern auch von ARD und ZDF. Alle waren dabei, als in Berlin bunt bemalte Styropor-Steine vor dem Brandenburger Tor umgekippt sind. Denn, auch das war am 9. November: Vor 20 Jahren fiel an diesem Tag die Mauer. Das etwas überforderte Politbüromitglied Schabowski las auf einer Pressekonferenz von einem Zettel stotternd die Regeln der neuen Reisefreiheit vor: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Seither feiern wir am 9. November in Deutschland auch noch die Vereinigung und haben den 9. November 1938, an dem Deutsche jüdische Geschäfte und Synagogen kurz und klein geschlagen haben, etwas aus dem Auge verloren. Kein Wunder, denn dieser Tag ist nur halb so feierlich und liegt ja auch schon etwas weiter zurück.

Keine Praxis ohne Theo

Geschichte ist etwas Merkwürdiges. Manchmal scheint sie nach einem perfekten Plan abzulaufen. Dass die Deutsche Vereinigung auf den Tag der Reichsprogromnacht gefallen ist, könnte als Warnung an ein erstarktes Deutschland verstanden werden. Und natürlich könnte man mit einigen interpretatorischen Klimmzügen den gesamten neunten November als großen historischen Masterplan erklären. Schließlich soll ja auch der „Tag der Erfinder“ daran erinnern, dass Menschen, die wirklich etwas wollen über sich hinauswachsen und Geschichte schreiben können. Und sofort wird klar, dass Theodor Fontane mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ den Westen schon lange für den Osten begeistert hat, dass die Vereinigung ohne Theodor W. Adornos Lehre der Kritik unmöglich gewesen wäre und dass Teodor Waigel damals immerhin Finanzminister war.

Man könnte fast meinen, dass es mit dem Teufel zugeht, dass Helmut Kohl weder Theodor heißt noch am 9. November geboren wurde. Der „Einheitskanzler“ erblickte am 3. April das Licht der Welt. Doch selbst da hat sich die Geschichte natürlich nicht geirrt. Schließlich bot die Kaiserdeputation der Frankfurter Nationalversammlung Friedrich Wilhelm IV. am 3. April 1849 die Krone an. Der schmähte sie als „Diadem aus Dreck und Letten“ und lehnte sie ab. Damit scheiterte die Deutsche Einigung „von unten“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Problem der Geschichte: Sie wird immer länger

Die Menschen lieben die Erinnerung: an historische Ereignisse, an die eigenen Namen und Geburtstage. Das Problem der Geschichte liegt darin, dass sie immer länger wird. Doch das hält die Leute nicht davon ab, sich von der Gedenkonitis infizieren zu lassen, die hartnäckiger grassiert als die Schweinegrippe.

Inzwischen hat jede gesellschaftliche Minder- und Mehrheit ihre Welttage: es gibt Welttage des Küssens, des Umarmens, Welttage für Männer und Frauen, für Tiere und Blumen. Selbst die UN hat 70 Tage des Jahres zu Welttagen erklärt: Es gibt den Welttag für ältere Menschen, den Welttag des Wohn- und Siedlungswesens, den Weltlehrertag, den Welternährungstag und den Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut. Natürlich gibt es auch Welttage der Poesie, des audiovisuellen Erbes uns der Industrialisierung Afrikas. Im Unterschied zu anderen Gedenktagen weisen diese Tage nicht in die Vergangenheit sondern in die Zukunft – meist, zugegeben, mit wenig Erfolg.

Gedenkzeit ist Lebenszeit

Das Jetzt wird durch Gedenktage zum Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und vielleicht ist es ganz angenehm, dass wir die Gegenwart über all das Gedenken und die Visionen ein bisschen aus dem Auge verlieren. Wir schalten den Fernseher an und sehen: Bilder von 1989. Wir schwelgen in Erinnerungen und hoffen gleichzeitig, dass durch die UN-Tage irgendwann alles ein bisschen besser wird. Wir gedenken inzwischen so viel, dass wir kaum noch zum Leben kommen.

Vielleicht sollten wir den bestehenden Gedenktagen noch einen weiteren Tag hinzufügen: den Tag des Kalenders. Wenn wir ehrlich sind, reicht der Gregorianische Kalender mit seinen 24 mickrigen Stunden uns schon lange nicht mehr. Die Geschichte, die wir zu erinnern haben, wird ja nicht weniger, die Visionen, die wir bewältigen wollen auch nicht. Es ist also Zeit für eine Reform! Im neuen Menschheits-Kalender müsste jeder Tag mindestens drei Mal vorkommen. Am ersten 9. November blicken wir in die Vergangenheit zurück, am zweiten 9. November schauen wir in die Zukunft – und der dritte 9. November ist dem Leben im Jetzt gewidmet.

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07:15 10.11.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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