Axel Brüggemann
Ausgabe 5215 | 03.01.2016 | 06:00 1

Epische Spielplätze

Dramatik Wenn das Theater eine Zukunft haben will, muss es sich an den neuen TV-Serien orientieren

Das Theater gehört schon lange zur Vergangenheit. Seit Jahren hat der Doyen der deutschsprachigen Theaterkritik, Gerhard Stadelmaier von der FAZ, die Nase voll vom „Regietheater“, von nackten Hamlets, Videoinstallationen, gewollter Publikumsbeschimpfung und dem Verfall der Sprache. Seit Jahren rotzt er seine vernichtenden Kritiken in die Welt und buht jeden Versuch aus, der das epische, erzählerische und traditionelle Schauspiel verlässt. Und erst kürzlich hat der Welt-Theaterkritiker Matthias Heine das Handtuch geworfen. Früher hätten ihn unsere Theater einfach besser herausgefordert, ließ Heine auf seiner Facebook-Seite wissen. Ja, sogar manchem Schauspieler scheinen die Bretter des Theaters schon lange nicht mehr die Welt zu bedeuten: sie wandern ab ins Fernsehen.

Ausgerechnet dorthin, wo die Bühnen einst den großen Feind ausgemacht haben, wo sie Oberfläche statt Tiefe witterten, Seichtheit statt Ergriffenheit, das Profane statt der Kunst, die Verdummung statt der Aufklärung. In den Jahren vor und nach 1968 galt das Fernsehen als Verblödungsmaschine, heute scheinen viele Schauspieler es als Rettung und Zukunftsmedium zu verstehen. Auch deshalb, weil das Fernsehen seine technische Kampfzone ständig ausbaut: vom Tablet bis zum Smart-TV, von Netflix bis zu Amazon-Prime. Hier werden die großen, aufwendig gedrehten Serien gezeigt, die den Bühnen ernsthaft Konkurrenz machen. Dabei sieht das Fernsehen seine Zukunft ausgerechnet in jener uralten Qualität, die lange auch die Bühnen bestimmte: im allgemeingültigen Epos, das unsere Wirklichkeit spiegelt.

Ein Kammerspiel

Jüngstes Beispiel ist die österreichische Serie Altes Geld von David Schalko, sie ist allein wegen ihrer Besetzung sehenswert: Burgtheater-Granden wie Sunnyi Melles, Nicholas Ofczarek, Nora von Waldstätten oder Cornelius Obonya versammeln sich um Udo Kier. Der spielt einen Multimillionär, der mit Hepatitis D infiziert ist und dringend eine Spenderleber braucht. Indem er nun seine durchgeknallte, neureiche Familie auf die Zerreißprobe stellt, entspinnt sich ein hanebüchenes Panoptikum aus Nazi-Vergangenheit, Allmachtsfantasien des Geldadels, politischen Verstrickungen und Medien-Intrigen.

Das Neue an Altes Geld ist, dass es Österreich nicht nur einen theatralen Spiegel vorsetzt, sondern (geniales) Kammerspiel ist: surreal illuminiert, in bühnenreife Räume drapiert, mit lyrischen, kotzenden, schreienden, stillen Dialogen. Spätestens, wenn sich die Dramatis Personae am Ende der letzten Folge wie zum Schlussapplaus auf den Brettern der Burgtheater-Bühne verbeugen, wird klar, als wessen Fortsetzung sich das Fernsehen hier versteht: Die Serie ist das neue und bessere Theater unserer Zeit – es versteht sich als Zukunft des poetischen und literarischen Erzählens.

Die Bühnen stecken seit Jahren in einem fürchterlichen Dilemma. Ihr Prinzip der Inszenierung ist ihnen von den Protagonisten unserer Wirklichkeit geraubt worden: Politiker, Sportler oder Gewerkschaftsbosse beherrschen den Mechanismus der eigenen Inszenierung inzwischen besser als so mancher Regisseur. Sie brauchen keine Bühne mehr, um die Wirklichkeit zum Theater zu verwandeln. Ja, selbst ein Großteil der Fernsehzuschauer ist auf Facebook und Twitter zum „Inszenierer“ seiner eigenen, medialen Wirklichkeit geworden. In einer Zeit, in der das reale Handeln zunehmend auf professioneller Selbstdarstellung basiert, auf der Verwandlung des Scheins in Wirklichkeit, wird die Bühne mit ihrer gewollt verkünstelten Wirklichkeit in eine Sinnkrise gerissen.

Gesellschaft des Spektakels

Warum brauchen wir noch den Umweg der Überhöhung unserer Realität im Theater, warum die Anstrengung der Dechiffrierung seiner Zeichen? Auch das Feuilleton hat sich weitgehend vom Theater abgewendet, es spielt im öffentlichen Dialog über Visionen und Gesellschaftsmodelle nicht mehr die überragende Rolle wie früher. Gesellschaft wird heute breitenwirksam im Fernsehen besprochen und „vertalkt“.

Selbst der Skandal, einst ein weiteres Monopol des Theaters, ist ja gesellschaftsfähiger Teil unserer Real-Inszenierung: Schauspieler, die auf der Bühne urinieren, „Heil Hitler“ rufen oder sich die Seele aus dem Leib brüllen, werden im Theater höchstens noch belächelt, ja mehr noch: Der Skandal ist zur Norm geworden.

Der Philosoph Jean Baudrillard hat die Stellung der Bühnenkunst einmal so beschrieben: „Heute ist die Kunst verschwunden, weiß dies aber nicht, was das Schlimmste ist, und zieht in einem überholten Koma ihre Bahn.“ Die Prophezeiung über eine Gesellschaft, die sich selber nur noch als Inszenierung behauptet und dadurch die Kunstform der Inszenierung aushebelt, findet sich schon beim Soziologe Guy Debord in dessen Werk Die Gesellschaft des Spektakels (1967). Sie ist längst Wirklichkeit geworden. Aber erst jetzt werden die Konsequenzen so richtig klar.

Natürlich orientiert sich eine Serie wie Altes Geld am Erfolg großer US-Serien, an Sopranos, an Breaking Bad und an House of Cards, das die Tugenden des shakespearehaften Theaters zurückholt (der Freitag 13/15): Die geschliffenen Monologe, mit denen der von Kevin Spacey gespielte Frank Underwood die Zeit aufhebt und sich an den Zuschauer wendet, lösen das Medium Fernsehen als Trennung von Wirklichkeit und Schein auf. „Die Inszenierung macht dich nicht zum Lügner, aber es ist der Job des Politikers und des Schauspielers, zu überzeugen“, sagt Spacey.

Vielleicht ist es genau das, was dem Theater fehlt: die Ironie des eigenen Mediums. Der Bühne scheint der eigene Anspruch als moralische Anstalt im Wege zu stehen. Sie meidet die hemmungslose Offenlegung der eigenen Inszenierung, um in ihr die inszenierte Welt als Selbstverständlichkeit zu ordnen. Zu oft fehlt ihr der spielerische Umgang mit der eigenen Rolle in der heutigen Gesellschaft des Spektakels. Die erschreckend realistischen Dialoge in House of Cards oder Altes Geld lassen uns mehr schaudern als urinierende Schauspieler im vermeintlich modernen Blut-Schweiß-und-Sperma-Theater. Das Fernsehen hat jene reizvoll unmoralische Rolle übernommen, die einst das Theater für sich behauptet hat, bis es anfing, sich als moralische Instanz zu ernst zu nehmen. Serien wie House of Cards sind und bleiben am Ende nur Fernsehen, meint aber auch: das Böse, in dem das Böse erst glaubhaft werden kann.

Dass ausgerechnet Kevin Spacey mit von der Partie ist, verwundert kaum: Vor Jahren hat er Hollywood den Rücken gekehrt, das Old Vic Theatre in London als Intendant übernommen und gehofft, auf der Bühne jene Wahrhaftigkeit zu finden, die ihm im Kino fehlte. Bis heute ist er ein unverbesserlicher Bühnen-Fan. Dass er seinen größten Erfolg aber nun im Fernsehen und nicht im Kino oder Theater feiert, hat auch etwas damit zu tun, dass er das Spiel an sich in den Vordergrund stellt – nicht das Medium. Seine Zukunftsvision ist eindeutig: „Ich will über den Umweg des Fernsehens eine neue Generation in das Theater bringen“, sagte er in einem Porträt für das US-Magazin GQ, „es ging mir immer darum, die Mittel, die wir kennen, zu benutzen und sie mit neuer Technologie zu verbinden. Die Serie ist für mich nur eine Möglichkeit, diese Saat zu sähen – ich will, dass wieder Leute ins Theater kommen.“

Ob Spacey damit in Zukunft erfolgreich sein wird, ist offen. Wohl aber gelingt den Serienmachern längst etwas, das Theaterintendanten nur schwer gelingen kann: Sie haben sich von den Konventionen und Strukturen des alten Fernsehens gelöst. Altes Geld ist zunächst als Serie für den Abo-Kanal des ORF entstanden und wird erst jetzt, ein Jahr zeitverzögert, öffentlich ausgestrahlt. Bei House of Cards war es das Abo-Internet-Portal Netflix, das Spacey zugestand, was ihm ein öffentlicher oder privater Sender nie hätte zugestehen können: eine millionenschwere neue Serie ohne Pilot-Film zu finanzieren.

Unternehmerisches Risiko

Am Anfang einer neuen Erzählform stehen immer auch neue finanzielle, logistische und produktionstechnische Bedingungen. Neue Formate benötigen neue Strukturen. Nur das vom Zuschauer selbst finanzierte Fernsehen, das vom ökonomischen und unternehmerischen Risiko lebt, gleichzeitig aber auch weiß, dass die Investition in das Besondere den besonderen Erfolg bringen kann, hat die anspruchsvollen Serien möglich gemacht. Das System Fernsehen wurde durch neue Internet-Medien gezwungen, sich grundlegend in Frage zu stellen und hat mit einem Rekurs auf das Schauspiel geantwortet. So hat das Fernsehen sich als Medium für iPads, Laptops und Smart-TVs neu erfunden – sie sind die Oval Theatres der Zukunft: unterhaltsame, epische Spielplätze dessen, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Und so wird vielleicht auch die Zukunft der Theater aussehen. Sie wird aber erst dann beginnen, wenn sich seine Produktionsstrukturen und sein Selbstverständnis wandeln.

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

Kommentare (1)

ludwig drahosch 04.01.2016 | 10:29

recht aufschlußreicher Artikel, jedoch mit einem kleinen Schönheitsfehler, ganz empiristisch gesehen, gibt es an jedem Ort in jedem Jahrhundert herausragende Persöhnlichkeiten, denen es gelingt ihrer Kunstgattung frischen Schwung zu geben. Wer hier nicht mehr an die Kunst glaubt sind nicht die Künstler, sondern die Vertreter sonderbarer Institutionen wie Presse und staatliche Kulturförderbüroanstalten. Sie orientieren sich nurmehr an 4-5 große Häuser, und denken damit alles in ihrer Stadt zu kennen, sie suchen nicht mehr in den kleinen Häusern nach denjenigen die neues entstehen lassen. Filmisches inszenieren im Theater, ist soeben drei jahre in Wien passiert. Und wie gesagt keiner derer die dafür verantwortlich sind , keine Mensch von der Presse kein Kurator des Kulturstadtrats hat davon etwas bemerkt, keiner hat danach gesucht. Denn keiner davon glaubt noch an die Kunst. Sie gondeln enthusiasmusphobial zwischen Burg und Volkstheater,und erwarten das in komplett eingefahrenen Strukturen neues passiert, wie absurd. Als hätte uns die Geschichte nicht gelehrt das neue Wege unten beginnen,....