Man streitet über Subventionen

TTIP Die alten Herren der Kulturindustrie managen ihre Produkte so unmutig wie keine andere Branche. Ausgerechnet das Freihandelsabkommens stellt dieses System infrage
Axel Brüggemann | Ausgabe 22/2014 17

Die deutsche Kulturförderung ist eine Selbstverständlichkeit. Seit Jahren wird ein bisschen gekürzt und ein bisschen rumgemacht, Debatte darüber: Fehlanzeige. Dabei ist das subventionierte Stadttheater inzwischen so zusammengeschrumpft, dass es seinem Auftrag, Freiräume zum kritischen Denken zu schaffen, kaum noch nachkommt. Intendanten legitimieren ihre Häuser mit kommerziellen Kassenschlagern oder indem sie mit Education-Programmen den Musikunterricht in Schulen kompensieren.

Auf dem Büchermarkt sieht es trotz indirekter Subvention durch die Buchpreisbindung nicht besser aus. Es ist längst ein Mythos, dass Verlage Experimentalliteratur durch Bestseller querfinanzieren. Lektoren produzieren heute mit stierem Blick auf die Amazon-Bestsellerliste. Den Glauben an den Einfluss der Buchhändlerin oder des Feuilletons haben sie verloren. Und die Filmindustrie veranstaltet ein massiv gefördertes Obrigkeitskino, das öffentlich-rechtliche Fernsehen fusioniert seine Rundfunkorchester, lagert Kultursender wie Bayern 4 aber ins hörerlose Netz aus und schielt im Hauptprogramm zu RTL und ProSieben. Die Grundversorgung droht so zur Subvention von Mainstreamware zu werden.

Seit Jahren sitzt die Lobby der Kultur-Apparatschiks allein auf hohem Ross und verteidigt ihre Pfründe. Steinkohle, Atomkraft und Gewerkschaften mussten umdenken – nur die alten Herren des Bühnenverbands, des Buchmarkts oder der Fernsehgremien managen ihre Produkte so unmutig wie keine andere Branche. Sie schustern sich Posten zu und trauen sich nicht, Subventionen gerade durch das Ausbleiben von Publikum zu legitimieren. Das Erschreckende: Die Lobby deutscher Kulturbetonköpfe scheint damit erfolgreicher als jene der US-Chlorhühner.

Typisch, dass es nicht die innere Struktur, sondern der äußere Druck des Freihandelsabkommens TTIP mit den USA ist, der dieses System infrage stellt. Und plötzlich wird wieder gestritten: Kulturstaatssekretärin Monika Grütters verweist darauf, dass wir uns immerhin ein Literaturhaus in Anklam leisten und in Off-Theatern neu denken. Claudius Seidl von der FAS hält dagegen, dass sowohl das kulturelle Erbe Europas (die Werkstätten Michelangelos) auf den freien Markt zurückzuführen ist als auch die aktuellen US-Innovationen (Mad Men oder Dave Eggers’ The Circle).

Beide Positionen sind berechtigt, die Debatte überfällig. Hätte Grütters den Mut, die Subventionskultur jenseits der Apparatschik-Lobby neu zu ordnen, wenn die Kultur aus dem TTIP-Vertrag ausgeklammert würde? Oder wäre es sinnvoller, den deutschen Kulturmarkt durch das Handelsabkommen zum Umdenken zu zwingen? Solange die Kulturlobby nicht einsieht, wie einsam sie geworden ist, ist der Zwang zum Handeln zumindest eine Hoffnung.


ausgabe

06:00 30.05.2014
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
Schreiber 0 Leser 7
Avatar

Kommentare 17

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar