Wenn Nachrichten Amok laufen

Virtueller Tatort Viele Amokläufer präsentieren sich vor ihrer Tat im Internet. Im Fall von Winnenden macht das Internet den Schauplatz der Tat zum ersten Mal zu einem virtuellen Tatort

Bis gestern war die Kleinstadt Winnenden gut versteckt im Global Village. Heute läuft auf jedem Fernsehsender eine Animation von Google-Map: Zunächst wird auf Deutschland gezoomt, dann auf den Großraum Stuttgart und weiter auf den Ort Winnenden, wo das Bild auf dem Betonbau der Albertville-Realschule stehenbleibt. Das Gebäude liegt am Rande des Ortes, umgeben von einer grünen Wiese.

Winnenden hat 28.000 Einwohner. Und: Inzwischen hat es viele Millionen Zuschauer an den Fernsehern und Computern des Landes.


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Die Stadt ist in wenigen Stunden zum größten Live-Tatort Deutschlands geworden. Zum Internet-Krimi, dessen einzelne Folgen parallel im Fernsehen, auf den Internetseiten von Zeitungen und in den virtuellen Communities laufen. Winnenden ist der erste Internet-Tatort in Deutschland, in dem das weltweite Netz versucht, die Wahrheit schneller zu konstruieren, als es die Polizei erlaubt.

Um 9 Uhr 30 hatte ein 17-jähriger Junge die Albertville-Realschule betreten. Er trug eine schwarze Kampfuniform, eine Gasmaske und ein Gewehr – er schoss wahllos. Gleich drei Mal besuchte er das Klassenzimmer der 10d. Beim dritten Mal soll er gezischt haben: „Seid Ihr immer noch nicht alle tot?“ Bild berichtet, dass eine Referendarin sich vor eine Schülerin geworfen hätte – und erschossen wurde. Der Amokläufer tötete neun Schüler und drei Lehrer. Dann floh er Richtung Innenstadt, erschoss eine Passantin und entführte ein Auto, in dem er ins benachbarte Wendlingen floh. Hier hat die Polizei ihn gestellt und in einem Schusswechsel getötet. Zwei weitere Passanten starben, zwei Polizisten wurden schwer verletzt.

Um 10 Uhr 30 postete eine Frau, die sich „tontaube“ nennt, im Netzwerk Twitter die Nachricht: „ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!“ Das war die erste virtuelle Botschaft über die Tat. Ihr folgte eine gigantische Posting-Lawine. Zig Reporter schrieben „tontaube“ an und baten um Rückruf.

Die Wahrheit im Internet entsteht aus dem Widerspruch

Seither ist Twitterfall zum Niagarafall des Amoklaufs geworden. Hunderte User tragen im Sekundentakt ihre Meinungen ein oder berichten vom Tatort: „Die Stadt ist gar nicht abgesperrt. Ich bin eben ohne Probleme bis zur Schule durchgekommen.“ Ein anderer korrigiert: „Mein Freund kann sein Haus nicht mehr verlassen.“ Die Wahrheit im Internet entsteht aus dem Widerspruch.

Einige User scheinen vor den Nachrichtentickern ihrer Computer bereits vollkommen von der Wirklichkeit entfremdet zu sein, schreiben über ein virtuelles Szenario, ohne Gewissen, ohne Scham, ohne Grenzen. Ein Benutzer Namens „Fleischskandal“ lässt die Gemeinde wissen: „Ey Leude, ich habe noch gehört, der Vadda von dem soll'n bekannter Ex-Handballer sein. Ich google dann mal weiter...“ Zeitungen lassen auf Twitter ebenfalls ihre Nachrichten fallen: Bild, Stern, Stuttgarter Zeitung hoffen auf Klicks – und berichten doch nur, was bei Twitter schon längst zu lesen war.

Twitter ist der virtuelle Live-Ticker unserer Wirklichkeit geworden. Hier kann jeder hautnah am Grauen teilnehmen: um mit anderen seinen Schock zu verarbeiten, um eigene Gerüchte zu streuen, um sich als Hobby-Detektiv zu profilieren, oder einfach nur um sich zurückzulehnen und zuzuschauen. Diese Tätigkeiten wurden dadurch erleichtert, dass einem Polizeisprecher beim Sender N-TV der vollständige Name des Tätets Tim K. herausrutschte.

Bild

Ein Stay-Friend-Profil mit einem Waffenbild, das seit zwei Jahren nicht mehr genutzt wurde, hat sich schnell als „Fake“ herausgestellt. Die bei Twitter geposteten Schulabschlussfotos und Amazon-Wunschlisten scheinen dagegen echt zu sein. Früher war es die Rolle der Bild, solche Details herauszufinden – heute schreibt die Netzgemeinschaft ihren eigenen, unerbittlichen Kriminal-Boulevard.

Winnenden zeigt, dass virtuelle Nachrichten auch in Deutschland zur Wirklichkeit werden. Und dass dieses gerade bei einem Amoklauf passiert, verwundert nicht. Das Internet hat sich als Heimat für gespaltene Persönlichkeiten herausgestellt. Sowohl der 18-jährige Attentäter aus dem Finnischen Tuusula hat sich im Internet als Waffennarr und Rechtsradikaler in Szene gesetzt, bevor er zum Töten schritt. Und ähnlich war es beim 18-jährige Bastian B. aus Emsdetten.

Ein Buch, das gerade im Eichborn-Verlag erschienen ist, zeigt, wie schnell Täter aus ihrer realen (Schul)Welt in die virtuelle Wirklichkeit fliehen. In dem Buch „Ich bin voller Hass – und das liebe ich!“ hat Joachim Gaertner die Äußerungen der beiden Attentäter von der „Columbine Highschool“ vor zehn Jahren dokumentiert.

Der Attentäter von Columbine publizierte seine Mordvisionen im Internet

Dylan Klebold schrieb in einem Schulaufsatz: „Ich will, dass Du auf mich schießt!- Hey, du willst nicht? Verdammte Pussy!“ Die Lehrerin kommentierte lakonisch: „Ich fühle mich beleidigt von Deiner vulgären Ausdrucksweise! Im Unterricht hatten wir über deinen Sprachgebrauch diskutiert. Nimm zur Kenntnis, dass ich ab hier aufgehört habe zu korrigieren.“ Dylan floh mit seinen Mordvisionen kurzerhand ins Internet. Hier feierte er auf seiner Seite Gewalt, Führerschaft und seine eigenen kriminellen Taten.

Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen viel über die Aktivitäten des Täters aus Winnenden bekannt werden. Schon jetzt weiß man, dass sein Vater 18 Schusswaffen besessen hat – eine fehlte am Tag des Attentats. Ansonsten soll Tim K. Ein zurückhaltender Schüler gewesen sein. Aber die Zeitungsredaktionen und die Twitter-Gemeinde haben bereits angefangen, die Spuren seine virtuelle Existenz aufzunehmen.

In virtueller Distanzlosigkeit schreibt ganz Deutschland das Verbrechen mit

Der 11. März 2009 ist nicht nur der Tag eines unfassbar großen, realen Verbrechens, sondern auch der Tag, in dem das Verbrechen in virtueller Distanzlosigkeit von ganz Deutschland mitgeschrieben wurde. Virtueller – und damit real bedrohlicher – war ein Amoklauf selten.

Vor einigen Monaten hat jemand eine Autofahrt durch den Ort Winnenden gefilmt und bei You Tube eingestellt. Bis 11 Uhr war der Film „Winnenden mal schnell ansehen“ lediglich 300 Mal aufgerufen worden. Am Mittag hatte er bereits weit über 1000 Zuschauer. Wahrscheinlich wollten sie nur mal die echten Straßen ihrer virtuellen Aufregung abfahren.

17:50 11.03.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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