Unsterblich durch Public Viewing

Totenaufbahrung Verstorbene werden schnell und leise beerdigt - außer sie sind berühmt. Bei Michael Jackson ist es komplizierter: Wie trauert man, wenn ein lebendiger Toter stirbt?

Mit dem Tod ist es so eine Sache. Jesus zum Beispiel wurde ans Kreuz genagelt, ist gestorben und wieder auferstanden – um dann endgültig gen Himmel aufzusteigen. Oder Wladimir Iljitsch Lenin: Nachdem ihm die Attentat-Kugeln aus Schulter und Hals operiert wurden, hat er sich bis zu seinem Tod sechs Jahre später nie mehr davon erholt. Seit knapp 100 Jahren liegt er nun einbalsamiert in einem Luxus-Mausoleum auf dem Roten Platz. Ich habe mir das neulich einmal angeschaut: die Ohren bröckeln ein bisschen, die Nase wirkt etwas eingefallen, aber so genau kann man sich das alles auch gar nicht ansehen. Es ist nämlich verboten, vor Lenin stehen zu bleiben: „Weitergehen“, steht auf den Schildern. Für die Einhaltung der Totenruhe sorgen alte Rotgardisten.

So ähnlich war das auch vor einigen Jahren, als ich nach Rom gepilgert bin, um mir den toten Papst Johannes Paul II. noch einmal anzusehen. Obwohl ich längst aus der Kirche ausgetreten war, wartete ich gemeinsam mit Millionen anderen Menschen entlang des Tibers und kam nach 36 Stunden endlich auf dem Petersplatz an. Da war es schon vier Uhr morgens, und über die Lautsprecher wurde durchgesagt, dass für die nächsten vier Stunden keine Besucher in den Dom eingelassen werden – das Eis, auf dem der Heilige Vater gebettet war, musste erneuert werden. Schließlich ist auch der oberste Hirte nur ein Mensch und beginnt zu verwesen, nachdem seine Seele aufgestiegen ist. Als ich vor ihm stand, sah er dennoch ziemlich lebendig aus. Neben mir zückten die Pilger ihre Fotohandys. Der Papst wurde bei seiner Aufbahrung so etwas wie ein Popstar.

Eigentlich sind Aufbahrungen ja etwas ganz Normales. In meinem heutigen Büro (das früher ein Schlafzimmer war) wurde mein Urgroßvater einige Tage lang aufgebahrt. Er starb bei großer Hitze, so wie der Papst. Und auch für ihn musste der Eislieferant fast stündlich kommen. In der Regel wurden die Toten nach einigen Tagen durch die Straßen des Dorfes bis zum Friedhof getragen, und die Nachbarn setzten ihre Zylinder auf und schlossen sich dem Trauerzug an. Heute sind derartige Abschiedszeremonien selten geworden: Sobald der Totenschein ausgestellt ist, sorgen Bestattungsunternehmen sich um die Leichen, waschen und balsamieren die Toten, stellen sie in sterilen Ausstellungsräumen aus und bringen sie dann möglichst schnell unter die Erde. Nein, der Tod hat sich – wie Foucault schon vor einiger Zeit bemerkte – aus unserem Leben verabschiedet. Heute wird schnell, sauber und leise beerdigt. Schade eigentlich, denn so kommen die Lebenden mit den toten Körpern fast gar nicht mehr in Kontakt.

Bei prominenten Toten ist das ein bisschen anders. Sie müssen die Pilgerei und die damit verbundene letzte finanzielle Ausschlachtung noch immer über sich ergehen lassen. Oder wie im Falle Jesu dem Rest der Menschheit erst einmal ihre eigene Unsterblichkeit beweisen.

Im gläsernen Sarg der Märchenwelt

Michael Jackson wurde nach langer Geheimniskrämerei der Veranstalter dann doch im Staples Center in Los Angeles aufgebahrt. Und das, obwohl Jackson schon seit ungefähr zehn Jahren tot und perfekt einbalsamiert ist. Lange Zeit schon war er im Neverland-Mausoleum aufgebahrt, und sein Körper wurde hin und wieder in irgendwelche Gerichtssäle gekarrt. Mit der Nase und den Ohren hatte er in den letzten Jahren ähnliche Probleme wie Lenin, und seine Leiche wurde ständig etwas blasser. Ansonsten hat sich sein Körper ziemlich gut gehalten. Der „King of Pop“ war ein lebendiger Toter, ohne Königreich – und nur wenige Fans bekannten sich noch zu ihm. Er war aufgebahrt im gläsernen Sarg seiner eigenen Märchenwelt.

Kein Wunder also, dass die Nachricht vom Tod des Pop-Titanen die Menschen geschockt hat. Schließlich verhielt sich das mit den Musik-Kings bislang so: Elvis lebte weiter, obwohl er lange tot war, und Michael Jackson war für viele tot, obwohl er eigentlich noch lebte. Wie soll man um so einen Menschen trauern?

Auf seinem letzten Weg sah er aus wie immer: gut zusammengebaut. Er lag in einem Bronzesarg für 25.000 Dollar, natürlich mit 14-Karat-Vergoldung. Das Modell „Promethan“ wurde von Sargschreiner Batesville („Wir machen jede Beisetzung bedeutsam“) angefertigt und mit königsblauem Samt ausstaffiert. Das Totenkleid wurde von den Designern Dennis Tompkins und Michael Bush geschnitten – sie haben 20 Jahre lang für Jackson gearbeitet. Die Tickets für die Trauerfeier wurden im Losverfahren angeboten. Die weltweite, für alle Sender kostenlose Live-Übertragung wurde zur Dauerwerbesendung. Ein „Public Viewing“, was in der wortwörtlichen Übersetzung ja nichts anderes als „Leichenschau“ bedeutet. Auch bei Michael Jackson geriet die Totenprozedur zur Beweisführung der Unsterblichkeit.

Der Mann, der uns im Moonwalk lehrte, gleichzeitig vorwärts und rückwärts zu gehen, verkörperte das Leben als Weg des Sterbens. Im Song Stranger in Moscow hat er Lenins Mausoleum besungen. Und einige Jackson-Fans in Moskau forderten (mit Unterstützung der orthodoxen Kirche) tatsächlich, Lenin unter die Erde zu bringen und statt seiner den „King of Pop“ auf dem Roten Platz auszustellen. Sie scheiterten am Protest der Kommunisten.

Und Jackson selbst? Er wollte am liebsten in der Pose des Moonwalks einbalsamiert werden: Seine Fans hätte das gefreut. Sie haben sich selbst im Berliner Madame Toussauds ins Kondolenzbuch eingetragen, um dem Toten etwas näher zu sein. Und Günther von Hagen hätte für Jackson sicherlich auch einen Sonderplatz in seinen „Körperwelten“ eingerichtet.

Stattdessen wurde Jackson im Tode nun doch noch zum Menschen. Er liegt auf dem Forest Lawn Memorial mit Blick auf – na was wohl? – die Disney-Studios. Und ein bisschen wünscht man sich, dass er nun wirklich ein endloses Leben beginnen kann – am besten ein ganz anderes. Amerikanische Zeitungen berichten allerdings schon, dass Michael Jackson gar nicht tot sei. Er soll an der gleichen Tankstelle arbeiten wie Elvis.

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12:35 08.07.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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