In fremden Hosen

Oper Nirgendwo trifft so viel Äußerlichkeit auf so viel Innerlichkeit wie in Bayreuth. Und bei den Wagner-Festspielen aus der Rolle fallen – das will wirklich niemand

Dreißig Kilometer vor dem Mittelpunkt der Opernwelt beginne ich zu beben. Habe ich meinen Anzug…? Nein, habe ich nicht! Wollte ich. Habe ich aber nicht. Er hängt zu Hause. An der Garderobe. Im Anzugschoner. Es ist Sonntag. Noch drei Stunden bis zur Premiere von Lohengrin. Die Kanzlerin hat sich angemeldet, Thomas Gottschalk, der Außenminister, Hinz und Kunz. Und ich Idiot habe meinen Anzug vergessen.

Die Bayreuther Festspiele sind längst der Laufsteg der Nation. Und der rote Teppich auf dem Grünen Hügel hat schon allerhand Peinlichkeiten gesehen: Merkels ausgefallenes Dekolleté, Merkels Schweißflecken, Merkels Sissi-Roben. Aber einen Journalisten in Jeans, Slippern und Poloshirt – das gab es noch nie. Nicht, dass ich mich besonders wichtig nehme, aber aus der Rolle fallen muss man ja nicht unbedingt.

Ich suche im Handy: Kollege Schibli von der Basler Zeitung – der kommt jedes Jahr. Aber ich habe nur seine Büronummer. Eine Bekannte, die aus Berlin anreist. Schon abgefahren, sorry! Na, dann eben Alexander Busche, genannt Buschi: Katharina Wagners Ex-Assistent, Fashion-Victim und Berlin-Mitte-Mann. Er ist beschäftigt, sitzt gerade in der Kinderoper. Vielleicht könne er noch was drehen. Einen pinken Adidas-Anzug hätte er noch. „Komm doch einfach erst mal!“ – Einfach so? – „Ja, wie denn sonst?“

Urort des deutschen Zeitgeists

Nirgendwo in Deutschland trifft so viel Äußerlichkeit auf so viel Innerlichkeit wie bei den Bayreuther Festspielen. Angeblich schwingt in den Leitmotiven des Meisters die deutsche Seele mit. Nietzsche hat bei Wagner getobt, Hitler hat bei Wagner geweint, Merkel hat bei Wagner entspannt. Aber sie alle hatten etwas Ordentliches an, als sie von seinen Opern berührt wurden.

Bayreuth ist ein urdeutscher Pilgerort. Aus dem Festspielhaus zu berichten, heißt über Deutschland zu berichten. Live vom Soundtrack der Nation. Interview mit Katharina Wagner: „Ich habe gemischte Gefühle bei den ersten Festspielen ohne meinen Vater.“ Interview mit Hans Neuenfels: „Bayreuth ist immer was Besonderes.“ Reportage vom roten Teppich: „Wer ist der Mann an der Seite von Fürstin Gloria?“ Die Bayreuther Bühne spielt vor und hinter dem Vorhang.

Das Festspielhaus begleitet die deutsche Geschichte seit 1876: Monarchie, Diktatur, Demokratie. Merkel und Gottschalk, Audi und Siemens – aber eben auch das Volk und die unkomplizierte Prominenz, die in den Endlospausen ins Kneipp-Bad geht und Bockwurst isst. Ja, fast scheint sich Wagners Traum vom Gesamtkunstwerk, in dem nicht nur Musik, Text und Szene vereint werden, sondern in dem die Gesellschaft und die Bühne eins werden, zu erfüllen. Der Situationist Guy Debord sprach einst von der „Gesellschaft des Spektakels“ – sie ist in Bayreuth zu Hause. Und mehr noch: in der Postmoderne ist das Theater um das Theater vielleicht realer als das politische Theater der Wirklichkeit. Aber was helfen all diese Gedanken, ohne etwas anzuziehen?

Wolfgangs Anzüge sind zu weit

Auf dem Weg zu meiner Pension stolpere ich über eine Hose, die auf dem Gehweg liegt. Hat sie ein Obdachloser verloren? Vielleicht ist das ein Anfang. Aber eine Hose von der Straße? Ich hänge sie über den Gartenzaun. Feiner Zwirn. Gar nicht dreckig. Vor der Pension treffe ich Kollegen Schibli – er wohnt auch hier. Nein, leider, er habe selbst nur einen Anzug mit. Täte ihm sehr leid. Aber irgendwie würde ich das schon hinkriegen.

Dann schickt Buschi eine SMS: „In Katharinas Büro hängt ein Anzug für Dich – Größe 50“. Ein bisschen groß, aber immerhin.

Es ist 14 Uhr, noch zwei Stunden bis zur Aufführung. Der Hügel bebt. Schaulustige haben Leitern mitgebracht, Paparazzi knipsen, alle gaffen – aber es ist ein angenehmer Starkult. Keine Aufgeregtheit, eher ein Volksfest, in dem die Volksvertreter und die Volkshelden die Laiendarsteller sind, während sie über den roten Teppich flanieren. Ein Pärchen picknickt fototauglich vor dem bunten W aus Blumen. Ich gehe durch den Künstlereingang, werde zum Büro der Wagner-Schwestern geführt. Vorbei an Ratten-Köpfen, die schon hinter der Bühne bereit stehen. Auch eine Möglichkeit: unten nackt bleiben, aber oben herum würde mir niemand etwas ansehen.

Eva Wagner-Pasquier kommt mir entgegen: „Was kann ich für Sie tun?“ – „Ach, nichts, es ist mir ein bisschen peinlich, aber ich habe meinen Anzug vergessen. Es soll einer für mich in Katharina Wagners Büro hängen.“ Eva Wagner-Pasquier schmunzelt. „Ach, nur einen Anzug, eben hat ein Botschafter angerufen, der hat seinen Smoking vergessen und ließ fragen, ob wir auch noch was Hübsches für seine Frau hätten, in 36.“ Dem habe sie den Marsch geblasen. Die Festspiele seien doch kein Ausstattungshaus. Von meinem Fall hätte sie noch nichts gehört, aber die Katharina, die würde das sicherlich klären.

Fränkische Pragmatik

Die Wagner-Schwestern sind Medienlieblinge: einander ähnlich und doch ungleich wie die Ring-Riesen Fasolt und Fafner. Sie würden immer streiten, heißt es, sich höchstens zusammenraufen. Aber eigentlich – na, ja. Hinter den Kulissen des Festspielhauses sieht alles ein wenig anders aus: Die beiden leben perfekt mit ihrer Verschiedenheit, Eva als Backstage-Queen und Katharina als Front-Frau. Die Aufgaben sind verteilt – jede weiß, was sie zu tun hat.

Katharina Wagner sitzt hinter einer Glasscheibe in ihrem Büro, der Friseur dreht gerade die letzten Locken für den Empfang auf dem roten Teppich. „Herr Brrrrüggemann“, sagt sie, „dumm gelaufen, was?“ Sie rollt das R immer so lustig, so fränkisch, so bodenständig. Ich schweige betroffen. Als wenn sie nichts anderes zu tun hätte, als sich um meinen Anzug zu kümmern. Ich komme mir vor, als würde mein Problemchen dem Ritual des großen deutschen Mythos’ im Wege stehen.

Noch dümmer, dass die Requisite nur ein viel zu großes Jackett abgegeben hat. „Lauf doch mal rüber zum Haus, und schau im Schrank vom Papa – ob wir da nicht noch was für den Herrn Brrrrüggemann haben“, sagt Katharina zu ihrem Freund. Einen Anzug von Wolfgang Wagner? Das wäre mir nun wirklich peinlich. Immerhin: das sind die ersten Festspiele ohne den alten Herren. „Von der Höhe her müsste es passen“, sagt Katharina, „in der Breite vielleicht nicht.“

Die fränkische Pragmatik verrät auch, mit welcher Selbstverständlichkeit die Wagner-Schwestern den Grünen Hügel managen: Alles ist Familie, alles wird ohne Umwege gelöst. Die Mäzene haben Angst vor der Öffnung der Festspiele? Dann wird eben eine Tochtergesellschaft gegründet, die Kinderoper und Public Viewing übernimmt. Der Freundeskreis blockiert die neue Probebühne? Dann gründet man eben einen neuen Förderkreis. Wolfgang Wagner war qua Vertrag ein Patriarch, seine Töchter sind in ein Geflecht aus Gewerkschaften, Bund- und Landesbeteiligungen und Freunden eingesponnen. Sie müssen klug handeln, anders ginge es gar nicht.

„Wenn wir jetzt noch Stress hätten“, sagt Katharina, „dann hätten wir was falsch gemacht.“ Sie zündet eine Zigarette an. Ob wir nicht doch lieber die Requisite fragen sollten, will ich wissen. – „Na gut, dann gehen Sie doch mal hoch.“ Und tatsächlich: wir finden Hemd, Hose und Jackett. Meine Festspiele sind gerettet.

Welt der andauernden Illusion

Draußen beginnt der Aufmarsch der Gäste. Angela Merkels Hosen erinnern mich an umgedrehte, beige Vuvuzelas. Da hätte ich auch in Jeans kommen können. Dafür trägt Gottschalk heute einen schwarzen Smoking. Ein Kind bittet mich, meinen Namen in ein Buch zu schreiben. „Ich sammele Unterschriften“, sagt das Mädchen. „Aber ich bin doch gar nicht bekannt!“ – „Macht nichts, Bekannte habe ich ja schon genug!“ Und dann zeigt sie mir die Unterschrift von Thomas Gottschalk. „Der hat mich sogar mit auf den Balkon genommen.“ Auch das ist Bayreuth: Promis werden hier zu Menschen. Wagner stimmt die Menschen milde. Es geht um die Kunst. Und irgendwie gehören alle zur Familie: die auf dem roten Teppich und die daneben.

Inzwischen posaunen die Fanfaren auf dem Balkon zum dritten Mal. Zeit, ins Heiligtum zu gehen: ins Festspielhaus. Der Anzug sitzt.

Hans Neuenfels, der alte Theaterprovokateur, überrascht durch den Versuch, das Regietheater zurück zu alten Formen zu bringen. Klar, die Perspektive ist ein wenig verschoben: Lohengrin als Rattenlabor, ein Experimentierfeld für menschliche Emotionen. Der Gralsritter ist kein Erlöser, sondern ein Mann, der die Liebe sucht. Bayreuth, das ist eine Werkstatt der Wagnerdeutung und Spiegel des Zeitgeistes. Wieland Wagner hat die Bühne nach dem Nationalsozialismus entrümpelt. Patrice Chereau hat die Götter zu Menschen geschrumpft und die 68er-Bewegung in seinem Jahrhundertring verarbeitet. Harry Kupfer hat von der Umweltverschmutzung der achtziger Jahre erzählt, und Jürgen Flimm hat Walhall ins Kanzleramt verlegt. So gesehen ist Neuenfels Lohengrin auch ein Bild für die neue Milde der alten Wilden – auf der Bühne sehen wir nur machtlose Opfer eines geheimnisvollen Systems. Mit diesem Lohengrin begibt sich das Regietheater selbst in die Werkstatt, legt gleichzeitig einen Höhe- und einen Endpunkt vor. Irgendwie scheint die Gesellschaft zu groß für Provokationen von der Bühne geworden zu sein. Eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Bayreuths wird es sein, neue Erzählformen zu finden. Nach Neuenfels Lohengrin kann nichts anderes kommen als ein Neuanfang. Vielleicht lohnt es sich, Gedanken über das Schauspiel an sich zu verschwenden, an die Frage, was eigentlich noch wirklich ist in unserer Wirklichkeit. Das inszenierte Spektakel als Wahrhaftigkeit zu behaupten – als letzte Wahrheit gegen eine Welt der andauernden Illusionen.

Beinkleid auf dem Trottoir

In der Pause treffe ich den Kollegen Schibli. Er hat einen braunen Anzug, macht mir Komplimente für meinen Requisiten-Stoff. „Ich habe beim Anziehen an Sie gedacht“, sagt er. „Als ich mich fertig machen wollte, fehlte meine Hose. Sie lag auf dem Trottoir.“

Äußerlichkeiten werden in der Klassik immer wichtiger. Auch auf der Bühne. Annette Dasch und Jonas Kaufmann sind: schön. Und das ist auch überall zu lesen – selbst in seriösen Kritiken. Gerade der Tenor Kaufmann ist ein Phänomen der Gegenwart. Er singt richtige Töne, phrasiert klug, macht Kunst. Aber irgendwie klingt sein Lohengrin herzlos. Merkwürdig perfekt. Und etwas verwunderlich sind die Reaktionen der Kritiker-Kollegen: Niemand scheint Kaufmann zu lieben, aber er ist vielleicht der einzige, den man heute noch feiern kann. Also wird er gefeiert. Sei’s drum.

Nach einem letzten fränkischen Bier in der Bayreuther Innenstadt, einem vernünftigen Schlaf, und nachdem ich meinen Anzug am nächsten Tag wieder in der Requisite abgegeben habe, geht es nach Hause. Im Autoradio höre ich die Kritik eines Kollegen vom Deutschlandradio. Er hat irgendeine ungenannte Kronzeugin aus Bayreuth vors Mikrofon geholt. Sie sagt, dass die Wagner-Schwestern unnahbar sein, und der Kollege kritisiert die Event-Maschine der Bayreuther Festspiele. Dabei war Bayreuth immer der Versuch, Wagners Credo von der Oper für alle einzulösen. Der Kinder-Tannhäuser ist nicht nur ausverkauft, sondern ein Erfolg, zum Public Viewing kommen seit drei Jahren 30.000 Menschen. Aber was wäre was wäre Bayreuth ohne Debatte? Ein Deutschland ohne Enthusiasmus. Ich fahre Richtung Bremen, schließe die Tür auf, sehe meinen Anzug am Bügel hängen. Er hat etwas verpasst.

Axel Brüggemann wird am 21. August von 15 Uhr 45 an das Public Viewing von Tankred Dorsts Inszenierung der Walküre auf dem Bayreuther Festplatz moderieren. Der kostenpflichtige Internet-Livestream von der Veranstaltung findet sich hier.

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07:00 16.08.2010
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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Ausgabe 41/2021

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