Gesichter des Widerstands

Polemik Opposition kennt verschiedene Politiker-Charaktere. Doch unter Schwarz-Gelb wird nur einer von ihnen bestehen. Eine kleine Typologie

Der One-Man-Show-Oppositionelle

Ich habe zwar keine Mehrheit, weiß aber alles – im Zweifel auch besser! Hat ­Oskar Lafontaine nicht schon immer gesagt, dass es so nicht weitergeht? Klar, weil er schon so ziemlich alles verlangt hat: weniger Bankenkontrolle, mehr Bankenkontrolle, weniger Geld für die Polizei, mehr Geld für die Polizei. Je nachdem…

Der Leitspruch des One-Man-Opposi­tionellen ist: „Ich bin immer dagegen, wenn ich nicht selbst regiere.“ Und: „Es ist auch nicht schlimm, wenn ich nicht mehr meiner Meinung bin, Hauptsache alle anderen sind es (mit Ausnahme der Regierenden).“

Der One-Man-Oppositionelle kann nicht verstehen, dass die Leute so dumm sind und ihn nicht wählen. Er, der perfekte Selbstdarsteller hat schließlich noch jeden Journalisten unter den Maybrit-Illner-Tisch getalkt.

Ein positives Beispiel des One-Man-Oppositionellen ist übrigens Hans-Christian Ströbele, der zuweilen auch gegen seine Partei ist. Aber genau genommen ist er ja auch kein Oppositioneller, sondern der demokratisch gewählte Regierungssprecher Friedrichshain-Kreuzbergs – also eine One-Man-Regierung mit fehlender nationaler Mehrheit.

Der Alle-Sind-Doof-Oppositionelle

„Hello World! Sorry everybody. But unfortunately I can’t be everywhere!” Kaum ein Oppositioneller ist peinlicher als der pseudolustige Allzeit-Stänker. Am schlimmsten wird’s, wenn er im ernsthaft getragenen Nadelstreifen zur eigenen Parodie wird, ohne es zu merken. Gut, man schämt sich fremd, wenn ­Guido Westerwelle einem BBC-Reporter erklärt, dass hier Deutschland ist, und man hier deutsch spricht – außer beim Tee-Tête-à-tête hinter den Regierungskulissen, da könne man natürlich auch ein bisschen Englisch speaken.

Wesentlich peinlicher als dieser Guido Westerwave ist allerdings jemand wie Cem Özdemir, der sich in verschnöseltem Oxford-English (wie es kein Engländer, weder in Deutschland noch in England spricht) per Youtube weltweit für Westerwelle entschuldigt, um den Rivalen vorzuführen.

Der Alle-Sind-Doof-Oppositionelle ist dem One-Man-Oppositionellen durchaus nahe, unterscheidet sich von ihm allerdings dadurch, dass er nicht in der Lage ist, seine Oppositionsforderungen zugespitzt zu formulieren. Er bleibt grau und profiliert sich allein über die Schlechtigkeit seines Gegners. Das Dagegensein wird zur Selbstdarstellung.

Lange war die FDP die Heimatpartei der Alle-Sind-Doof-Oppositionellen. Heute übernimmt Cem Özdemir diese Rolle und beweist, dass die neuen English-Speaking-Greens fast schon die alte 18-Prozent-Big-Brother-FDP sind.

Der Regierungs-Oppositionelle

Was schert mich das politische Koordinatensystem, ich bin doch Politiker! Leitwort der Regierungsoppositionellen ist Münteferings ­Slogan „Opposition ist Mist!“ Lieber ein heißer Flirt mit der Macht, statt prinzipientreu zu sein. Lieber mit dem Spatzen in der Hand vögeln, als mit der Taube auf dem Dach gurren. Notfalls wird Jamaika eben nach Deutschland verlegt und das einst rote Hamburg Grün-Schwarz gepinselt. Ideologie ist was für ewig Gestrige! Und Visionen lassen sich schnell über Bord werfen. Ob der Wähler das so gewollt hat? – Egal! Nach der Wahl ist vor der Regierungsbildung. Jede Partei heiligt die Mittel.

Das große Missverständnis der Regierungsoppositionellen ist, dass sie sich selbst als Brückenbauer verstehen und nicht merken, dass sie die Brücke zur Opposition abbrechen. Sie denken, dass man in der Macht am besten gegen den Gegner arbeiten kann. Durch sie wird aus dem Wettstreit um Ideen der Verrat an ihnen – und statt einer eigenständigen Mehrheit droht in vier Jahren die echte Opposition.

Der Bündnis-Oppositionelle

Sein Herz schlägt links! Und endlich darf er es auch sagen. Klaus Wowereit und Matthias Platzeck waren die Aussätzigen der SPD innerhalb der großen Koalition. Sympathische Genossen mit gut versteckten roten Socken. Heute dürfen sie sich outen – und das ist auch gut so!

Die Bündnis-Oppositionellen können glaubhaft gegen Schwarz-Gelb streiten und daran erinnern, dass es doch mal so etwas wie eine solidarisierte Linke gab. Gut, der Name ist inzwischen von einer Partei annektiert, aber der alte Geist müsste doch irgendwo noch leben.

Wenn ihn jemand wiederfinden kann, dann der linke Bündnisoppositionelle in der bundesdeutschen Opposition. Sind wir nicht alle Genossen? Und war Links nicht einmal eine Volkspartei?

Bis das Land rot wird, und damit es nicht tot geht, muss der Bündnisoppositionelle dem One-Man-Oppositionellen den natürlichen Kampf ansagen und zusammenwachsen lassen, was zusammen gehört. Er ist der Botschafter der nationalen Internationale.

Der Basis-Oppositionelle

Ihm gehört die wahre Zukunft. Alle zuvor genannten Oppositions-Politiker haben den Geburtsfehler, dass sie noch in der „old school“ des Parteiensystems stecken. Oder anders formuliert: dass sie Parteipolitiker sind.

Dabei hat die wahre Opposition sich längst von Ballon- und Konfetti-Partei­tagen, von grünen, roten und dunkel­roten Machtspiel-Doktrinen und der ­Opposition innerhalb der Opposition emanzipiert.

Jeder „Youtube“-Nutzer macht bessere Anti-Westerwelle-Videos als Cem Özdemir, jeder Arbeiter hat realere Probleme als Oskar Lafontaine denkt, jeder echte Linke weiß, dass sein Herz weniger für eine Partei, sondern für eine politische Tradition und Ethik steht.

Die Basisopposition hat bereits vor der Wahl begonnen. Die Politiker haben es dummerweise nicht gemerkt. Kein Wunder, denn ein Großteil der Basisopposition ist gar nicht zur Wahl gegangen. Sie opponiert nicht gegen Parteienbündnisse, sondern gegen die Parteienkultur. Sie ist nicht nur Gegner von Schwarz-Gelb, sondern auch von vermeintlichen Oppositionsgewinnler-Genossen wie Steinmeier, Nahles und Gabriel, die nach verlorener Wahl praktizieren, womit ihre Vorgänger die SPD zum Scheitern gebracht haben: die eigenmächtige Machtergreifung ohne Befragung der Basis.

Die Basisopposition ist die einzig echte Volkspartei. Zeit für alle Oppositionellen, sich mit ihr zu verbrüdern.

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07:00 22.10.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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