Leo Fischers Fake News

Medien Wenn der Ex-Titanic-Chef im Auftrag des Zeit Magazins twittert
Axel Brüggemann | Ausgabe 33/2017
Leo Fischers Fake News
Leo Fischers Meldungen sind derart fake, dass sie am Ende der Wahrheitsfindung des Journalismus dienen

Foto: Horst Galuschka/Imago

Wenn mal wieder Weltuntergang ist, sollte man Twitter schnellstens verlassen, denn in der realen Welt passiert alles, was hier erfunden wird, oft erst später. Ja, irgendwann wird auch jene „Fake“-Meldung wahr sein, die Ex-Titanic-Chef Leo Fischer im Auftrag des Zeit Magazins abgesetzt hat – und Mehment Scholl wird tatsächlich gestorben sein. Etwas schneller könnte der Tweet über eine Atombomben-Explosion in Nordkorea wahr werden – aber vielleicht wird er es auch nie.

Fast hätte man die Nachricht, dass Fischer eine Woche lang für das Zeit Magazin twittern wird, ebenso als Fake News abgehakt wie die Ansage des Hamburger Verlags, dass Satire alles dürfe. Doch dann wurde es ernst: Zunächst wurden Fischers Fake-Tweets von der Zeitung als Falschmeldungen revidiert, der Gast-Twitterer wieder vor die Tür gesetzt und schließlich war es mit der liberalen Idee von Satire auch nicht mehr so weit her. Ganz nebenbei hat sich die Bild in eigenen Tweets als Moralapostel des sauberen Journalismus aufgespielt. All das könnte man so lesen, dass das Zeit Magazin sich virtuell sein eigenes, echtes Nachrichten-Grab gegraben hat. Man kann aber auch dankbar für diese wunderbar aufgeregte Versuchsanordnung sein.

Die Affäre ist vor allen Dingen als Medienphänomen einer sich selbst bespiegelnden Medienlandschaft interessant. Es ist Quatsch, wenn wir glauben, dass Fake News erst reale Geschichte schreiben, seit Donald Trump Twitter-Nachrichten absetzt. 1938 war es kein Atombombenabwurf, der die Menschen in Panik versetzte, sondern die Invasion der Erde durch Außerirdische. Als Orson Welles’ Krieg der Welten im Radio lief, verschwamm für viele die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Als die New York Sun 1844 meldete, dass der Ballonfahrer Monck Mason in 75 Stunden über den Atlantik gefahren sei, jubelte eine ganze Nation – erst später flog auf, dass Edgar Allan Poe diese Geschichte erfunden hatte.

Schon im 17. Jahrhundert entstanden in Paris die fantastischen Fake-Geschichten, die man canards nannte – „Enten“. Bis heute ist das Heft Canard Enchaîné eines der populärsten Nachrichtenmagazine Frankreichs, in dem Investigatives auf Satirisches trifft, quasi eine Mischung aus Zeit Magazin und Titanic.

Das tatsächlich Irre an der aktuellen Geschichte ist, dass das Zeit Magazin letztlich nur jene Erwartung überdreht, die jemand wie Donald Trump der freien Presse andauernd zum Vorwurf macht: das Verbreiten von Fake News. Leo Fischers Meldungen sind aber derart fake, dass sie am Ende der Wahrheitsfindung des Journalismus dienen. Was auch immer die Kollegen vom Zeit Magazin geritten hat, ihn als Gast-Twitterer zu engagieren, ob es die Hoffnung auf neue Follower war oder ob der jetzige Aufschrei vielleicht sogar geplant war – am Ende hat diese Idee vor allen Dingen eines gezeigt: Satire funktioniert – irgendwie und vielleicht anders als beabsichtigt. Follower der Zeit, andere Medien und die Redaktion des Zeit Magazins begannen jedenfalls ernsthaft über den Wert von Nachrichten zu streiten.

Von alldem wird der amerikanische Präsident auf dem Klo im Weißen Haus nur wenig mitbekommen haben: Für ihn bleibt fake, was für alle anderen wahr ist. Schade, denn so müssen wir auch in Zukunft das Verwischen von Lüge und Nachricht eher im echten Leben vermuten als auf dem Twitter-Account des Magazins einer grundsätzlich seriösen Zeitung.

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18:00 16.08.2017
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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