Wanted!

Öffentliche Fahndung Der Steckbrief feiert seine multimediale Renaissance als latenter Stachel in einer aufgeheizten Volksseele
Wanted!
RAF-Suchbild: Trophäe oder Imageschaden?
Foto: Keystone/Getty Images

Im Wilden Westen hieß es „Wanted!“. Ein fast freundlicher Ausdruck dafür, dass die meisten Gauner ein Strick an einem jener Bäume erwartete, an denen zuvor ihr Steckbrief hing. Heute benutzt die Polizei Tesafilm an Flughafen-Kontrollpunkten, um ihre Fahndungsbilder anzubringen – oder den modernen Baum sozialer Netzwerke, der sich oft noch vor einer Verurteilung zum Pranger wandelt.

Der Steckbrief feiert seine multimediale Renaissance und ist nicht nur Ausdruck des exekutiven Wunsches, einen Kriminellen dingfest zu machen, sondern latenter Stachel in einer aufgeheizten Volksseele. Die „öffentliche Fahndung“ erfolgt meist nicht mehr mit verschwommenen Phantombildern aus dem Die-drei-???-Koffer, sondern mit erschütternden Bewegtbildern, die nicht allein der Tätersuche dienen, sondern gleichsam authentisch verzerrte Dokumente asozialer Gewaltakte darstellen – echter und erschreckender als jedes Aktenzeichen-XY-Reenactment. Bilder unschuldiger Frauen, die von rauchenden, saufenden Idioten von U-Bahn-Treppen getreten werden, sorgen unweigerlich für Entrüstung und einen Aufschrei des erschrockenen Social-Media-Mobs. Sie führen uns vor Augen, dass das Böse so allgegenwärtig ist wie der Ruf nach unbarmherziger Rache.

Es gab Zeiten, da Gesuchte zu Helden wurden. Die Revolutionäre Georg Büchner oder Richard Wagner haben bereits Steckbriefe geziert. Und selbst die rot gerahmten RAF-Suchbilder der 70er und 80er Jahre wurden von manchem Extrem-Linken perverserweise als Trophäen und nicht als Imageschaden verbucht. Bis heute ist für manchen ISIS-Kämpfer der Abdruck der eigenen Visage auf einem Phantombild vermutlich bereits ein erster Schritt in Richtung 72 Jungfrauen.

Kein Wunder, dass ausgerechnet das Revolverblatt BZ sich kürzlich weigerte, den Münchner Amokläufer zu zeigen, und stattdessen schrieb: „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel!“ Ganz anders reagierte Chef-Sheriff-Redakteur Peter Huth nun, als die Leute gesucht wurden, die einen Obdachlosen an der Haltestelle Schönleinstraße angezündet haben. Dieses Mal versprach seine Zeitung, deren Gesichter so lange zu drucken, bis jeder Einzelne im Kitchen sitzt. Am nächsten Tag stellten sich die Täter selber. Der Druck des Steckbriefes wurde zu groß, die öffentliche Fahndung ein polizeilicher Erfolg.

Logisch, dass die Polizei zunehmend auf den Multimedia-Steckbrief setzt. Das Bundeskriminalamt hat in der Vorweihnachtszeit sogar einen „Steckbrief-Adventskalender“ auf Facebook erstellt und 24 Tage lang einen „Wanted“-Wunsch ins Netz genagelt.

Der Steckbrief ist ein uraltes Kulturgut, Archiv der dunklen Menschheitsseele. Er vertraut seit jeher darauf, dass jeder Bürger immer auch ein bisschen Polizist ist. Das BKA will unser Freund und wir sollen seine Helfer sein.

Die öffentliche Polizeiarbeit sorgt aber auch dafür, dass die Öffentlichkeit eine Fahndung inzwischen ebenso leidenschaftlich begleitet wie ein Fußballspiel und dass wir es längst mit 80 Millionen BKA-Präsidenten zu tun haben, die besser gewusst hätten, wie man Attentate verhindert oder Attentäter sucht, ob man „Nafris“ kollektiv abweisen oder stets schonungsvoll behandeln sollte. Ein Tweet, eine Pressemitteilung oder ein Steckbrief sind am Ende immer auch Visitenkarten der Staatsmacht – und die sollte man mit Bedacht verteilen. Denn der Polizist ist nur dann gut, wenn er ein Vorbild unserer Volksseele ist.

06:00 06.01.2017
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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