Im Namen der Lügenpresse?

Medien-Roman Das Problem von „Nullnummer“ ist nicht, dass Umberto Eco ein Lügenpresse-Schreihals sein könnte. Unbefriedigend ist vielmehr, dass er in der Vergangenheit stecken bleibt
Axel Brüggemann | Ausgabe 40/2015 8
Im Namen der Lügenpresse?
Meister der Irritation: Umberto Eco

Bild: Imago/Leemage

Ist der Spiegel selber Teil der Lügenpresse, wenn er Umberto Eco – so wie Klaus Brinkbäumer im neuen Literatur Spiegel – als Lügenpresse-Demonstrant outet? Ja, hätte Eco sich seinen Medien-Roman Nullnummer (soeben auf Deutsch bei Hanser erschienen) gar sparen können und sich effektvoller in Mailand oder Dresden mit einem „Lügenpresse“-Schild auf den Marktplatz gestellt?

Nun, da es um Umberto Eco geht, den großen Semiologen, den Meister der Irritation und den Literatur-Magier des doppelten Bodens, liegen die Dinge natürlich etwas komplizierter und eignen sich nicht für das komprimierte Aussagenformat eines Protestplakats. Nullnummer ist eine Versuchsanordnung, die auf dem schmalen Grat von Verschwörungstheorie und Recherche, von Investigation und Sensationsjournalismus wandelt. Vordergründig geht es um die Frage, ob Mussolini tatsächlich gelyncht wurde – oder nur sein Doppelgänger. Beteiligt sind politische Kreise und der Vatikan.

Das typische Eco-Szenario besteht nun darin, dass diese Verschwörungs-These selber nur Recherche eines gigantischen Verschwörungs-Unternehmens ist, der Zeitung Domani (dt. „Morgen“), die gegründet wurde, um nie zu erscheinen. Ihre einzige Aufgabe ist es, dem sogenannten Commendatore (einem ziemlich platten Berlusconi-Double) Fakten gegen seine Widersacher in die Hand zu spielen und die eigene Biografie zu polieren. Die Recherche an der Mussolini-Theorie, die den Reporter das Leben kostet, ist letztlich selber nur Produkt einer politischen Verschwörungs-Einheit, die sich „Zeitung“ nennt.

Eco spiegelt also den Spiegel der Medienlandschaft und provoziert durch die doppelte Falschheit seiner Welt alle möglichen Verzerrungen. In der Domani-Redaktion segeln gescheiterte Journalisten ohne Eigenschaften als Freibeuter durch das Medienmeer. Dass die Mussolini-Story schließlich (wieso, erfahren wir nicht) bei der BBC landet und damit zur medialen Realität wächst, ist die recht schwache Wendung dieses Romans – nicht aber die Auflösung all seiner Ungereimtheiten.

Letztlich ist das Problem von Nullnummer nicht, dass Eco ein „Lügenpresse“-Schreihals wäre, dazu ist er viel zu klug und traut niemandem! Es ist bei ihm ja auch nur die „Als ob“-Presse, die lügt. Das eigentlich Unbefriedigende ist, dass Eco in der Vergangenheit stecken bleibt, in der noch mit Lire bestochen und die Zeitung von morgen als genauso gefährlich empfunden wurde wie ein vergiftetes Buch im Mittelalter.

Das Internet, der eigentliche Ort moderner Verschwörungstheorien, an dem Meinungen und Stimmungen zu pseudorealen Fakten aufkochen, Mythen und Zeichen geklittert werden, kommt bei ihm nicht vor. Allein deshalb kann man sich Eco nicht in Dresden vorstellen: Die Wahrheit der Menschen dort ist eben kein Produkt eines intellektuellen Prozesses, sondern das einer virtuellen Wahrnehmung, die zu einer eigenen Wahrheit wächst. Deshalb ist es falsch, Eco als „Lügenpresse“-Schreihals zu beschimpfen. Das würde sein gekonntes Spiel der Lüge in der Lüge ignorieren.

Nullnummer ist angeblich Umberto Ecos letzter Roman. Ein gut geschriebenes Buch, das uns vor 20 Jahren geschockt hätte. Heute liest es sich so gemütlich und fern wie Im Namen der Rose, es ist ein Thriller aus dem Medien-Mittelalter. Es wäre schade, wenn diese Satire von gestern Ecos letztes Wort über den Zustand unserer Gegenwart wäre.

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06:00 02.10.2015
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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