Axel Brüggemann
11.03.2009 | 17:50 25

Wenn Nachrichten Amok laufen

Virtueller Tatort Viele Amokläufer präsentieren sich vor ihrer Tat im Internet. Im Fall von Winnenden macht das Internet den Schauplatz der Tat zum ersten Mal zu einem virtuellen Tatort

Bis gestern war die Kleinstadt Winnenden gut versteckt im Global Village. Heute läuft auf jedem Fernsehsender eine Animation von Google-Map: Zunächst wird auf Deutschland gezoomt, dann auf den Großraum Stuttgart und weiter auf den Ort Winnenden, wo das Bild auf dem Betonbau der Albertville-Realschule stehenbleibt. Das Gebäude liegt am Rande des Ortes, umgeben von einer grünen Wiese.

Winnenden hat 28.000 Einwohner. Und: Inzwischen hat es viele Millionen Zuschauer an den Fernsehern und Computern des Landes.


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Freitag Publizist lukasheinser über den blutigen Weg in die Unsterblichkeit


Die Stadt ist in wenigen Stunden zum größten Live-Tatort Deutschlands geworden. Zum Internet-Krimi, dessen einzelne Folgen parallel im Fernsehen, auf den Internetseiten von Zeitungen und in den virtuellen Communities laufen. Winnenden ist der erste Internet-Tatort in Deutschland, in dem das weltweite Netz versucht, die Wahrheit schneller zu konstruieren, als es die Polizei erlaubt.

Um 9 Uhr 30 hatte ein 17-jähriger Junge die Albertville-Realschule betreten. Er trug eine schwarze Kampfuniform, eine Gasmaske und ein Gewehr – er schoss wahllos. Gleich drei Mal besuchte er das Klassenzimmer der 10d. Beim dritten Mal soll er gezischt haben: „Seid Ihr immer noch nicht alle tot?“ Bild berichtet, dass eine Referendarin sich vor eine Schülerin geworfen hätte – und erschossen wurde. Der Amokläufer tötete neun Schüler und drei Lehrer. Dann floh er Richtung Innenstadt, erschoss eine Passantin und entführte ein Auto, in dem er ins benachbarte Wendlingen floh. Hier hat die Polizei ihn gestellt und in einem Schusswechsel getötet. Zwei weitere Passanten starben, zwei Polizisten wurden schwer verletzt.

Um 10 Uhr 30 postete eine Frau, die sich „tontaube“ nennt, im Netzwerk Twitter die Nachricht: „ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!“ Das war die erste virtuelle Botschaft über die Tat. Ihr folgte eine gigantische Posting-Lawine. Zig Reporter schrieben „tontaube“ an und baten um Rückruf.

Die Wahrheit im Internet entsteht aus dem Widerspruch

Seither ist Twitterfall zum Niagarafall des Amoklaufs geworden. Hunderte User tragen im Sekundentakt ihre Meinungen ein oder berichten vom Tatort: „Die Stadt ist gar nicht abgesperrt. Ich bin eben ohne Probleme bis zur Schule durchgekommen.“ Ein anderer korrigiert: „Mein Freund kann sein Haus nicht mehr verlassen.“ Die Wahrheit im Internet entsteht aus dem Widerspruch.

Einige User scheinen vor den Nachrichtentickern ihrer Computer bereits vollkommen von der Wirklichkeit entfremdet zu sein, schreiben über ein virtuelles Szenario, ohne Gewissen, ohne Scham, ohne Grenzen. Ein Benutzer Namens „Fleischskandal“ lässt die Gemeinde wissen: „Ey Leude, ich habe noch gehört, der Vadda von dem soll'n bekannter Ex-Handballer sein. Ich google dann mal weiter...“ Zeitungen lassen auf Twitter ebenfalls ihre Nachrichten fallen: Bild, Stern, Stuttgarter Zeitung hoffen auf Klicks – und berichten doch nur, was bei Twitter schon längst zu lesen war.

Twitter ist der virtuelle Live-Ticker unserer Wirklichkeit geworden. Hier kann jeder hautnah am Grauen teilnehmen: um mit anderen seinen Schock zu verarbeiten, um eigene Gerüchte zu streuen, um sich als Hobby-Detektiv zu profilieren, oder einfach nur um sich zurückzulehnen und zuzuschauen. Diese Tätigkeiten wurden dadurch erleichtert, dass einem Polizeisprecher beim Sender N-TV der vollständige Name des Tätets Tim K. herausrutschte.

Bild

Ein Stay-Friend-Profil mit einem Waffenbild, das seit zwei Jahren nicht mehr genutzt wurde, hat sich schnell als „Fake“ herausgestellt. Die bei Twitter geposteten Schulabschlussfotos und Amazon-Wunschlisten scheinen dagegen echt zu sein. Früher war es die Rolle der Bild, solche Details herauszufinden – heute schreibt die Netzgemeinschaft ihren eigenen, unerbittlichen Kriminal-Boulevard.

Winnenden zeigt, dass virtuelle Nachrichten auch in Deutschland zur Wirklichkeit werden. Und dass dieses gerade bei einem Amoklauf passiert, verwundert nicht. Das Internet hat sich als Heimat für gespaltene Persönlichkeiten herausgestellt. Sowohl der 18-jährige Attentäter aus dem Finnischen Tuusula hat sich im Internet als Waffennarr und Rechtsradikaler in Szene gesetzt, bevor er zum Töten schritt. Und ähnlich war es beim 18-jährige Bastian B. aus Emsdetten.

Ein Buch, das gerade im Eichborn-Verlag erschienen ist, zeigt, wie schnell Täter aus ihrer realen (Schul)Welt in die virtuelle Wirklichkeit fliehen. In dem Buch „Ich bin voller Hass – und das liebe ich!“ hat Joachim Gaertner die Äußerungen der beiden Attentäter von der „Columbine Highschool“ vor zehn Jahren dokumentiert.

Der Attentäter von Columbine publizierte seine Mordvisionen im Internet

Dylan Klebold schrieb in einem Schulaufsatz: „Ich will, dass Du auf mich schießt!- Hey, du willst nicht? Verdammte Pussy!“ Die Lehrerin kommentierte lakonisch: „Ich fühle mich beleidigt von Deiner vulgären Ausdrucksweise! Im Unterricht hatten wir über deinen Sprachgebrauch diskutiert. Nimm zur Kenntnis, dass ich ab hier aufgehört habe zu korrigieren.“ Dylan floh mit seinen Mordvisionen kurzerhand ins Internet. Hier feierte er auf seiner Seite Gewalt, Führerschaft und seine eigenen kriminellen Taten.

Wahrscheinlich wird in den nächsten Wochen viel über die Aktivitäten des Täters aus Winnenden bekannt werden. Schon jetzt weiß man, dass sein Vater 18 Schusswaffen besessen hat – eine fehlte am Tag des Attentats. Ansonsten soll Tim K. Ein zurückhaltender Schüler gewesen sein. Aber die Zeitungsredaktionen und die Twitter-Gemeinde haben bereits angefangen, die Spuren seine virtuelle Existenz aufzunehmen.

In virtueller Distanzlosigkeit schreibt ganz Deutschland das Verbrechen mit

Der 11. März 2009 ist nicht nur der Tag eines unfassbar großen, realen Verbrechens, sondern auch der Tag, in dem das Verbrechen in virtueller Distanzlosigkeit von ganz Deutschland mitgeschrieben wurde. Virtueller – und damit real bedrohlicher – war ein Amoklauf selten.

Vor einigen Monaten hat jemand eine Autofahrt durch den Ort Winnenden gefilmt und bei You Tube eingestellt. Bis 11 Uhr war der Film „Winnenden mal schnell ansehen“ lediglich 300 Mal aufgerufen worden. Am Mittag hatte er bereits weit über 1000 Zuschauer. Wahrscheinlich wollten sie nur mal die echten Straßen ihrer virtuellen Aufregung abfahren.

Kommentare (25)

celsaess 11.03.2009 | 19:56

In all der Nachrichtenflut endlich mal ein Text, der ein wenig Abstand nimmt, die Hysterie ausbremst. Tatsächlich ging es auch mir heute so, dass ich vor lauter Nachrichten irgendwann gar nichts mehr wusste. Für micht zeigt das, dass Artikel, die ein bisschen warten, die Sache sacken lassen noch immer die besten Informationen sind.

blunez 11.03.2009 | 19:58

und wieder einmal fühle ich mich schlecht.
die trauer, mit der man solche vorfälle bewältigt wird von wut verdrängt; tim k. wird wie seine vorgänger zu einem einzeltäter gemacht, zu einem individuum, in dessen kopf wohl irgendein fehler vorgelegen haben muss, der seit seiner geburt wuchs, und nun zu einem crash geführt hat, den er auf sein seeliges umfeld projeziert. wenn die menschen nicht anfangen in kausalzusammenhängen zu denken werden wir keine lösung für dieses und andere probleme finden, sondern mit immer mehr problemen konfrontiert werden, in denen sich der einzelne, der weiter denkt, immer häufiger verliert.

Greiph 11.03.2009 | 21:47

Sehr erfreulich, wie der neue Freitag reagiert - ich hielt es nicht für selbstverständlich. Dieses Durchhecheln von vermeintlichen oder wirklichen Schlagzeilen à la Spiegel ist kaum zu ertragen. Ist nur leider Gang und Gäbe, mittlerweile selbst im DLF, von der ARD (siehe auch die Themenänderung bei "hart aber fair") ganz zu schweigen. Diese Medien- bzw. Rezeptionskritik hier, oder wie auch immer man dazu sagen möchte, hat gut getan! Die Trauer und Betroffenheit, die jetzt in aller Politiker- und Journalistenmunde sein soll, würde sich doch eigentlich eher durch Schweigen und Nachdenklichkeit zeigen...

ChristianBerlin 11.03.2009 | 22:10

[Zitat blunez]wenn die menschen nicht anfangen in kausalzusammenhängen zu denken werden wir keine lösung für dieses und andere probleme finden[Zitatende]

Recht hast Du! Das ist versäumt worden und hätte schon viel früher geschehen müssen.

Der einzig sichere kausale Vorbeugung für die Zukunft sind unmenschlich (?) harte Auflagen für Sportschützen und Waffenbesitzer. Die Verantwortung dafür, dass durchgeknallte Kids überhaupt soviele Menschen töten könnten, ohne dass sie eine Chance auf Gegenwehr gehabt hätten, liegt bei den Besitzern dieser tötungstauglichen Instrumente. Ihnen muss in Zukunft durch gesetzgeberische Maßnahmen und präventive Nachprüfungen unmissverständlich klargemacht werden, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie ihre vermeintlich harmlosen Spielzeuge nicht sicher wegschließen. Wenn die Schützensportler-Lobby solche Strafandrohungen zu drakonisch findet und nicht mittragen will, müssen Tötungsinstrumente als Sportgeräte ganz verboten werden.

Es gibt nur eine Kausaltherapie gegen das nicht Amok-Unwesen: Waffen weg!

mehmet.goldkorn 11.03.2009 | 22:23

Der Mörder hat seine individuelle Motivlage ausgebildet, möglicherweise liegt eine psychische Störung vor. Was damit zusammenhängt, werden wir in den nächsten Tagen erfahren.
Ich bedanke mich ebenfalls sehr für Ihren Artikel, der das Augenmerk auf unsere Gemeinschaft richtet, in der der Mörder aufwächst und die ihn in einem Punkt nicht fremd ist und eine ähnliche Gespaltenheit abbildet. Eine Persönlichkeit zu sein reicht keinem mehr aus. Das Idealverhalten vor Lehrern, Bekannten, der nette Ruhige zu sein, der nie auffällt und parallel dazu unsere Gemeinschaft, die sich so ein Verbrechen niemals vor der eigenen Haustür vorstellen kann. Der Jugendliche scheint normal und bildet während dessen seine weitere Mörderidentität aus, die Gemeinschaft leugnet ihre Defizite und tut so, als sei ein normales Leben möglich und erstrebenswert. Die Eckdaten waren doch gut, lediglich der Vater habe seine Waffe rumliegen lassen - so schockiert die Betroffenen sein müssen und so richtig die Existenz der Krisenteams vor Ort ist, so unerträglich dumm bleiben dennoch solche Äußerungen des badenwürttembergischen Innenministers. Es ist eine beschissene Gemeinschaft, die sich hier vorführt und die multiple Einsamkeit beherbergt.

Jakob Augstein 11.03.2009 | 22:26

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung.
Jede Form von Individualprävention muss bei solchen Taten versagen.
Wollen wir Lehrer, Eltern, Schüler zu lauter kleinen Kriminalpsychologen machen, die nach auffälligem Verhalten Ausschau halten und es melden und dann müssen sich alle Einzelgänger, die gerne Gewaltvideos spielen peinlichen Verhören unterziehen? Wollen wir also - wieder einmal - Tausende in die Prävention vereinzelter Taten einbeziehen und weitere Lebensbereiche - Schule - vorwiegend unter dem Zeichen der "Sicherheit" betrachten? Hoffentlich nicht.

Waffen verbieten ist die einfachste und klarste Lösung.

ChristianBerlin 11.03.2009 | 23:44

@oplock

Ich sehe sogar die Chance, dass dem Freitag diese Glaubwürdigkeit zugute kommt, wenn es um die Aufarbeitung geht. Jakob Augstein hat weiter oben schon zugestimmt, dass es nur eine vernünftige Konsequenz geben kann (Danke J.A. !) Vielleicht schließen sich andere Blogger oder Redakteure dieser Idee sinngemäß an oder sie fordern das von sich aus.

Ich hätte das bei unseren Politikern +brigens als Zeichen von Führungsstärke begrüßtt, wenn sie in ihren ersten Kamerastatements eine ähnliche Klarheit auch hinsichtlich eigener Versäumnisse und auf der Hand liegender Konsequenzen hätten erkennen lassen. Letzteres hätte viele in der allgemeinen Hilflosigkeit trösten können.

Vielleicht muss auch erst einmal der Schock vorbei sein, bis man wieder klar denken kann, wir werden sehen. Wenn niemand weiter von den maßgeblichen Akteuren diesen Ball aufgreift, sollten wir über eine "Waffen weg! Petition" nachdenken.So konnten schon andere Vorschläge neuerdings eine breite Aufmerksamkeit erlangen. CB

jmr 12.03.2009 | 00:32

Neuester Post der Nutzerin "tontaube" bei twitter.com:
"Hallo Ihr vielen Follower! Das mit dem zurück-followen könnte etwas dauern. Muss erst mal sortieren. Freu mich auf neue nette Leute!"
Zynisch formuliert: Na, da hatte der ganze Amoklauf doch sogar etwas Gutes.

Web 2.0? Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

mahung 12.03.2009 | 01:56

Ich kann mich nur anschließen. Wohltuend distanzierter Artikel und der erste Versuch, im Vergleich zur restlichen Medienlandschaft des heutigen Tages, die Dinge etwas überlegter zu betrachten. Andererseits sind die Medien eben auch ein System, mit einer inneren Logik, die in erster Linie wohl auf Zwängen basiert, welche wiederum im vorherrschenden Wirtschaftssystem begründet zu liegen scheinen. So musste - schier unvermeidlich - in der ARD ein "Brennpunkt" her. Wenn man natürlich andererseits bedenkt, dass die ARD auch schon Brennpunkte sendet, wenn es in Deutschland z. B. Winter wird, was dann freilich "Schnee-Chaos in Deutschland" heißt, dann musste es heute, nach dieser Logik einer sein, der nicht fünfzehn, sondern mindestens dreißig Minuten dauert. Der Informationsgehalt solcher Sendungen ist dabei eigentlich null, weil alle Fragen, die vielleicht tatsächlich interessant sind, im Hintergrund bleiben. Also "müssen" wieder sämtliche Experten, voran der unvermeidliche Herr Pfeifer, Blind- und Ferndiagnosen stellen, die lediglich auf Hörensagen beruhen, ja nur beruhen können. Letzterer allerdings exklusiver bei "Hart aber Fair" und Herr Bosbach, die neue CDU-Talkshow-Allzweckwaffe, durfte auch nicht fehlen. Ich, als im Bereich Journalismus völlig Ahnungsloser, frage mich dann immer, wo und vor allem in welcher Geschwindigkeit die Redaktionen so schnell ihre Betroffenen und Diskutanten hernehmen und wie man in so kurzer Zeit überhaupt sauber und gründlich recherchieren kann - jedenfalls so, dass tatsächlich für den Zuschauer eine Art Erkenntnisgewinn erreicht werden kann. Vielleicht kennt Herr Augstein sich da besser aus, was heißt vielleicht, ist ja sein Beruf, sowas zu wissen. Auch ich möchte seinem Beitrag zustimmen. Es steht zu befürchten, dass, zumindest bis medial wieder Gras über die Sache gewachsen ist, die Kinder, die ein bisschen anders sind, unter Verdacht geraten. Ich schätze mal, ab morgen beginnt das große Belauern - hat der nicht auch schon mal sowas komisches geäußert und der ist auch immer so ruhig ...

Das mit den Waffen ist ein großes Problem, wenn auch eher ein technisches. Die Lobbys werden es nicht zulassen, aber Waffen verbieten, außer die wirklich beruflich benötigten, wäre mindestens ein Schritt in die richtige Richtung. Ein zweiter Schritt wäre, über die reflexhaften Schuldzuweisungen gegenüber Computerspielen, Horrorfilmen oder "böser" Musik, die wir jetzt wieder hören werden, hinauszugehen und neben individueller Schuld - die sich nicht wegleugnen lässt - zu fragen, wie unsere Art zu leben, unsere Gemeinschaft dazu beiträgt, solche Art extremen Verhaltens zu befördern.

Es gab übrigens noch einen wohltuenden Kommentar zum Thema und zwar in der Titanic bzw. ihrer Online-Ausgabe.

www.titanic-magazin.de

lukasheinser 12.03.2009 | 02:36

Na ja, wenn Sie dem "Medium" Web 2.0 (was auch immer das jetzt so genau sein mag) eine Mitschuld anhängen wollen, könnten Sie auch Print (und damit letztlich Johannes Gutenberg) für "Bild" verantwortlich machen.

Medienkompetenz muss eben erst mal erlernt werden, gerade in einem Land wie Deutschland, wo Medien lange nur zum Konsumieren da waren. Da gibt es eben auch mal unschöne Tage wie den gestrigen.

Susanne Lang 12.03.2009 | 10:28

@mahung: Das habe ich mich gestern auch mal wieder gefragt. Worin besteht eigentlich das öffentliche Interesse an einer derart massiven "Vor-Ort-Berichterstattung", die uns nur eines vermittelt: da stehen Menschen unter Schock. Vielleicht hilft ja ein Vergleich: Als das Kölner Stadtarchiv einstürzte, da gab es sehr wohl ein öffentliches Interesse, das heißt, Anlass für Journalisten zu berichten und unangenehme Fragen zu stellen, nämlich an Politiker und an die Verkehrsbetriebe. Wer gerade in Winnenden Fragen stellt, nimmt nur Teil am allgemeinen Voyeurismus.

pkaras 12.03.2009 | 11:49

'Wer gerade in Winnenden Fragen stellt, nimmt nur Teil am allgemeinen Voyeurismus.' Sorry, das stimmt nicht. Ich frag' mich auch wie das passieren konnte, welche Gründe für diese seelische Verwahrlosung des Amok-Läufers sind. Sie müssten im elterlichen Umfeld liegen, der Vater, ein Waffennarr, mangelnde Zuwendung, mobbing, mangelnde Bestätigung, Einfluss v. Videospielen, Begeisterung f. Horrorvideos, mangelnde Aussenkontakte, Verlust v. Sprache etc.
Ich würde mich aber nicht als Voyeur bezeichnen, weil ich dazu Fragen stelle.
Man muss zu diesem Ereignis Fragen stellen, um die , w.o. in einem Blog richtig angemerkt, kausalen Zusammenhänge herauszufinden, die dazu geführt haben.
Die Haltung zu diesem Ereignis ist entscheidend, um die richtigen Fragen stellen zu können: interessiert es mich, weil es mir Sorgen bereitet oder weil es mir einen Kick verschafft?
Voyeurismus oder Sensationslust gibt es schon seit Menschengedenken.
Mit dem Internet kommt lediglich 'ne neue perverse Form dazu.

mcmac 12.03.2009 | 13:30

Lieber CB,
genau eine solche Petition ist schon in Arbeit; dürfte -hoffentlich- in drei Wochen unter epetiton.bundestag.de veröffentlicht werden.
"Der Deutsche Bundestag möge beschließen ...Ein im Waffengesetz neu und rasch zu verankerndes, komplettes und
ausnahmsloses Verbot der Lagerung und Führung von Waffen, insbesondere Schusswaffen (vor allem sämtlicher
Feuerwaffen i.S. des Waffengesetzes) und dazu geeigneter Munition in privaten Haushalten. Weiterhin: Ein
zentrales, bundesweites und lückenloses Waffenregister."
Begründung: "Ziel dieser Restriktionen: Weitestgehende Erschwerung und Verhinderung von sogenannten Amokläufen,
insbesondere durch junge Menschen, Stichwort „school shooting”."
grußmcmac

Steffen Kraft 12.03.2009 | 13:35

Erstaunlich finde ich, dass sofort Fragen nach dem Einfluss von Killerspielen und Horrorvideos - also fiktionalen Medienformaten - gestellt werden, aber der Einfluss realer Geschehnisse inklusive ihrer medialen Vermittlung oft nicht einmal erwogen wird.

Mir scheint, als habe spätestens das Columbine-Massaker in den Köpfen eine Art Genre etabliert, dessen Elemente seither bei Tätern wie Zuschauern bekannt sind und nun variiert werden können, um Aussagen zu produzieren.

Denn darum geht es den Tätern ja oft: bestimmte Zeichen zu setzen. Und sei es nur, dass sie, anstatt einen Abschiedsbrief zu schreiben, ihren Tod selbst als monströse Live-Performance inszenieren.

Dieses Genre-Bewusstsein aber scheint nachhaltiger von den Berichten über Columbine, Erfurt, Emsdetten selbst geprägt zu sein als von Counterstrike, Doom und Splatter-Filmen - schon allein, weil diese Bilder viel weiter verbreitet und mit ihrem Anspruch, Realität abzubilden, auch eindrücklicher sind.

Die Folge aus dieser Überlegung kann natürlich nicht sein, dass Medien ihre Berichterstattung zurücknehmen. Schließlich benötigen wir als Zuschauer Anhaltspunkte, wie wir das Geschehen verarbeiten, also die Aussagen des Täters lesen können. Sonst kämen wir mit dem Schrecklichem gar nicht zurande.

Es könnte hier etwas in Gang gekommen sein, was nur schwer zu stoppen sein wird: eine - im Wortsinn - fatale Kommunikationsform, die sich selbst gegenüber der intelligentesten Sozialpsychologie als resistent erweisen könnte.

lukasheinser 12.03.2009 | 14:22

Ich finde die Bezeichnung "Genre" in dem Zusammenhang sehr passend. Und die wenigen Minuten Fernsehen, die ich gestern Mittag gesehen habe, bestätigen das auch: Weil es keine aktuellen Informationen gab (und der Tross ja erstmal in die Kleinstadt reisen musste), wurden bei Phoenix und n-tv Reportagen über bisherige Schul-Amokläufe gezeigt. Wenn man sich als Täter sicher sein kann, beim übernächsten Mal selbst Teil dieser Rückblicke (und damit quasi das Sequel oder Remake der vorherigen Verbrechen) zu sein, hat man ja langfristig (also über den eigenen Tod hinaus) "Ruhm".

jmr 12.03.2009 | 15:00

Lieber Herr Kraft,

der erste Satz Ihres Kommentars hat mir sehr gut gefallen. Man spricht über Shooter, Horrorfilme etc. und blendet die Realität, die diesen Produkten zugrunde liegt (reale Gewalt, reale Ängste, realer Irrsinn) beinahe komplett aus. Auch der Gedanke, welchen Einfluss diese Realität auf Menschen hat, kommt massenmedial viel zu kurz - um es ganz vorsichtig auszudrücken.

Was mich trotzdem an Shootern, bestimmten Filmen und bestimmter Musik abstößt, ist die Ästhetisierung von Gewalt und Perversion (nicht unbedingt im sexuellen Sinne), die sie betreiben. Deshalb gefällt mir auch Ihre Wortwahl in den folgenden Absätzen nicht besonders. Da ist von "Genre" und "Live-Performance" die Rede. Begriffe aus der Welt der Kunst, aus der Theorie der Ästhetik. Vielleicht nicht ursprünglich, aber nach heutigem Sprachgebrauch.

Ich möchte Ihnen gar nicht unterstellen, dass Sie eine solche Ästhetisierung von Amokläufen betreiben wollen. Was den Sprachgebrauch angeht, neige ich wohl auch dazu sehr pingelig zu sein. Deshalb finde ich diese Vokabeln an dieser Stelle fehl am Platze.

Und noch etwas: Wenn Sie Amokläufe als fatale Form von Kommunikation beschreiben (und über den Gedanken lohnt es sich nachzudenken) - wäre es dann nicht wünschenswert eine solche Kommunikation zu stören? Zum Beispiel indem man sich bewusst der Funktion als Kommunikationsmittel verweigert? (Hätte das verpixelte Video des Georgia Tech-Amokläufers wirklich im Fernsehen gezeigt werden müssen? Als Anhaltspunkt um das Geschehene zu verarbeiten?)

In diesem Sinne

jmr

Tina Veihelmann 12.03.2009 | 16:28

ich beziehe mich auf Steffen Kraft bzw. jmr: Der Begriff Genre ist, meine ich, im Zusammenhang mit den Amokläufen ganz passend. Nicht, weil man, zynisch, dieses Wort aus der Kunst- und Kulturproduktion auf das reale Massaker übertragen will. Um das Massaker einem Krimi gleichzusetzen oder so. Sondern um aus der Welt der Kulturproduktion einen Gedanken zu entlehnen. Bevor jemand einen Krimi schreibt, muss er eine Idee haben, was ein Krimi sein könnte. Nur so entwickelt er eine Phantasie für den Plot und der Krimi entsteht. Und mit dem Amoklauf ist es ähnlich. Es wäre interessant zu wissen, in welchen Kulturen es z.B. keinen Amoklauf gibt. Weil die Idee fehlt. Interessant auch, dass die Amokläufe - wie Genregeschichten - Muster aufweisen. Sie finden in Schulen statt, nicht im Park, nicht im Arbeitsamt (oder hat es das schon gegeben?) Es wird geschossen, nicht auf andere Art getötet.

Steffen Kraft 12.03.2009 | 16:35

Ich verstehe und teile die Vorsicht, wenn man sich Gewalttaten mit ästhetischen Kategorien nähert - was "Genre" und "Live-Performance" zweifellos sind.

Wer nicht aufpasst, kommt da schnell zu Schlüssen wie Karlheinz Stockhausen, der den 11. September als "das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat" bezeichnet hat. Das geschieht allerdings nur dann, wenn die Sprache die Bodenhaftung verliert, wenn sie dazu dient, das Ereignis in eine von der gesellschaftlichen Realität scheinbar losgelösten Welt der Kunst zu transportieren (in der man dann selbst schreckliches Geschehen "gut gemacht" finden darf).

Wie sie ganz richtig schreiben, ist das jedoch nicht mein Ziel. Mir geht es vielmehr darum, dass sich Genres und Handlungsmuster nicht nur in Inszenierungen fiktionaler Gewalt finden, sondern eben auch in realer.

Und wenn das so ist, sollten wir uns solchen Begriffen selbst in der Rede über von Menschen gemachte Katastrophen vielleicht nicht verschließen. Nicht, damit sie das Schreckliche erträglicher machen, sondern weil sie als Instrument der Analyse dienen können.

revolutionmusstanzenlernen 15.03.2009 | 00:03

nebenkriegsschauplatz: weibliche lehrer - männliche erzieherinnen?

ich finde es kurios, dass nach dem satz "Bild berichtet, dass eine Referendarin sich vor eine Schülerin geworfen hätte..." folgt: "Der Amokläufer tötete neun SchülER und drei LehrER". und dass, obwohl alle opfer bis auf eines weiblich sind. mensch kann das gerne als kleinkram betrachten - ich habe es aufgehört so zu sehen, als ich mich in einer examensarbeit als "männliche erzieherin" tituliert fand. seitdem benutze auch ich (relativ) durchgängig die ausschließlich weibliche form als "agent provocateur".

zum massaker selbst möchte ich die lektüre von arno gruen´s "der wahnsinn der normalität" empfehlen. er analysiert darin die psychopathologie der normalität anhand von amokläufen und politikerverhalten, zeigt auf, dass normales (gutbürgerlich-gesittetes) verhalten nichts, rein gar nichts an menschlichen werten garantiert, und deswegen auch zur idealen maske für brodelnden hass wird. insofern ist es nicht verwunderlich, sondern eher folgerichtig, dass viele der täter "unauffällig" waren vor der tat.