Es tut weh …

Grüne Unser Autor leidet unter einer „infirmitas virecti“, einer „Schwäche des Grüns“. Hier versucht er sich an der Erklärung der Symptome und an einer Diagnose
Es tut weh …
Was ist bloß passiert?

Foto: imago/Christian Ohde

Es tut weh. Würde mich mein Arzt fragen, wo genau, im Kopf, im Bauch, im Herzen oder am ganzen Körper – ich könnte es ihm nicht genau sagen. Es fällt mir derzeit schwer, meinen politischen Gesundheitszustand zu definieren. Ich ahne nur, dass mein Taumeln vor der Bundestagswahl etwas mit der „infirmitas virecti“ zu tun haben könnte, dieser nicht zu unterschätzenden Volkskrankheit, der „Schwäche des Grüns“. Sie stellt meinen biologischen Polit-Rhythmus auf den Kopf und sorgt für Symptome wie Wahl-Schwindel, Orientierungslosigkeit und Polit-Müdigkeit.

Ich bin kein grünes Urgestein. Das erste Mal durfte ich 1990 wählen: Lafontaine gegen Kohl. Grün versprach Hoffnung auf Wandel, ein Deutsch-Deutscher Neubeginn, eine experimentelle Polit-Kultur, andere Themen für eine andere Zeit. Das Ergebnis war ernüchternd: 5,1 Prozent, und die West-Grünen scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. Auch wegen radikaler Meinungsmacher wie Jutta Ditfurth oder Rainer Trampert. Dann kam der Umbruch. Die Hippie-Grünen von einst wurden machthungrig, die eigene Sinnsuche war fortgeschritten, die Frontkämpfe ausgefochten, und man spürte: da wollten nun einige ernsthaft Verantwortung übernehmen. Es folgte der Wiedereinzug in den Bundestag und 1998 die Regierungsbeteiligung. Die grüne Idee hatte einen Sinn, der 68er-Geist, der Deutschland bereits außerparlamentarisch verändert hatte, übernahm mit spielerischem Ernst das Parlament. Damals war mein politischer Gesundheitszustand durchaus stabil.

Das kann ich heute nicht mehr behaupten. Und ich befürchte, dass nicht nur ich an der „infirmitas virecti“ leide. Viele meiner Freunde sind desorientiert, wissen nicht, was sie dieses Mal tun sollen: Trotz aller Bauchschmerzen Grün wählen – weil das immer so war? Gar nicht wählen? Oder – und das zeigt die Dramatik der Krankheit – doch lieber Merkel wählen? Wegen des Atomausstiegs, der Energiewende, ihrer Position in der Flüchtlingsfrage und überhaupt: weil die Welt eh so kompliziert ist? Neulich saß ich mit einem Kumpel in einer Kneipe im Hamburger Schanzenviertel, als er beichtete: „Alter, wenn Du mir vor fünf Jahren gesagt hättest, dass ich ernsthaft überlege, die CDU zu wählen – ich hätte Dich für verrückt erklärt.“ Wohl gemerkt: Es ging nicht um die Alternative „Links“ zu wählen oder „SPD“, sondern darum, die „CDU“ oder gar die „FDP“ zu wählen! Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass man die „infirmitas virecti“ nicht unterschätzen darf. Dass man sie ernst nehmen und analysieren muss.

Die Gegenwart ist das beste Grünen-Biotop

Was also ist passiert? Habe ich mich verändert? Die Partei? Die Welt? Oder haben wir uns alle weiter gedreht – nur in unterschiedliche Richtungen?

Polit-Medizinisch betrachtet gibt es kaum ein besseres Biotop für die Grünen als unsere Gegenwart. Der Klimawandel wird von einem Großteil der Deutschen als eine der wichtigsten Herausforderung empfunden, die Diesel-Affäre zeigt sowohl politisches als auch ökonomisches Versagen, die internationale Weltlage von Nord-Korea über Russland bis zur Türkei verlangt klare humanistische Positionierung. Die Gleichberechtigung unterschiedlicher Lebensformen scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, und Integration ist für die Mehrheit der Deutschen eine Notwendigkeit der Zukunft. Alles Themen mit grüner Kernkompetenz. Dazu die optimale Situation Wahlkampf als Opposition betreiben zu können, nichts mit der aktuellen Lage zu tun zu haben. Man könnte die Wechselstimmung anheizen, aggressiv neudenken, ohne sich selber zu demontieren. Trotzdem dümpelt die Partei bei sieben Prozent, wahrscheinlich weit hinter der AfD und eventuell Kopf-an-Kopf mit der FDP. Die war vor vier Jahren selber vom „infirmitas flavi“, befallen, der „Schwäche des Gelbes“. Seither hat sie keine neuen Inhalte besetzt, sich nicht einmal neu erfunden, sondern lediglich die neongelbe Verpackung poliert. Trotzdem kommt die FDP vielen plötzlich systemkritischer, kämpferischer und oppositioneller vor als die Grünen. Allein das sorgt bei mir für Verwirrungs-Zustände.

Was mich allerdings am meisten irritiert, ist, dass ich mein Unwohlsein nicht wirklich diagnostizieren kann. Dass es keine konkreten Auslöser für die „infirmitas virecti“ gibt, dass die Krankheit multiple Ursachen zu haben scheint, die in ihrer Vielfältigkeit drohen, das gesamte System kollabieren zu lassen.

Da ist zum einen die politische Großwetterlage. Die Grünen, einst linke Aufmischer, irisieren weitgehend ziellos durch den Parteienkosmos. Von Rot-Rot-Grün bis Schwarz-Gelb-Grün scheint alles möglich. Linke und Rechte finden Gefallen daran, die Grünen beidseitig zu demontieren. Jörg Meuthen erntet beim AfD-Parteitag Beifall, wenn er von der „grünversifften Bundesrepublik“ redet, und für die Linke sind die Grünen längst eine Spießer-Partei mit dem gutbürgerlichen Odeur der FDP-Klientel. Die Grünen selber scheinen sich fast wehrlos von links nach rechts und von rechts nach links schubsen zu lassen.

Allein diese Definitionsbreite zeigt ein Grund-Dilemma der Partei. Sie ist auf der politischen Links-Rechts-Skala einfach nicht mehr zu verorten. Zu groß ist das unausdiskutierte Spannungsfeld vom linken Flügeln um Jürgen Trittin bis zum schwarz-grünen Flügel um Winfried Kretschmann. Pole, die es in der Partei immer gab, die aber stets öffentlich debattiert wurden, zuweilen bis aufs Fleisch. Die Grabenkämpfe von Fundis und Realos bestimmten die Parteitage, am Ende aber haben sich die Flügel meist auf ein Regierungsprogramm geeinigt. Damals trug man blutige Kampfwunden davon. Die Schwerverletzten verließen das Feld, einige wurden wieder zusammengeflickt. Alle wussten, dass der Streit wichtig für den endgültigen Kurs der Partei war (ich erinnere mich an Joschka Fischers Argumentation für den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr). Heute wird lieber geschwiegen, jeder Eindruck von Zwist soll vermeiden werden. Statt blutender Platzwunden sorgt genau das für tiefe Schäden an der grünen Seele. Dieser Teil der „infirmitas virecti“ führt bei mir zu Links-Rechts-Schwindel und sehnsüchtige Blicke auf die ehrlichen Kämpfe der Vergangenheit.

Der Denkfehler ist so verstörend wie simpel

Niemand weiß genau, wie die Grünen sich im Bund positionieren. Cem Özdemir fordert die zeitlich definierte Abschaffung von Verbrennungsmotoren, während Winfried Kretschmann genau das für großen Quatsch hält. Der eine will regieren, der andere regiert bereits – wessen Einfluss ist größer? Die nötige Debatte wird unter den Teppich gekehrt. Kein Wunder, dass 80 Prozent der deutschen Wähler nicht wissen, was sie bekommen, wenn sie Grün wählen. Der Denkfehler der Partei ist so verstörend wie simpel: Inhaltliche Spagate sorgen nicht dafür, dass man Wähler aus beiden Lagern motiviert. Sie führen in der Regel dazu, dass beide Lager der Partei misstrauen. Diese Indifferenz scheint ein Grundübel der „infirmitas virecti“ zu sein.

Ich frage mich, warum die Krankheit der Partei mich überhaupt so quält. Ich bin kein Mitglied, könnte einfach abspringen – andere wählen. Stattdessen fühle ich mich persönlich betroffen. Weil die „infirmitas virecti“ meine innere Polit-DNA angreift? Weil mein gesamtes Bild von idealer Politik mit dem Wanken der Grünen ins Wanken gerät? Ich kann mir das nicht erklären. Denn eigentlich bin ich nicht sentimental. Was mich besonders wurmt: die Eingeweide der Grünen scheinen der Partei herausgerissen und in anderen Parteien gefleddert zu werden.

Angela Merkel hat die CDU nicht nur in eine SPD-Light verwandelt sondern spielt zugleich die Vorsitzende einer Rot-Grünen Koalition mit Duldung der CDU. Atomausstieg und Energiewende verbucht sie für sich. Besonders absurd ist, dass sie selbst den Soft-Skill-Markenkern der Grünen, das oft diffamierte Gutmenschentum, annektiert hat, die Politik des guten Gewissens. So sehr Merkels Grundsatzentscheidung der Grenzöffnung ihr in den rechten Reihen schadet, so hat sie ihr die Möglichkeit eröffnet, von den Alternativen als echte Alternative gewählt zu werden. Von meinem Freund aus dem Schanzenviertel, von mir – von vielen, die genau das nie für Möglich gehalten haben. Auch, weil Merkel ihre Entscheidung gegen alle Widerstände verteidigt. Seit ich unter der „infirmitas virecti“ leide, wünsche ich mir einen einzigen grünen Politiker mit derartiger Standhaftigkeit (selbst, wenn ich natürlich weiß, dass ein Großteil der damaligen Humanismus-Politik spätestens durch den Türkei-Deal und die Schließung der Balkan-Route lediglich noch mythologische Menschlichkeits-Makulatur ist).

Ein Auffangbecken für Freaks

Der Schmerz der „infirmitas virecti“ ist aber nicht allein äußerlich. Es sind nicht nur die grünen Flecken auf der Haut, es tut auch innen weh, im Mikrokosmos der Partei.Vor einiger Zeit hatte ich Jürgen Trittin zu Gast in einer Talkshow. Ich habe mich gewundert, dass die Grünen ihren Wahlkampf lediglich auf die Partei-Hochburgen ausrichten. Dass sie nicht mit Tisch, Schirm und Flyern in die Randbezirke fahren, dass sie soziale Brennpunkte meiden. Dass sie viele Orte in Deutschland als verlorenes Terrain abhaken. Trittin erklärte mir, das sich der Wahlkampf hier nicht lohnen würde und dass andere Parteien das ebenso handhaben. Dabei waren die Grünen für mich stets die Partei, die alle überzeugen wollte –wenn nötig, jeden Einzelnen. Die Streitkultur war Teil der Grünen DNA. Sie haben zugehört und debattiert, immer auch mit dem politischen Gegner. Schaut man sich die Landtagswahl in Baden-Württemberg an, fällt auf, dass die Grünen ausgerechnet in den typischen CDU-Hochburgen gewildert haben. Nun wäre es an der Zeit, mal wieder den Kampf um die Hochburgen der Linken und der SPD aufzunehmen. Fraglich, ob das mit dem derzeitigen Programm überhaupt geht. Fraglich auch, ob die Grünen bereit wären, durch Zuhören ihr eigenes Programm zu justieren. Die Partei wirkt derzeit eher wie ein Staat mit dogmatischen Regeln, der die Wähler vor die Wahl stellt: Entweder ihr macht bei uns mit oder nicht. Die „infirmitas virecti“ führt dazu, dass das System der Grünen sich hermetisch abriegelt und in einer eigenen Wahrnehmungs-Blase verharrt. Es gibt ein Draußen und ein Drinnen – aber kaum eine Form der Osmose.

Überhaupt erinnert die Partei – besonders in den Provinzen – inzwischen zuweilen an ein Auffangbecken für Freaks mit erheblich dogmatischem Eigeninteresse. Da ist zum Beispiel der Grünen-Chef aus Bremen, Ralph Saxe, der nicht nur sein Facebook-Profil monothematisch mit Fahrrad-Themen zuballert, sondern auch sonst keine anderen Themen zu haben scheint. Und das in einer Stadt, in der die Grünen mitregieren, die Schulen verfallen, die Armut ebenso dramatisch ist wie die Schuldenlage. Doch diese Probleme werden schöngeredet, und stattdessen kommen die Grünen mit ihrer Idee von der „essbaren Stadt“ um die Ecke, ein Projekt, das Grünflächen mit Kohl und Gemüse bepflanzen will. Das ist, als wenn die Titanic sinkt und irgendjemand noch schnell eine Konferenz einberuft, um in den nächsten Tagen das Hauptdeck mit Hanf-Pflanzen zu begrünen. Mir scheint diese mikrokosmische Freak-Struktur ein Hauptmerkmal der „infirmitas virecti“ zu sein – ein schleichender Wahnsinn, den ein Familienmensch, ein sozial bewusster Bürger oder ein Wähler, der von der Politik erwartet, verantwortungsvolle Prioritäten zu setzen, nicht mehr versteht. Und das erklärt vielleicht auch meine persönliche Betroffenheit: es tut weh, wenn das Große und Ganze Grüne in einen Fahrradhelm geschrumpft wird.

Die letzten Landtagwahlen sind für SPD und Grüne auch deshalb zum Fiasko geworden, weil sie ihre Versprechen vor Ort nicht eingelöst haben, weil sie Inklusion proklamiert, aber nicht finanziell ausgestattet haben, weil sie Bildungsideale ausrufen, sie aber nicht strategisch planen, weil sie in der Regierung Erfolge erfinden, die im Leben ihrer Wähler nur selten sichtbar werden. Kein Wunder, dass viele Grüne-Sympathisanten sich fragen, wie die Partei im Bund regieren will, wenn sie es nicht einmal in der eigenen Stadt schafft. Das größte Problem der „infirmitas virecti“ aber scheint zu sein, dass die grüne Parteispitze diesen Frust gar nicht mehr wahrnimmt.

Auch ein Problem des Personals

Der letzte Faktor der „infirmitas virecti“ ist ihr Persönlichkeitsbild. Weder Cem Özdemir und erst Recht nicht Katrin Göring-Eckardt gelingt es, die zahlreichen politischen Elfmeter, die ihnen unsere Zeit auflegt, zu verwandeln. Angst vor Klimawandel, Diesel-Krise – die Grünen scheinen all das liegenzulassen. Zudem sind sie Spezialisten in der Demonatage ihrer wirklich effektiven Persönlichkeiten: Marieluise Beck, eine der engagiertesten grünen Außenpolitikerinnen – abgesägt von der Bremer Partei. Robert Habeck, einer, der die unterschiedlichen Flügel vereinen und einen Kurs der Partei erklären könnte – nicht zum Spitzenkandidaten ernannt. Winfried Kretschmann, einer der zeigt, dass Grüne sogar einen Ministerpräsidenten stellen kann – hinter den Türen als Außenseiter in die Ecke gestellt. Stattdessen tritt die Partei mit einem Spitzenduo an, das weder Geist versprüht, das profi-politisch fern von der Basis operiert und das sich lieber in der Grünen-Blase aufhält als im Wahlkampf mit potenziellen Neuwählern.

Was also ist die „infirmitas virecti“? Wo tut sie weh? Ich kann den Schmerz noch immer nicht verorten. Aber er liegt irgendwo zwischen Kopf und Bauch – und schafft ein merkwürdiges Vakuum. Die Grünen irisieren in der großen politischen Landschaft ebenso dahin wie vor meiner Haustür. Vor allen Dingen aber scheinen sie gar nicht mehr um unsere Stimmen kämpfen zu wollen. Vielleicht ist es egoistisch, das von einer Partei zu erwarten. Aber genau das hat die Grünen einst ausgemacht: Egal, wie groß die Windmühlenflügel waren, egal, wo der politische Gegner stand, egal, wie er argumentierte – sie stritten nicht für ihre Ego-Freak-Programme, nicht gegen ihre Feinde sondern für so etwas Kitschiges wie eine gemeinsame, bessere Welt. Es war eine Welt, die sie gemeinsam mit ihren Wählen entwickeln wollten und keine, die sie bereits als exklusives Utopia für Auserwählte fertig gestellt hatten.

16:25 18.09.2017
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
Schreiber 0 Leser 7
Avatar

Kommentare 4