Takt der Arbeit

Relativ Seit Einführung des Mindestlohns versuchen die Arbeitgeber, in 60 Minuten immer mehr reinzupacken. Wir müssen neu definieren, was Arbeitszeit ist
Axel Brüggemann | Ausgabe 15/2015 33
Takt der Arbeit
Arbeitsmarkt à la Ben Hur: Wer das Pensum nicht schafft, muss über Bord und wird ersetzt

Foto: AGD/Imago

Das Perfide an der Zeit ist, dass sie so tut, als wäre sie eine objektive Größe. Dabei ist sie vollkommen relativ. Dass eine Stunde 60 Minuten dauert, ist für unser Zeitempfinden oft egal: Mal vergeht sie wie im Flug, mal kommt sie uns unendlich vor. Zeit ist Definitionssache. Und eine ihrer vielen Definitionen ist der Mindestlohn. Er legt eine Art Wechselkurs für 60 Arbeitsminuten fest und bestimmt, dass ihr Wert mindestens 8,50 Euro betragen muss. Doch selbst diese staatlich verordnete Objektivierung ist kein Schutz vor der Relativitätsfalle. Im Gegenteil, nie hat eine Gesellschaft so vehement um die Definition einer Stunde gerungen wie heute.

Seit Einführung des Mindestlohns beobachten wir, wie Arbeitgeber der Zeit eine weitere, qualitative Definition hinzufügen. Sie messen die Stunde in der Größe von Produktionskraft, die erbracht werden muss. Sie legen fest, wie viele Brötchen in 60 Minuten gebacken, Pakete ausgeliefert, Steine gemauert, Hotelzimmer gesäubert und Haare geschnitten werden müssen. Während der Staat den Umtauschkurs einer Stunde also in Geld festlegt, rechnen die Arbeitgeber sie in Arbeitskraft um – so bleibt die Größe der Arbeitszeit: relativ.

Ein konkretes Beispiel aus meiner Umgebung. Mein Nachbar Herbert* ist ein gemütlicher Pensionär. Jeden Morgen ist er um drei Uhr aufgestanden und hat die Lokalzeitung ausgetragen. Für seine Tour brauchte er vier Stunden und bekam 25,50 Euro. Für Herbert waren die 6,38 Euro pro Stunde eine willkommene Aufbesserung seiner Rente. Nach Einführung des Mindestlohns musste Herbert seine Stunden aufschreiben, und sein Arbeitgeber hätte ihm 34,00 Euro pro Runde zahlen müssen. Aber die Zeitung hat behauptet, dass andere Austräger Herberts Arbeitspensum in nur drei Stunden erledigen würden und seine Bezahlung in diesem Fall auch dem gesetzlichen Mindestlohn entspräche. Dass Herbert langsamer sei, sei sein Problem.

* Name geändert

Es ist ein Grundproblem des Mindestlohns, dass die staatliche Definition einer Stunde durch den Lohn und die Definition der gleichen Stunde durch die Anzahl der ausgelieferten Zeitungen der Arbeitgeber nicht deckungsgleich sind. Der Leidtragende in diesem Fall ist Herbert. Seit einigen Wochen macht ein Jüngerer seinen Job.

Panikattacken und Burn-outs

Allerdings ist Herberts Nebenverdienst ein Nebenschauplatz. In diesen Tagen liest man von existenzielleren Beispielen: von Köchen in Fünf-Sterne-Küchen, die sich mit Drogen aufputschen, um das Arbeitspensum zu bewältigen; von Büroangestellten, die gebeten werden, ihre Überstunden zu manipulieren; oder von Billiglöhnern, die gnadenlos erpresst werden. Es ist zu einer Art Sport der Arbeitgeber geworden, den Zeitraum einer Stunde durch eine Verdichtung der Arbeit so zu definieren, dass 60 Minuten möglichst langsam ticken.

Das führt nicht nur zur Entlassung langsamer Arbeiter, sondern auch zu erheblichen Fluktuationen: Job-Neulinge sind schneller bereit, ein vorgegebenes Pensum zu absolvieren – bis sie merken, dass das Arbeitsvolumen ihre Kraft übersteigt und sie aus Erschöpfung, Stress oder Panik kündigen. Die Taktung der Arbeitszeit erlebt auch jenseits des Mindestlohn-Sektors neue Dimensionen: All-in-Verträge sollen Überstunden-Regelungen aushebeln. Es wird erwartet, dass nicht bewältigte Arbeit mit nach Hause genommen wird. Der Einzelne hat durch die oft an die Grenzen des Machbaren gesteigerte Arbeitserwartung die Stelleneinsparungen seiner Kollegen auszubaden. Das Ergebnis ist eine kranke Arbeitsgesellschaft mit Panikattacken und Burn-outs. Diese Symptome verdeutlichen, wie eine Gesellschaft mit Arbeit umgeht und wie viel ihr die Zeit wirklich wert ist.

Während viele Beispiele zeigen, dass der Mindestlohn nicht existenzgefährdend sein muss, gehen einige Arbeitgeber besonders kreativ vor, um nötige Umstrukturierungen zu umgehen. Um ihre Interpretation einer Arbeitsstunde durchzusetzen, streichen sie Zulagen. In Kneipen müssen Kellner „Wasserpauschalen“ für eigene Getränke zahlen, die ihnen vom Stundenlohn abgezogen werden. Überstunden werden mit der Behauptung, dass ein Arbeitnehmer zu langsam sei, nicht aufgeschrieben oder als Zeitausgleich auf den St.-Nimmerleins-Tag verschoben. Das Verheerende daran ist, dass die Arbeitnehmer die Drangsalierungen aus Angst um den Job stillschweigend akzeptieren und dazu tendieren, ausgerechnet den Mindestlohn, der ihnen Sicherheit geben soll, als Gefährdung ihres Status quo zu verstehen.

So beobachten wir ein Paradox: Die Idee einer gerechten Bezahlung der Arbeit führt zu mehr Ungerechtigkeit. Die Crux der Mindestlohn-Debatte ist, dass sie großteils ideologisch geführt wird. Dabei will der Mindestlohn etwas, das eigentlich gesellschaftlicher Common Sense ist oder zumindest sein sollte: eine angemessene Bezahlung der geleisteten Arbeit, die Möglichkeit, den Lebensunterhalt von einem einzigen Job zu bestreiten, ohne in Zweitjobs ausweichen zu müssen, und – wenn alles gut geht – die Steigerung der Kaufkraft und die Sicherung der Sozial- und Rentenkassen. Ziele, die in der aktuellen Debatte aus dem Fokus geraten. Stattdessen geht es um Arm gegen Reich, CDU gegen Linke, Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber. Kriterien, die dem heutigen Arbeitsmarkt oft nicht gerecht werden. Dort, wo die alten Arbeitsstrukturen von Angestellten und Arbeitnehmern noch bestehen, etwa in großen Unternehmen, ist der Mindestlohn das geringste Problem: VW oder Siemens zahlen ihn selbstverständlich, sogar bei globalisierten Steuer-Tricksern wie Starbucks oder Billig-Anbietern wie Aldi ist er kein Thema.

Die Grauzonen, um die wir streiten – und die Schlupflöcher, die von der Großen Koalition in ihrem Mindestlohngesetz geschaffen wurden, betreffen neben altbekannten Problemfeldern wie dem Bau und der Gastronomie besonders einen Arbeitsmarkt im Umbruch – einen Arbeitsmarkt, in dem sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber sogar oft näherstehen, als manche Ideologen es glauben. Es muss darum gehen, dass wir an diesen Orten eine gemeinsame Definition der Zeiteinheit „Arbeitsstunde“ finden.

Noch ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld: Eine Friseurmeisterin, die ich gut kenne, hat einen kleinen Laden. Sie zahlt sich, da ihr Geschäft gerade nicht läuft, seit Monaten keinen Lohn aus, arbeitet aber täglich bis zu elf Stunden. Während den Angestellten der Mindestlohn gesetzlich zusteht, wird ihr diese Selbstausbeutung erlaubt. Natürlich wäre es eine einfache Lösung, dem Gesetz des freien Marktes nachzugeben und die Löhne aller Mitarbeiter am Umsatz auszurichten. Das würde nur die Unterschreitung der 8,50 Euro bedeuten. Und das würde die grundsätzliche arbeits- und gesellschaftspolitische Idee des Mindestlohns in Frage stellen: Egal, ob Arbeitgeber oder Arbeitnehmer – in einem gesunden und menschlichen Arbeitsmarkt darf keiner von ihnen weniger verdienen als das, was wir als würdig empfinden.

An dieser Stelle tritt der Verbraucher auf den Plan: Während große Unternehmen versuchen, den Mindestlohn zu unterlaufen, um ihre Gewinne zu maximieren, ist es in kleineren Unternehmen oft so, dass die Entlohnung unter Mindestlohn die letzte Chance ist, sich gegen Billiglohn-Konkurrenz zu behaupten. Es entsteht eine Spirale der Unterbietung, die von der Geiz-ist-geil-Mentalität vieler Verbraucher befeuert wird. Es würde der Debatte vielleicht helfen, die Pleite eines Friseurgeschäfts nicht nur als Fiasko der Inhaberin zu betrachten, sondern auch als Scheitern des verantwortungsbewussten Konsumenten. Es ist eben auch seine Aufgabe, ehrliche Arbeit angemessen zu bezahlen. Wenn wir dazu nicht bereit sind, nehmen wir in Kauf, dass Arbeit zum Dumpinggut wird.

Jenseits des Mindestlohns

Und noch einem Phänomen des modernen Arbeitsmarkts wird der Mindestlohn in seiner derzeitigen Form nicht gerecht: der Ein-Mann-Selbstständigkeit. Gerade in der Kreativ- und Dienstleistung ist die „Ich-AG“ zum Massenphänomen geworden. Der Grafiker, der Webdesigner, der outgesourcte Kameramann und der freie Journalist unterliegen als Selbstständige nicht dem Mindestlohn. Ihre Arbeit ist dem freien Markt vollkommen ausgeliefert. Den Zuschlag bekommt oft derjenige, der dem Kostendruck des Auftraggebers am meisten entgegenkommt. Und immer mehr Menschen aus diesen Branchen werden in eine unfreiwillige, scheinselbstständige Beschäftigung gedrängt.

Derzeit dienen absurderweise gerade die Ausnahmen beim Mindestlohn den Gegnern als Beleg des Scheiterns. In Wahrheit aber sind es die Schlupflöcher, die dafür sorgen, dass er nur unvollkommen funktioniert. Es ist absurd, wenn Unions-Abgeordnete nun fordern, das „Bürokratiemonster“ abzuschaffen und Kontrollmechanismen wie das Aufschreiben der Stunden wieder abzuschaffen. Ein Vorschlag, der bei Angela Merkel auf offene Ohren stößt. Sie verspricht „schnellstmögliche“ Korrekturen. Selbst Andrea Nahles ist offenbar bereit, die derzeitige Praxis zu überprüfen. Bis Ostern hat das Bundesarbeitsministerium Einschätzungen von Verbänden, Lobbyisten und Experten gesammelt. Am 23. April will Nahles im Koalitionsausschuss dazu Bericht erstatten – spätestens dann wird die Diskussion um weitere Ausnahmen wieder richtig hochkochen.

Wenn wir den Mindestlohn aber nicht als Selbstzweck oder halbherzige Einlösung eines Wahlversprechens verstehen, müssen wir eine Debatte darüber führen, wie er für alle Menschen, die arbeiten – egal ob Arbeitnehmer am Band, Freischaffender oder, ja, auch Unternehmer –, eingehalten werden kann. Wenn wir den Ausnahmen einen Riegel vorschieben, kann es passieren, dass unrentable Geschäfte schließen müssen. Dass Taxifahrten oder Friseurtermine teurer werden. Aber das ist der ehrliche Preis einer Gesellschaft, die es sich zum Ziel setzt, Arbeit nicht radikal am Markt, sondern an den Grundbedürfnissen des Menschen auszurichten.

In den ersten 100 Tagen hat sich ebenso gezeigt: Ein gesetzlicher Mindestlohn bedeutet auch, die Mittel aufzubringen, Schlupflöcher zu schließen, die Flucht in Selbstständigkeit und Schwarzarbeit konsequent zu verfolgen und zu bestrafen. Nicht, um Unternehmen zu drangsalieren, sondern um einen allgemeingültigen Wert von Zeit und Arbeit zu schaffen. Dafür muss der Verbraucher verstehen, dass sein Konsum ausschlaggebend ist, der Unternehmer, dass sein Geschäft nur lebensfähig ist, wenn es eine Nachfrage für fair bezahlte Arbeit gibt, und der Angestellte, dass er nicht freiwillig auf Rechte verzichten darf.

Auf der Sklaven-Galeere von Ben Hur gibt ein römischer Legionär die Schlagzahl für die rudernden Sklaven an. Schafft ein Sklave das Pensum nicht, wird er von Bord geworfen und durch einen anderen ersetzt. Ähnliches passiert auf dem Arbeitsmarkt alltäglich. Dennoch rudert die Galeere weiter über die Weltmeere. Wenn aber der Zenturio eine Schlagzahl einfordert, die menschliche Kräfte schlichtweg überfordert, kommt es selbst unter Ketten zu einer Rebellion – und schließlich zum Ende des Römischen Reiches.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.05.2015
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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Ausgabe 33/2020

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