Lasst uns mehr Neiddebatten führen!

Verteidigung Der Neid hat einen schlechten Ruf. Das ist ungerecht – tatsächlich ist er eine wesentliche Triebkraft der Gesellschaft
Axel Brüggemann | Ausgabe 30/2016 5
Lasst uns mehr Neiddebatten führen!
Neid ist kein Fehler der Schöpfung, sondern eine Notwendigkeit der Evolution
Foto: Martin/Fox Photos/Getty Images

Der Neid ist unsagbar hässlich. Ihm wächst eine Schlange aus dem Maul, die sich so lange windet, bis sie ihm ins Auge schauen kann. Sein Ohr ist so groß, dass kein Klatsch ihm entgeht, seine Haut angefressen. Der Neid trägt einen Beutel Geld in der Hand und steht auf lodernden Flammen. So hat ihn Giotto bereits im Jahr 1300 illustriert: ehrgeizig, unsympathisch, widerlich. Eine Hauptsünde der Menschheit, ein Übel der göttlichen Kreatur, des sich schon bei Kain und Abel offenbarte. Die Amerikaner nennen ihn the green eyed monster, das grünaugige Monster, in der Kunstgeschichte wird er wahlweise durch eine Schlange oder eine Kröte dargestellt. Er gilt als emotionaler Urfehler des Menschen, wird gesellschaftlich geächtet und kulturell geschmäht.

Aber das ist ein Missverständnis. Neid ist kein Konstruktionsfehler der Schöpfung, sondern eine Notwendigkeit der Evolution: Er ist das ehrliche und unmaskierte Korrektiv der eigenen Person im Verhältnis zu anderen. Er ist die bittere Erkenntnis, dass das eigene Leben größer, schöner, reicher und bequemer sein könnte. Er ist, wenn man ihn nicht blind verdammt, eine konstruktive Kraft, die uns antreibt und die, im besten Fall, sozialer Kitt und gesellschaftliches Korrektiv ist. Neid ist, wie der Religionstheoretiker René Girard schrieb, eine „mimetische Rivalität“ – ein Zustand, in dem sich der Mensch mit anderen Menschen in einen Zusammenhang setzt.

Der Neid, wie Giotto ihn gemalt hat, ist der destruktive Neid, die Missgunst gegenüber anderen, denen es – aus welchen Gründen auch immer – besser geht als einem selber. Jener Neid, der uns zerfrisst, der uns das Scheitern des anderen erhoffen lässt, die absolute Zerstörung des Beneideten kalkuliert. Der böse Neid setzt darauf, dass der andere gebrochen wird, bis er wieder dort landet, wo auch wir stehen.

Doch diese Form des Neids hat nur wenig mit dem Urneid zu tun, der uns allen eingeschrieben ist – jenem Neid, der auch chemisch und neurologisch nachweisbar ist: Neid wird durch Oxytocin hervorgerufen, durch das sogenannte Kuschelhormon, das auch beim Sex oder in der Schwangerschaft produziert wird. Er ist – ob wir es wollen oder nicht – eine psychologische Grundbedingung des Menschen und hat seinen Sitz in unserem Gehirn, im ventromedialen präfrontalen Kortex.

Die Bereitschaft zu teilen

1899 beschrieb Gustav Ratzenhofer zum ersten Mal den Brotneid, jene Eifersucht auf das, was der andere hat, und was uns zu fehlen scheint. Aber es ist dieser archaische Trieb, der uns letztlich zu gemäßigten Menschen werden lässt, der unser Zusammenleben reguliert. Denn der Neid mit seinen negativen und zerstörerischen Eigenschaften wirkt nicht nur von unten nach oben, sondern auch von oben nach unten. Er jagt jenen, denen es besser geht, Angst ein. Um Neid zu verhindern, sind sie bereit zu teilen. Weil derjenige, der etwas hat, weiß, dass der Neid der anderen, wenn er zu groß wird, seine eigene Existenz gefährdet, ist er bereit zu teilen.

Ein Prinzip, das im Großen wie im Kleinen wirkt: der Unternehmer, der seinen Porsche bei einem Kundenbesuch in der Garage lässt und mit dem Opel vorfährt, um keinen Neid zu schüren, oder ein Milliardär wie Steve Jobs, der öffentlichkeitswirksam die Hälfte seines Einkommens für die gute Sache spendete. Es sind eben auch gute Taten von Neid getrieben – oder von der Angst vor Neid. Im besten Fall ist die Sünde also eine Tugend, die den Menschen inspiriert, ein bisschen gerechter zu werden. Voraussetzung dafür ist die Bewusstwerdung von Ungerechtigkeiten und damit die Transparenz dessen, was der Einzelne wirklich hat. Denn nur eine Offenheit der Besitzverhältnisse bewirkt das Bewusstsein von Gerechtigkeit.

Aber: Experimente mit Affen haben auch gezeigt, dass zu großer Neid schnell zum Kollaps von Interaktion führt. Während eines Spiels wurde ein Affe mit leckeren Bananen belohnt, der andere mit alten Möhren – während der erste immer weiter spielen wollte, boykottierte der andere das Spiel ziemlich schnell. Ähnlich verhält es sich in menschlichen Gesellschaften: Wenn die Gründe für den Neid zu groß werden, explodiert eine Gesellschaft.

Destruktiv oder konstruktiv?

George Bernard Shaw schrieb einst: „Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht, allerdings meint man damit das Geld der Anderen.“ Die wohl größten politischen Revolutionen waren daher immer auch Revolutionen des Neids. Egal ob in der Französischen Revolution oder beim Fall der Mauer, stets führte die Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zur Regulierung durch Aufstände. Neid ist die Triebkraft der Arbeiterbewegung, die ihn brauchte, um ihr eigentliches Ziel, die Gerechtigkeit, zu erkämpfen. Stabile Staaten wissen darum und versuchen, die negativen Wirkungen des Neids zu vermeiden. Sie wissen, dass ungerechte Privilegien, Ungleichbehandlung oder eine Ungleichheit der Chancen Neid provozieren und ein gesellschaftliches Gefüge destabilisieren.

Die Revolution in einer zutiefst ungerechten Gesellschaft, der Kampf für mehr Gerechtigkeit innerhalb einer Demokratie und die Selbstregulierung eines politischen Systems sind daher die positiven Formen des Neids. Allerdings sind auch die negativen Wirkungsmechanismen nicht von der Hand zu weisen. „Neid entsteht aus Schwäche, Kleinmut, mangelndem Selbstvertrauen, selbstempfundener Unterlegenheit und überspanntem Ehrgeiz“, sagt der Historiker Götz Aly. „Deswegen verbirgt der Neider seinen unschönen Charakterzug schamhaft. Er lehnt lauthals ab, es dem Beneideten gleichzutun. Geht es ihm an den Kragen, genießt der Neider stille Schadenfreude.“ Diese Form des Neids hat unrühmliche Geschichte geschrieben, sie führt zur negativen Wut, zur Diskriminierung, zur Ausrottung von Minderheiten – und ist damit sicherlich auch Keimzelle des Antisemitismus und Rassismus.

Doch es ist falsch, dem Neider immer nur Zerstörungswut zuzuschreiben. Im Gegenteil: Neid ist viel öfter eine Triebfeder des Ehrgeizes. Der Neid spornt uns im Idealfall an, besser zu werden, mehr zu erreichen, Neues auszuprobieren und unkonventionelle Wege zu gehen. Der Sport ist das ideale Spielfeld des Neids – hier wird er zum Ansporn, selber besser zu werden.

Und der Neid ist seit jeher Begleiter des Erfolgs. Dabei ist erstaunlich, dass jene, die unter Neid gelitten haben, ihm meist auch etwas Gutes abgewinnen konnten. Und sei es nur im Nachhinein. So schrieb Oscar Wilde: „Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten.“ Norman Mailer fand: „Erfolg ist nur halb so schön, wenn es niemanden gibt, der einen beneidet.“ Und Arthur Schopenhauer wusste: „In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid.“ Bei all diesen Menschen wirkt der Neid nicht furchteinflößend, sondern als Bestätigung des eigenen Handelns – was zugegebenermaßen ein gewisses Selbstvertrauen und geistige Unabhängigkeit voraussetzt.

Es ist also an der Zeit, eine neue Allegorie des Neids zu malen. Kröten und Schlangen haben ausgedient. Der gute Neid, den wir hier auf ein Podest stellen, ist strebsam, ausgleichend und stellt das Ich in das Wir. Die gute Allegorie des Neids wäre ein Mensch, der in den Spiegel schaut und den anderen sieht, der sich seine Turnschuhe schnürt und weiterläuft, dorthin, wo seine Träume Wirklichkeit werden.

06:00 24.08.2016
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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