Kleinster gemeinsamer Nenner

Ritual der Woche Der durchwachsene Sommer hat einen großen Vorzug. Man hat auf jeden Fall ein Gesprächsthema. Beim Reden übers Wetter kann man eigentlich nichts falsch machen. Oder doch?

Und nun: das Wetter. Mit so einem Satz kann man gar nichts falsch machen. Schließlich ist das Wetter eine rundum gute Sache, selbst dann, wenn es schlecht ist. Jeder kennt es. Niemand kann es ändern. Und eigentlich sind alle der gleichen Meinung: Sonne ist gut, Regen ist beknackt. Wenn wir die agrarökonomischen Spaßbremsen an dieser Stelle einmal ausklammern, ist das Wetter der kleinste gemeinsame Nenner der Menschen, eine Art "Passt-Immer", eine göttliche, ursozialistische Einrichtung.

Das Wetter ist für alle gleich! Und beim Wetter gibt’s auch keine unterschiedlichen Vorlieben, wie etwa beim Fußball, in der Politik oder bei den Frauen. Das Wetter ist nicht privat wie Magenkrebs, der Konsum von Marihuana oder die eigenen sexuellen Vorlieben. Beim Wetter-Talk kommt nicht einmal Konkurrenz auf wie zum Beispiel in Gesprächen über die verzogenen Kinder der Nachbarn, über Autos oder über den Job. Meine Kumuluswolke, deine Kumuluswolke – Kumuluswolken sind für alle da!

Mehr noch: das Wetter geht alle an, und im Gegensatz zu den Nachrichten über Geiselnahmen (diplomatisches Tief), den CSU-Parteitag (leichte Gewitter) oder die Bundestagswahl (unvorhersehbar) brauchen wir uns bei Unwetterwarnungen nicht einmal eine Meinung zu bilden – sie sind einfach da. Fertig.

Über das Wetter zu reden, passt eigentlich immer, auch weil das Wetter selbst nie passt. Besonders gut eignet sich der Wetter-Small-Talk, wenn das Wetter (Achtung, nun kommt wieder so ein Satz aus dem Fernsehen) Kapriolen schlägt wie dieser Tage. Überall wird über das Wetter geredet: "Ob der Sommer wohl noch kommt?" Was sich so banal anhört, ist in Wirklichkeit eine hochkomplexe Wissenschaft.

Früher gab es Wolkensymbole, heute einen "Strömungsfilm"

Früher war das Wetter im Fernsehen auf lustige Drehtafeln gemalt, die der Wettermann mit einem Klick auf eine Fernbedienung einen Tag weiterdrehte: Wolken standen für Wolken, eine Sonne für eine Sonne. Heute gibt es den "Tagesthemen-Strömungsfilm". Außer einigen Hobby-Meterologen wird niemand die gelben, roten und blauen Felder verstehen, die da über das Land treiben. Wahrscheinlich amüsieren sich auch Thor und Petrus über die komplexen Satellitenfilme, die sie durch ihre Launen produzieren.

Aber darum scheint es in den Wettersendungen auch nicht mehr zu gehen: Bevor wir hören, wie das Wetter morgen wird, muss erst einmal klar gestellt werden, dass eine derart leichte Aussage ziemlich kompliziert ist. Deshalb sehen die Wettermänner im Fernsehen auch meist so aus, als wären sie die einzigen Angestellten ohne Modeberater. Sie kommen wie Freaks aus den hochtechnologisierten Wetter-Katakomben der Sender und rudern wild mit den Armen, so als würde die Welt jeden Abend untergehen. Wettermänner sind längst keine Ansager mehr, sondern echte Kerle, Talkmaster und "Actimel"-Werber. Sie gehen dorthin, wo es stürmt, ihr Mikrofon flattert im Wind: Sie haben Dreitagebärte und sind verhaltensauffällig, aber stets neutral. Deshalb kommen die meisten Wettermänner auch aus der Schweiz.

Alles ist Klima – und damit politisch

Und noch etwas hat sich geändert: Früher war das Wetter eine Sache für Bauernregeln ("Treibt’s der Bauer auf der Hühnerleiter, ist das Wetter meistens heiter. Macht er sich im Zimmer Spaß, ist es draußen meistens nass."). Heute ist das Wetter ein Politikum. Wenn wir ehrlich sind, gibt es so etwas Unschuldiges wie das Wetter gar nicht mehr. Alles Wetter ist Klima geworden. Und Klima ist Politik. Wenn das Wetter zu heiß oder zu kalt ist, wird uns schwindelig, weil wir wissen, dass es etwas mit den Hamburgern zu tun hat, die wir in Deutschland essen und für die der südamerikanische Wald abgeholzt wird. Selbst das Mikrowetter auf Juist ist letztlich Teil des globalen Klimas. Wetter ist überall. Und es wird immer extremer.

Durch seine Unvorhersehbarkeit ist das Wetter die Urform des kollektiven Konjunktivs. "Wenn morgen die Sonne scheint, könnten wir…" Oder: "Hätte es heute geregnet, wäre es nicht möglich gewesen…" Oder: "Wäre gestern das richtige Wetter für morgen vorhergesagt worden…" Beim Wetter gibt es keine Sicherheit. Das Wetter ist ein Ritual des Unkalkulierbaren, dem die antipodische Hoffnung zwischen der korrekten Vorhersage und dem Wissen, dass alles anders kommen könnte, innewohnt.

Das Reden über das Wetter ist längst zu einer hohen Kunst geworden. Kate Fox schreibt in ihrem Buch Watching the English, dem Talk-Knigge aus dem Urland der Wetter-Philosophie: "Während wir viel Zeit damit verbringen, über unser Wetter zu meckern, dürfen es Ausländer nicht kritisieren. Dann behandeln wir das Wetter wie ein Mitglied der Familie: Man kann sich über das Benehmen der eigenen Kinder oder Eltern beklagen, aber jeder kritische Hinweis durch einen Außenstehenden ist inakzeptabel und eine schlimme Unsitte."

Schon Oskar Wilde wusste: "Wenn die Leute mit mir über das Wetter reden, bin ich mir stets sicher, dass sie etwas ganz anderes meinen." Vielleicht liegt darin das Geheimnis unseres Rituals der Woche: Man redet nie nur über das Wetter. Jeder Wetter-Talk impliziert: alles! "Es ist so feucht, ich spüre mein Rheuma." (Gesundheit). "Es ist so heiß, ich kann kaum schlafen" (die eigene schlechte Laune). "Im Urlaub hat es nur geregnet" (Probleme mit den Kindern).

Es ist leichter, die Welt zu verändern als das Wetter

In den altlinken Küchen der 68er hingen Poster, auf denen der SDS eine Parole der Bundesbahn imitiert hat. "Alle reden übers Wetter. Wir nicht!", stand da. Intellektuelle waren sich zu schade, ihre Gedanken an profane Dinge wie das Wetter zu verschwenden. Vielleicht auch deshalb, weil es leichter war, die Welt zu verändern als das Wetter. Immerhin sorgte diese Auffassung für den stürmischen "deutschen Herbst".

Schlaue Leute tun also, als würden sie nicht über das Wetter reden. Weise Leute wie Wilhelm Busch indes lieben es, ungeniert über das Wetter zu sprechen. Der Dichter fragte seinen Freund Friedrich August von Kaulbach in einem Brief: "Darf der Gebildete nicht mehr unbefangen über das Wetter reden?" Doch, lieber Wilhelm Busch, wir glauben: Er muss!

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Ihre Freitag-Redaktion

13:40 21.07.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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