Konkurrenz am Honigtopf

Porträt Maike Schaefer ist Hobby-Imkerin und Bremens grüne Wahlgewinnerin. Nun umschwirren sie SPD und CDU
Konkurrenz am Honigtopf
Die moderne Grünen-Rhetorik beherrscht sie spielend, das Konkrete schwebt im Ungefähren. Bei der Frage Jamaika oder Rot-Rot-Grün wird sie Fakten schaffen

Foto: Ole Spata/dpa

Im Wahlkampf hat Maike Schaefer den Bremern Honig ums Maul geschmiert: Die Spitzenkandidatin der Grünen, promovierte Biologin und Hobby-Imkerin, verteilte an ihren Info-Ständen fleißig Broschüren, dazu ein Gläschen Bio-Honig. Mit Erfolg. Schaefers Grüne haben hinzugewonnen und wurden mit über 16 Prozent drittstärkste Kraft. Nun hält sie den Schlüssel zum Rathaus in der Hand – auch für die Kandidaten anderer Parteien. Unter ihnen der große Wahlverlierer, SPD-Bürgermeister Carsten Sieling, und CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder, der zwar gewann, aber das gesetzte Ziel von 32 Prozent weit verfehlte. Jetzt ist es an Schaefer, sich für Rot-Rot-Grün oder für Jamaika zu entscheiden.

Im Wahlkampf hat sie sich bewusst nicht festgelegt. Sie hielt es lieber mit der modernen Grünen-Rhetorik: „Wir reden nach der Wahl mit jedem und entscheiden uns dann für das Bündnis, bei dem am Ende am meisten Grün drin ist.“

Auf den ersten Blick könnte man die 49-Jährige, die ziemlich ungefiltert und mit bremischem Zungenschlag daherredet, unterschätzen. Gern plaudert sie über ihre zwei Bienenvölker, die sie im Stadtteil Vegesack betreut. „Meditativ“ sei das, „eine Auszeit im Stress“ und „passend zur grünen Umweltpolitik“. Ungern redet Schaefer dagegen über ihre Rolle als Mutter, ihren Mann, der zu Hause die Familie wuppt. Und besonders indifferent bleibt sie, wenn es politisch konkret wird. Dann spricht sie gern über weltweite Klimaziele, Umweltschutz in Europa und im Bund – was genau die Grünen vor Ort in Bremen ändern wollen, blieb im Wahlkampf dagegen unklar.

Schaefer hat die neue Grünen-Rhetorik der Bundesvorsitzenden Habeck und Baerbock perfekt verinnerlicht: Sie greift niemanden wirklich an und bleibt am liebsten ganz bei sich selbst. Das wird ihr nun nicht mehr weiterhelfen. Schaefer muss sich entscheiden. Und vieles spricht dafür, dass es Rot-Rot-Grün wird. Zum einen, weil der Bremer Landesverband eher links ist, zum anderen, weil die Gegensätze besonders zur FDP, etwa bei der Verkehrspolitik, zu groß sind. Aber auch, weil nur 17 Prozent der Bremer Grünen-Wähler nach der Wahl angegeben haben, sie könnten sich eine Jamaika-Koalition vorstellen.

Auf der anderen Seite ist Schaefer keine Politikerin des Automatismus, und auf politischen Druck reagiert sie weitgehend gelassen. Das mussten schon einige ihrer Konkurrenten erfahren. Ursprünglich wollte die Grünen-Spitze mit Finanzsenatorin Karoline Linnert, Sozialsenatorin Anja Stahmann und eben Maike Schaefer ins Rennen gehen. Als die Basis aufmuckte, stellte Linnert der Partei ein Ultimatum: Entweder sie werde Spitzenkandidatin oder sie stehe der Partei nicht mehr zur Verfügung. Schaefer gewann die Wahl überraschend mit 53,9 Prozent. Und so könnte sich auch die Ankündigung von SPD-Bürgermeister Sieling als Bumerang erweisen. Auf der Zielgeraden des Wahlkampfes hatte er eine Große Koalition ausgeschlossen und setzt – trotz historischer Niederlage – weiter auf die Grünen als Partner. Sieling scheint sich sicher zu sein. Er will als Bürgermeister weitermachen. Wenn er sich da mal nicht verkalkuliert.

Bremens Grüne haben es im Wahlkampf geschafft, die Misserfolge der Regierung der SPD in die Schuhe zu schieben, und das, obwohl sie in Kontroversen um Verkehr oder Bildungspolitik ebenfalls in der Verantwortung standen und die grüne Finanzsenatorin Linnert zum harten Sparen gemahnt hatte. Schaefers Vorteil ist, dass sie sich als neues Gesicht von dieser Vergangenheit distanzieren konnte. Ihre Strategie: Sie hat Linnert als verantwortliche Wirtschaftspolitikerin dargestellt, sich selbst als Biologin mit Schwerpunkt Umweltthemen. Bei den Koalitionsverhandlungen wird es nun aber auch ums konkrete Kleingedruckte gehen. Schaefer hat die Wahl: das Risiko, in einer erneuten Koalition mit der SPD im „Weiter wie immer“ langfristig zu verlieren, oder an der Seite der CDU Neues zu wagen, als ungewisses Unterfangen.

Grundsätzlich könnte man sich Jamaika mit Schaefer vorstellen. Auch wenn die Verhandlungen Unvereinbares überbrücken müssten. Am CDU-Spitzenkandidaten, dem Unternehmer Carsten Meyer-Heder, würde eine Koalition wohl kaum scheitern. Er sieht das Ganze unternehmerisch pragmatisch, könnte sich vorstellen, ökologische Zugeständnisse zu machen, um seine Wirtschaftspolitik durchzusetzen. Aber da ist auch noch die FDP um Spitzenkandidatin Lencke Steiner. Sie selbst hätte sicher genug Interesse an der Macht, um ebenfalls einzulenken – aber die Positionen von FDP und Grünen sind so unterschiedlich wie ihre Spitzen. Während Schaefer ihre Öko-Prinzipien niemals aufgeben würde und es ihr glaubhaft um die Sache geht, genießt Steiner das Rampenlicht der Politik. Man kann sich nicht vorstellen, wie das zusammengehen soll.

Die Spitzenkandidatin der Linken, Kristina Vogt, steht Schaefer in Sachen Politikverständnis näher. Beide sind Aktenfresser, mit Liebe zum Detail und kompromissbereit. Vogt selbst hatte gegenüber dem Freitag schon im Vorfeld klar gemacht, dass sie die Latte bei Koalitionsverhandlungen nicht sonderlich hoch hängen würde: Die Bildungspolitik könnte sie ebenso ausklammern wie die Frage neuer Schulden. Möglichkeiten sieht sie eher beim ÖPNV und im Umweltschutz. Bleibt die Frage, wie Bürgermeister Sieling auf die neue Spitze der Grünen und die Tatkraft der Linken reagiert. Die Juniorpartner wollen Veränderung, er tendiert zum „Weiter so“.

Schaefer dürfte in den kommenden Tagen wenig Zeit haben, sich um ihre zwei Bienenvölker zu kümmern. Stattdessen werden CDU und SPD ihr Honig ums Maul schmieren, am Ende muss sie entscheiden, welche Koalition weniger stechen wird.

06:00 30.05.2019
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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