Mein unsichtbares Profil

Datenschutz Wer im Internet keine Informationen hinterlassen möchte, macht sich verdächtig. Doch was weiß das Netz über uns? Und was darf es wissen? Ein Selbstversuch
Axel Brüggemann | Ausgabe 31/2014 1
Mein unsichtbares Profil
Schizophrenie des Webs: Die Unsichtbaren werden besonders sichtbar

IllustratIon: Bene Rohlmann für der FreItag

Vielleicht bin ich naiv, aber bei den Themen Internet, Datensicherheit und Persönlichkeitsrechte lebe ich seit Jahren in einer Welt der Gutgläubigkeit. Mir ist durchaus klar, dass meine Bewegungen im Netz hinter der Oberfläche meines Computers mich zu einem gläsernen Menschen machen. Ich weiß, dass ich es nicht mitbekomme – und genau darin liegt wohl die Falle: Ich bin begeistert über die Möglichkeiten der virtuellen Welt und verdränge die unsichtbaren Gefahren für mein echtes Leben. Und ich scheine nicht der Einzige zu sein: Weil ich all das akzeptiere und überdies Facebook, Google, Amazon & Co. nutze, trage ich dazu bei, dass sich diese Informations-Schattenwelt immer weiter vergrößert.

Fast täglich gibt es neue Nachrichten: Vor genau einem Jahr hat Edward Snowden uns das Ausmaß der NSA-Bespitzelungen auf den Tisch gelegt; wir wissen um die Anstrengungen des Verfassungsschutzes, unsere realen Bewegungen mithilfe virtueller Profile auszuspähen; per Gerichtsurteil muss Google nun wenigstens unsere Internet-Vergangenheit löschen, wenn wir ein berechtigtes Interesse daran haben; der BND bekundet offen, „Facebook-Seiten“ auswerten zu wollen; und dann ist da noch die Geschichte dieser Frau, die unter allen Umständen versucht hatte, ihre Schwangerschaft im Netz zu verbergen, um nicht mit Werbung für Babyartikel vollgespamt zu werden. Aber gerade weil sie unsichtbar sein wollte, wurde sie zur Verdächtigen.

Was mich wundert, ist der Gleichmut, mit dem wir diesen Meldungen gemeinhin begegnen. Manchmal, wenn neue Facebook-Enthüllungen durch die Medien schwirren; wenn wir lesen, dass Unternehmen nicht nur diejenigen Daten erheben, die wir eingeben, sondern auch jene, die im Hintergrund errechnet werden (Internet-Verlauf, Merkmale der Freunde et cetera); wenn uns mal wieder bewusst wird, dass wir, wenn wir ein Foto posten, damit auch Facebook das Recht einräumen, das Bild zu nutzen – dann sehe ich, wie Freunde sich pathetisch aus den sozialen Netzwerken verabschieden und als letzten Gruß an ihre Pinnwand schreiben: „Das war’s! Tschüss Facebook! Ich bin dann mal weg!“ Einen Monat später schauen sie dann meist wieder vorbei, und dieser Mechanismus gleicht dem eines Kettenrauchers, der abstinent war und bei einem gemütlichen Abend in seiner Stammkneipe glaubt, seinen Konsum plötzlich selbst kontrollieren zu können. Einen Tag später kauft er die nächste Schachtel.

Ich und Kai Diekmann

Ähnlich ist es mit Whatsapp. Nachdem Facebook den Dienst übernommen hat, forderten einige Freunde mich auf, zu Threema zu wechseln, das sei sicherer. Ich habe es getan, aber heute, einige Monate später, sehe ich die ernüchternde Bilanz auf meinem Handy: Bei Whatsapp habe ich 543 Kontakte, auf Threema lediglich 34. Wie also kommt es, dass wir am Ende im vollen Bewusstsein und freiwillig zu Datenlieferanten werden? Ähnliches hat neulich auch Internetexperte Sascha Lobo gefragt, als er sich nicht erklären konnte, warum ein Jahr nach den Snowden-Enthüllungen in der deutschen Datensicherheit gar nichts passiert ist. Ich habe einen Verdacht: Es könnte auch an Leuten wie mir liegen.

Deshalb verfolge ich nun einmal meine eigenen Spuren im Netz, um zu verstehen, warum ich bei diesem Spiel mitmache. Ich will die drei Ebenen meiner virtuellen Existenz nachvollziehen: Das für jedermann Sichtbare. Das für mich (und die Firmen) Sichtbare. Und das für mich Unsichtbare.

Ich beginne bei Google, dort, wo ich erfahre, wer ich für die anderen im Netz bin. Ich starte die einfachste Suche und tippe meinen Namen ein. In der Liste gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Einige Bilder, die nicht gerade vorteilhaft sind, aber keines, das nicht ich selbst oder ein Print- oder Fernsehmedium reingestellt hätte. Meine Bücher und Artikel sind aufgelistet, meine Homepage, aber nicht meine Handynummer, keine meiner privaten Mails, meiner Amazon-Bestellungen und keine Dokumente, die ich vertraulich verschickt habe. Natürlich gibt es auch Ärgerliches. So ist das eben, wenn man öffentlich seine Meinung äußert. So werde ich etwa von ein paar anonymen Bloggern und Kommentatoren als „Idiot“, „Analphabet“ und „gekaufter Journalist“ beschimpft. Bei keinem dieser Kritiker gelingt es mir auf Anhieb, die wahre Identität herauszufinden.

Und dann ist da noch der Wikipedia-Eintrag, der mir nur teilweise gefällt. Nachdem ich mich vor Jahren mal mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle angelegt hatte, hat dort jemand geschrieben, dass ich nach kritischen Worten über den Dirigenten bei einer großen Wochenzeitung rausgeflogen sei. Eine Unwahrheit, die auch mehrfach juristisch festgestellt wurde. Ich hatte lange vorher selbst gekündigt. Ich wollte das schon immer löschen lassen, nun ist ein guter Zeitpunkt.

Die Kontaktaufnahme mit dem Wikipedia-Team ist leicht. Ich schreibe eine Mail, schildere den Sachverhalt, schicke Beweismaterial und Vorschläge, den Text umzuformulieren. Schon am nächsten Morgen bekomme ich Antwort. Einige Nachfragen, dann wird der Text geändert und die IP des verleumderischen Verfassers, der meine eigenen Korrekturen in der Vergangenheit immer wieder überschrieben hatte, für meinen Beitrag gesperrt. Ich staune, wie einfach das ist. Das Netz gibt vor, mein Freund zu sein.

Da ich schon einmal dabei bin, das Vergangene aus dem Netz zu tilgen, will ich gleich bei einem Artikel der Netzeitung über das gleiche Thema weitermachen. Herauskriegen, wie Google es denn mit der Umsetzung der neuen juristischen Regeln nun hält. Das Beschwerdeformular ist kompliziert zu finden, aber überschaubar: Google will meinen Namen, meine Mail, die betreffende URL und den Grund, warum ich den Text nicht in der Suche haben möchte. Außerdem soll ich die Kopie eines Lichtbildausweises mitschicken. Angeblich wird er nach zwei Wochen gelöscht, und ich darf alle Zahlen und Buchstaben, die nicht zur Verifizierung meiner Person dienen, schwärzen. Ein Zeitraum für Antworten wird nicht bekannt gegeben.

Doch nachdem ich nun weiß, was andere im Netz über mich erfahren können, will ich es auch einmal andersherum ausprobieren: Was kann ich über einen Menschen herausfinden, den ich gar nicht kenne? Kai Diekmann zum Beispiel, den Chef der Bild. In Wirklichkeit bin ich ihm einige Male flüchtig begegnet, aber auf Facebook ist er mein Freund. Gibt es vielleicht lustige Bilder aus seiner Jugend? Heimliche Affären? Welche Bücher kauft er bei Amazon? Welche Internetseiten besucht er, wenn niemand mehr in der Redaktion ist? Zurück zu Google: Ich finde natürlich allerhand Texte über Diekmann, der Spiegel berichtet über seinen Bartwuchs, die Süddeutsche über den vergangenen Penis-Streit mit der taz, Bild selbst über seinen Besuch auf dem Majdan. Letztlich besteht das Netz hauptsächlich aus Berichten klassischer Medien. Und ich lerne nichts, was ich in Zeitungen nicht auch lernen würde – auch nicht in den Kommentaren seiner zahlreichen Gegner unter Texten von ihm oder im Bild-kritischen Bildblog. Nein, Verwertbar ist all das nicht. Selbst bei Facebook werde ich nicht wirklich schlauer, stelle allerdings mit Erstaunen fest, dass Diekmann und ich 42 gemeinsame „Freunde“ haben, unter ihnen auch ausgewiesene Nicht-Bild-Fans wie der Zeichner Til Mette. Ich sehe, wie schön Diekmann es in seiner Villa am See hat, erfahre dies und das über seine kleine Farm, über die Küken und die Marmelade, ob sein Tag wolkenverhangen oder mit strahlendem Sonnenschein beginnt. Er zeigt uns seine Tattoos, was er zum 50. geschenkt bekommen hat und einige Texte, die er gerade gelesen hat. Ja, selbst Jugendbilder postet er auf seiner Seite. Er ist Mitglied in den Gruppen „Usedom Fotos“, „Potsdam“ und „Wild Speisen“. Diekmann pflegt bei Facebook bewusst ein privates Image, aber wer er wirklich ist, oder ob er gestern mit Joachim Gauck telefoniert hat, wissen aufgrund seines Facebook-Profils weder ich noch die NSA.

Wahrscheinlich wären analoge Bespitzelungsversuche erkenntnisreicher als eine Google-Suche, Nick Knatterton besser als das Netz, ein Bild-Paparazzo besser als ein Facebook-Profil, um zu wissen, wer Kai Diekmann wirklich ist. Und vor allem: Er könnte mich nach diesem Text mit einem Klick entfreunden. So hat es der Journalist Moritz von Uslar einst gehalten, als wir auf seiner Seite über Beethoven stritten – ein Klick, und die Kommunikation war beendet. Er lebt weiter. Ich lebe weiter. So what?

Vater, Mutter, Facebook

Ganz anders liegt die Sache bei meiner Tochter: Wenn sie nachts um ein Uhr Selena Gomez hört, sehe ich das nicht nur auf meiner Spotify-Freundesliste, sondern auch in ihrem Facebook-Profil. Natürlich tue ich so, als wisse ich von nichts. Meine Eltern habe ich nach einem langen Gespräch schon vor zwei Jahren entfreundet, als sie nach jedem von mir geposteten Text, der Worte wie „Arschloch“ oder „Sauerei“ enthielt, gefragt haben, ob das nun wirklich sein müsse. Im realen Leben sind meine Eltern meine besten Freunde, aber im Netz sind sie mir zu nahe. Auch wenn ich weiß, dass meine Mutter fast täglich nach mir googelt, sich über jeden meiner Kritiker aufregt, und manchmal auch über meine Texte. Aber sie hält es inzwischen wie ich mit meiner Tochter oder die NSA mit uns: Sie schweigt über ihr Wissen.

Die zweite Ebene des Netzes, die unserer Werbedaten, spielt sich hinter der öffentlichen Oberfläche ab und ist schon schwerer zu durchschauen. Das zeigt das eingangs erwähnte Beispiel der schwangeren Frau: Janet Vertesi, Soziologin an der Princeton-Universität, hat, wie sie kürzlich im Time-Magazin erzählte, im Selbstversuch ausprobiert, ob es ihr gelingen könnte, ihre Schwangerschaft vor den Werbe-Datensammlern zu verbergen. Sie ist nur mit Programmen gesurft, die ihre IP verbergen, mit Steganos, Tor oder Free Hide IP. Ihre Freunde hat sie per Post oder Telefon von der freudigen Botschaft informiert, und ihren Onkel, der es wagte, ihr auf Facebook zu gratulieren, hat sie kurzerhand von der Freundesliste gestrichen. Besonders gewieft ging sie vor, als sie einen Luxuskinderwagen bei Amazon bestellen wollte. Dafür hatte sie ein neues, anonymes Konto angelegt, wollte das Paket an eine Packstation liefern lassen und mit Geschenkgutscheinen bezahlen, die sie zuvor in einem kleinen Kiosk mit Bargeld kaufte. Dabei fand sie heraus, dass sie sich gerade durch ihr Versteckspiel verdächtig machte. Wenn jemand größere Mengen Internet-Gutscheine bar bezahlt, ist der Ladenbetreiber verpflichtet, die Behörden zu informieren, weil es sich dabei um Geldwäsche handeln könnte. Es liegt in der Schizophrenie des Netzes, dass die Unsichtbaren besonders sichtbar werden.

Allerdings frage ich mich, wozu Janet Vertesi eigentlich den ganzen Aufwand betrieben hat. Denn letztlich funktioniert das Internet in Sachen Werbung doch genauso wie der analoge Werbemarkt. Nehmen wir nur die Zeitungen: Auch hier wird mit dem angenommenen Profil der Leser (und ihrer Adresse oder ihrer Bereitschaft, ein Blatt zu kaufen) Geld verdient. Mercedes Benz wirbt großformatig eher in der FAZ als in der taz, wohingegen es unwahrscheinlich ist, dass sich in Letztere eine Anzeige der rechtskonservativen AfD verirrt – es sei denn, die Partei spekuliert darauf, dass darüber dann die Welt berichtet. Was ich sagen will: Zielgruppenorientierte Werbung und das Teilen privater Daten unter den Anbietern gab es auch vor dem Netz. Früher haben wir einen Vertrag beim ADAC unterschrieben, und wer das Kleingedruckte nicht las, bekam prompt Post von Karstadt und vom Otto-Versand. So ist es noch heute: Daten werden gesammelt und innerhalb der Unternehmen gehandelt. All das steht ziemlich offensichtlich in den Geschäftsbedingungen von Facebook und Google.

Der Deal: Service gegen Daten

Aber stört mich das wirklich? Und erstaunt es mich, wie die Daten erhoben werden? Es wird doch schon auf der rechten Spalte meiner Facebook-Seite ersichtlich. Dort lese ich regelmäßig die Zusammenführung aus meinem Profil und meinem aktuellen Google-Verlauf. „Der Norden packt’s an“, wirbt das Forum Energiewende, klar, weil Facebook ihm verraten hat, dass ich aus Bremen komme. Der Hotel-Anbieter HRS erinnert mich, dass ich bei ihnen doch mal wieder buchen könnte (das tu ich öfters), und der „Familienurlaub“, den mir Visit-Denmark anbietet, geht wohl darauf zurück, dass sie sehen: Brüggemann hat ein Kind.

Tatsache ist: Wir könnten diese Anbieter meiden, tun es aber nicht. Soll ich den Aufwand betreiben, den Janet Vertesi betrieben hat? Oder Facebook sofort verlassen? Ich mache mir nichts vor, Facebook ist ein Unternehmen. Mein Deal mit ihm: Ich nutze angebotenen Service, der Anbieter kennt meine Daten. So wie Rewe mit der Vorteilskarte (die ich nicht nutze) und Aral mit Payback. Und, ja, vielleicht ist es naiv, zu glauben, dass es im Interesse von Facebook liegt, mit meinen Daten nichts zu tun, was mir, dem Kunden, schadet.

Und auch wenn mir Amazon Bücher empfiehlt, sage ich: Na und? Ich drücke bewusst die Bewertungssterne, wenn ich ein Buch ausgelesen habe – ebenso, wie ich mich oft nach den Sternen richte, bevor ich eines kaufe. Bei Hotels ist es ähnlich: Neulich habe ich auf diese Weise eines der schönsten kleinen Riads in Marrakesch gefunden. Ich weiß, dass ich bei Facebook und Amazon meine Daten nur in dem Rahmen sichern kann, den das Unternehmen vorgibt. Die Regel lautet: Akzeptiere, oder hau ab. Und, verdammt: Ich nehme teil, statt mich zu verstecken.

Kommen wir zurück zu den Ebenen meiner virtuellen Existenz, die ich erkunden wollte. Die dritte Ebene war jene, von der ich nichts weiß. Gerade sie sollte mir Angst machen. Denn es werden Daten über mich gesammelt, ohne dass ich wüsste, wann und wo und welche. Und ich sage es gleich, für einen IT-Laien wie mich ist der Versuch, dieser dunklen Seite auf die Schliche zu kommen, weitgehend gescheitert.

Auf Seiten wie datenschutzzentrum.de, dem Internetangebot des schleswig-holsteinischen Datenschutzbeauftragten, gibt es allerhand vorgefertigte Formulare, mit denen ich beim Verfassungsschutz, bei Ärzten, in Zeitungen, bei meinen Versicherungen anfragen kann, welche Daten dort über mich gespeichert sind. Und selbst Facebook bietet inzwischen an, die gespeicherten Daten einsehen zu können. Wieder mache ich den Test. Doch was mir Facebook zur Verfügung stellt, ist nur das, was ich selbst verfasst habe, oder das, was andere über mich geschrieben haben: eine ewig lange Liste mit meinem Verlauf, Kommentaren, auch den längst gelöschten. Wie Facebook aus meinen Freunden und deren Vorlieben und Lebensverhältnissen, aus meinem Surf- und Kommentarverhalten ein Profil erstellt, an dessen Erscheinungsbild ich nur indirekt aktiv beteiligt bin, erfahre ich nicht. Ich bekomme nicht einmal die Spitze des Eisberges zu sehen. Anfragen wie diese sind, als hätte ich zu DDR-Zeiten um Einblick in meine Stasi-Akte gebeten.

Die dunkle Seite des Netzes ist ungreifbar, sie macht sich unsichtbar. Und letztlich machen uns auch nicht die einzelnen Daten gläsern, sondern die Möglichkeit ihrer Zusammenführung. Was, wenn jede vertraulich verfasste Mail, jede Suche im Netz, ja, jedes Telefonat notiert und mit anderen Menschen abgeglichen würde. Nach den Berechnungen von Edward Snowden hat die NSA Daten in der Größe von fünf Zettabytes gesammelt, die ausgedruckt ungefähr 42 Billionen Aktenschränke füllen würden. Da ist es nur wenig beruhigend, dass die NSA mit ihrer Sucht derzeit an technische Grenzen stößt und lediglich 30 Prozent aller Telefonverbindungen in den USA speichern kann.

Und ich? Stehe vielleicht längst unter Verdacht, weil in zahlreichen meiner Texte die Worte „Anschlag“, „Atomkraftwerk“ oder „Sexmonster“ vorkommen; weil ich Menschen angerufen habe, die selbst überwacht werden; vielleicht hat Facebook, die NSA oder der Verfassungsschutz ein Profil von mir erstellt, das rein gar nichts mit meiner realen Existenz zu tun hat.

Der Staat nutzt meine Naivität

Und dafür muss ich mich nicht einmal im Netz bewegen. Der Grünen-Politiker Malte Spitz hat die Bewegungsprofile veröffentlicht, die beim Verfassungsschutz über ihn vorlagen, weil der Telefonanbieter sie weitergegeben hatte. Jeder Schritt ist dokumentiert, jede Dauer seiner Aufenthalte – so wie von uns allen. Für all das braucht die NSA kein Facebook. Zumal ein Geheimdienst wohl kaum freundlich um Daten bitten würde wie ein Werbekunde, sondern sie sich einfach holt. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Meine Netzaktivität füllt die Profile, die in der Dunkelheit entstehen, aber ich ändere mein Verhalten dennoch nicht.

Spätestens jetzt wird mir schwindelig: Dass das Hotelportal HRS mich kennt, stört mich nicht; dass Facebook, Amazon und Google wissen, was ich tu, ist Teil unseres Deals. Aber ich spüre, dass es keinen Schutz gibt, egal wie ich mich verhalte. Und vielleicht beantwortet das die Frage, warum viele von uns so wie ich einfach weitermachen in den sozialen Netzwerken. Weder durch meine Anfragen bei Facebook oder beim Verfassungsschutz noch durch das Löschen meiner Google-Erinnerung oder die Korrektur bei Wikipedia werde ich Herr über das Bild von mir, das sich in der Dunkelheit immer präziser ausformt.

Ich weiß, dass ich keine Kontrolle habe, weder über die Daten noch über die Systeme, die sie verwerten. Wer weiß, ob ich irgendwo auf der Welt, in Saudi-Arabien, den USA, in China oder irgendwann auch in Deutschland festgehalten und mit meinem Leben und dem, was das Netz über mein wahres Leben verrät, angegriffen, erpresst oder verfolgt werden könnte. Für mich persönlich ist so eine Situation unvorstellbar! Ich habe innerlich vor der dunklen Seite des Netzes kapituliert, glaube nicht, dass meine Vorsicht im öffentlichen Lichte von Google die Dunkelheit davon abhält, alles über mich wissen zu wollen. Ich erkenne, dass es nicht am Einzelnen liegt, sicher zu sein, so wie meine Regierung es mir vorgaukelt, der zum Thema Netzsicherheit und Datenspionage zunächst nur einfällt, dass der eigentliche Schutz beim Selbstschutz beginnt. Das Beispiel von Janet Vertesi beweist das Gegenteil. Nicht Facebook und Amazon gefährden mich, sondern der Staat, der auf meine Naivität spekuliert, mich mit einigen Google-Gesetzen und Datenschutzbestimmungen bei Facebook abspeist, es aber nicht schafft, die USA in Sachen NSA zu einer Antwort zu bewegen. Da halte ich es mit Sascha Lobo, für den Deutschland längst ein digitally failed state ist, also eine Nation, die in Wahrheit kein Interesse daran hat, ihre Bürger zu schützen oder die internationale Datenspionage schwieriger zu machen. Es ist ein Staat, der uns als potenzielle Täter begreift, für den unsere Profile in der Dunkelheit eine Selbstverständlichkeit sind, der auf der einen Seite fremde Daten abschöpft, gleichzeitig aber ausschließt, dass sein Wissen auch anderen zur Verfügung stehen könnte, und dem es letztlich bloß um die Beruhigung von Menschen wie mir geht. Nein, wenn ich meine Daten im Netz anschaue, habe ich keine Angst vor Facebook und Google. Ich fürchte mich vor dem Unsichtbaren, bei dem ich gar nicht weiß, dass ich mitmache.

06:00 13.08.2014
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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Ausgabe 13/2020

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