So könnte Najims Leben aussehen

Zeitreise 2011 als sieben Milliardster Mensch der Erde geboren, erlebt ein Junge aus Lagos, wie die Welt auf den Kopf gestellt wird. Eine Projektion

Die Geburt von Najim ist dem Rest der Welt nicht weiter aufgefallen. Dabei ist er der sieben Milliardste Erdenbürger. Am 31. Oktober 2011 kommt der Junge im siebten Stockwerk eines Mietshauses im Stadtteil Muskin im nigerianischen Lagos auf die Welt. Die anderen Familienmitglieder, einer von Najims drei Brüdern und zwei seiner vier Schwestern, sitzen während der Geburt im Nebenzimmer. Nur die älteste Tochter, die 17-jährige Nana, hilft der Mutter bei der Entbindung. Najim ist ihr neuntes Kind – zwei seiner Geschwister sind im Babyalter gestorben.

Die Familie lebt in zwei Zimmern im neuen Stadtteil der Millionenmetropole Nigerias. Najims Vater ist selten zu Hause. Er ist der Einzige in der Familie, der einen Beruf hat, er kümmert sich in einer christlichen Einrichtung um Aids-Waisen. Außerdem hilft er in dem großen VW-Werk aus, das am Stadtrand steht und vielen Nigerianern Arbeit bietet.

In der Zeit von Najims Geburt ist Lagos eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt: 34.000 Menschen wohnen hier auf einem Quadratkilometer – und immer mehr Menschen fliehen vom ausgedörrten Land in die Stadt. Die Verwaltung hat es schon lange aufgegeben, in Bildung zu investieren. Najims Vater versucht zumindest so viel Geld nach Hause zu bringen, dass seine Kinder die Schule besuchen können. Er will um jeden Preis verhindern, dass seine Söhne sich einer der zahlreichen Söldnertruppen anschließen, um ihr Geld durch Geiselnahmen zu verdienen oder als Kindersoldaten in den Tod geschickt werden.

Die ersten Jahre in Najims Leben sind, verglichen mit dem Leben anderer Nigerianer, weitgehend glücklich. Seine Schwester Nana bekommt in den boomenden Nollywood-Studios hin und wieder Nebenrollen. Manchmal kann sich die Familie sogar Karten für die Fußballspiele des Julius Berge FC leisten – aber das ist die Ausnahme.

Als er 15 Jahre alt wird, muss der Junge Geld verdienen. Nach einem Schlaganfall kann der Vater nicht mehr arbeiten. Doch Najim hat Glück, er übernimmt den Hilfsjob seines Vaters bei VW. Die Firma produziert in Lagos hauptsächlich Elektro-Autos. Aber das Geschäft steht auf der Kippe: Der indische Stahl-Multi „Tota“ droht, den deutschen Autobauer zu übernehmen.

2026 – Indien hebt ab

In den vergangenen Jahren ist die Herstellung von Autos kontinuierlich in die neuen Ballungsgebiete verlegt worden. Deutsche Autohersteller produzieren 2026 fast ausschließlich in Brasilien, China und Indien. Während Südamerika und Asien sich über die fremden Arbeitgeber freuten, verfolgt Indien inzwischen eine andere Wirtschaftsphilosophie. Im Wissen, spätestens 2050 die bevölkerungsreichste Nation zu sein, organisiert es seinen Aufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht. Der Stahlkonzern „Tota“ spielt dabei eine zentrale Rolle: Er kauft westliche Firmenriesen auf, die auf Grund der Bevölkerungsentwicklung in Europa und den USA schwächeln. Nun hat „Tota“ es auf VW abgesehen.

Der deutsche Autobauer hält verzweifelt Ausschau nach Fachkräften, um sie in Deutschland schulen zu lassen und, wenn möglich, zum Bleiben zu bewegen. Die Rentenkassen der einstigen Export-Nation sind leer, qualifizierte Arbeiter werden in der Bundesrepublik mit hohen Begrüßungsgeldern empfangen. Gleichzeitig versucht das alte Europa, seine Grenzen gen Afrika und gen Osten mit neuen, radikalen Maßnahmen zu sichern. Nachdem die Revolutionen in Libyen, Syrien und Ägypten nicht die erhoffte Freiheit gebracht hatten und die Bildung in den afrikanischen Ländern nicht vorangetrieben wurde, ist die Bevölkerung weiter explodiert. Und der Boom scheint nicht aufzuhören. Vor zwei Jahren, 2024, haben asiatische Wissenschaftler ein kostengünstiges Impfmittel gegen den Aids-Virus gefunden. In Afrika gibt es nun schlichtweg zu wenig Nahrung für zu viele Menschen. Viele versuchen zu fliehen. Europa beginnt – nach einer langen Debatte – an seinen Grenzen auf die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge zu schießen.

Auch in Lagos verschärft sich in diesen 2020er Jahren die Situation. Immer mehr Menschen kommen über den Dakar-Lagos-Highway aus den schnell wachsenden Ländern Niger und Tschad. Um so glücklicher ist Najim, als sein Vorgesetzter ihn fragt, ob er sich in Deutschland weiterbilden lassen wolle. Sein Chef ist von Najims Engagement in der Organisation „Energy for everyone“ begeistert. Sie wirbt für neue Modelle nach dem Ende der Rohstoffreserven. Die wachsende Weltbevölkerung mit Energie zu ­versorgen, ist eine Schlüsselfrage der Zeit. Zumal sich Erfindungen wie Bio-Sprit, Solarenergie und Windräder als umweltunverträglicher herausstellen, als man zunächst dachte. Najim hat sich besonders für biothermische Energie eingesetzt und an Projekten mitgearbeitet, bei denen ganze Stadtteile von Lagos neu konzipiert worden sind.

2031 – die Ernährungsfrage

Obwohl der Junge hochintelligent ist, kann er nicht an der University of Lagos studieren. Die Aufnahmegebühren sind zu hoch. Um so dankbarer reist er 2031, mit 20 Jahren, für eine einjährige Schulung nach Berlin. Najim fliegt vom Murtala Mohammed International Airport, dem nun fünftgrößten Luftkreuz der Welt, nach Schönefeld. In Berlin zeugt nur noch die Innenstadt von der alten Größe Deutschlands. Die Einwohnerzahl der Stadt ist zwar seit 2011 um fast zwei Millionen gewachsen – und das, obwohl Deutschland einen Bevölkerungsrückgang verzeichnet. Aber das Land ist kaum noch besiedelt, die Hälfte aller Deutschen wohnt in den fünf größten Städten des Landes. Der einstige Reichtum neigt sich dem Ende: Über ein Drittel der Deutschen ist über 65 Jahre alt. In Najims Heimat ist es genau andersherum, zwei Drittel aller Afrikaner sind unter 18 Jahren alt.

Die Bevölkerungsentwicklung hat das alte politische System der 2010er Jahre über den Haufen geworfen. Europa und die USA versuchten zwar noch einige Zeit, ihre Vormachtstellung zu behaupten, und setzten dabei auf die Qualität ihrer Demokratien und ihr wissenschaftliches Know-how. Doch in den 2030er Jahren werden sie überrollt. Während in Ländern wie Deutschland die Altersheime boomen, gewinnen Indien, China und Brasilien wirtschaftlich und damit auch weltpolitisch an Macht. Einzig Russland bekommt sein Bevölkerungswachstum nicht in den Griff und kämpft mit innenpolitischen Problemen.

In Deutschland angekommen, verliebt sich Najim schon nach einigen Wochen in die blonde Jura-Studentin Anja aus Charlottenburg. Ihr Vater hat es als Leiter einer internationalen Genmais-Firma zum Multimillionär gebracht. Die technische Nahrungsmittel-Wirtschaft ist der letzte große Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Nachdem die UN bereits in den 2020er Jahren eine Resolution für Bildung und Ernährung erlassen hat, um die Flüchtlingsfluten aus Afrika, Asien und Südamerika zu bremsen, wird weltweit in die Erforschung künstlicher Nahrungsmittel investiert. Die Resolution sah vor, im Jahre 2050 alle neun Milliarden Menschen auf der Erde, egal wo sie wohnten, ernähren zu können. Bereits in den 2010er Jahren hatte sich abgezeichnet, dass die Meere leer gefischt sein werden – die Fangquoten waren seit 1988 sinkend, und in den Ozeanen überlebten nur noch die kleinen Fische, die sich zum Verzehr kaum eigneten. Auch der Rückgang der Korneinfuhr, der 1984 einsetzte, konnte zunächst schwer umgekehrt werden. Immer mehr Ackerland wurde für Energiepflanzen genutzt. Die chemische und biologisch manipulierte Nahrungsherstellung wird zur letzten Chance. Von einer Deckung des weltweiten Ernährungsbedarfs ist man aber auch 2031 noch weit entfernt.

2061 – Europa am Abgrund

Mit 30 Jahren, Anja ist bereits zweifache Mutter, wird Najim nach Brasilien geschickt. VW existiert zwar noch immer, gehört nun aber tatsächlich zu „Tota“. Najim soll in einer Entwicklungsabteilung für Solarmobile mitarbeiten.

In den 2040er Jahren dann beginnt Brasiliens Boom wieder abzuebben. Die Weltwirtschaft kommt durch die große Armut zum Erliegen. Autos und Luxusgüter werden nur noch von einigen wenigen Menschen nachgefragt. Einem Großteil der Weltbevölkerung fehlt es an grundlegenden Dingen, an Essen und Trinken. Die „Grüne Revolution“ ist zwar angekurbelt, zeigt nun aber fatale Folgen: Ein Großteil der Regenwälder ist gerodet, durch die neuen Nutzflächen gelangt mehr Schlick in die Meere, Korallen sind ausgestorben, und der Biohaushalt der Meere droht zu kippen. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen in Asien, regelmäßig kommt es dort zu Erdrutschen und Überschwemmungen mit Hunderttausenden von Toten.

Anja begleitet Najim nach Brasilien. Sie arbeitet inzwischen als Referentin bei der UN und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Bewältigung der Armut in Krisenherden wie Venezuela, Angola und einzelnen Regionen Chinas. Hauptziel der UN ist, den überforderten Regierungen zu helfen, Bildungsstrukturen aufzubauen. Doch diese Idee stößt meist auf taube Ohren. Zwar ist allen klar: Nur Bildung kann gegen das Bevölkerungswachstum und die weltweit steigende Gewalt helfen, doch die Länder sind zu sehr mit existenziellen Problemen beschäftigt, um in Schulen zu investieren.

Die UN droht sich aufzulösen: 2043 kündigen die bevölkerungsreichsten Länder Afrikas und Asiens ihre Mitgliedschaft auf. Und auch die Führungsnationen Indien, Brasilien und China, die immer autoritärere Regierungsmodelle betreiben, um ihr Wachstum zu sichern, zeigen kein Interesse an einer Entwicklung der demokratischen Rechte. Statt global zu denken, ziehen es die großen Staaten vor, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Mit 50 kehrt Najim 2061 nach Lagos zurück. Es ist etwas kompliziert, ein Visum für Anja zu bekommen. Europäer sind in Afrika schon lange nicht mehr gern gesehen. In den zurückliegenden Jahren hat sich Nigeria zu einem stabilen Staat entwickelt. Aber gegen die hohe Arbeitslosigkeit von 46 Prozent ist die Regierung machtlos. Auf einer Charity-Gala bittet ein Freund Najim, in die Politik zu gehen. Da VW kurz vor dem Ende steht, sagt er zu. Najim hofft, in der Politik etwas bewegen zu können. Tatsächlich wird er nur zwei Jahre später zum Außenminister ernannt. In seiner Amtszeit setzt er sich unermüdlich für einen Frieden mit Europa ein. Ein kompliziertes Unterfangen – die europäischen Staaten bilden keinen politischen Verbund mehr. 2073 wird Najim für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aber erstmals in der Geschichte wird er nicht vergeben: Das Komitee in Oslo setzt ein Zeichen gegen den National-Egoismus der Welt.

Najim stirbt 2100 mit 79 Jahren in seiner Villa in Lagos. Anja folgt ihm im gleichen Jahr. Die Welt, in die beide geboren worden sind, ist während ihres Lebens auf den Kopf gestellt worden. An Anjas Todestag wird in Berlin der elf Milliardste Mensch geboren, der auf der Erde lebt.

Axel Brüggemann ist freier Autor und Publizist. Sein jüngstes Buch Landfrust Ein Blick in die deutsche Provinz ist im Frühjahr erschienen

07:00 29.09.2011
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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