Zwiegespräch über das Theater

Ausstellung Der Theatermacher René Pollesch macht in einer Berliner Galerie eine Ausstellung, nennt sie „Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker“ - und wirft viele Fragen auf

Was ist eine Ausstellung? In einer Ausstellung hängen Bilder, stehen Skulpturen, Installationen, flimmern Bildschirme, und wenn die Ausstellung in einer Galerie stattfindet wie dieser hier, dann sind die Bilder, Skulpturen, Installationen und Videos auf den Bildschirmen zu kaufen.

Hier: Galerie Buchholz, Berlin-Charlottenburg, Fasanenstraße, nebenan das Auktionshaus Villa Grisebach und das Literaturhaus, an dem alle zuerst immer das Restaurant loben. In der Galerie Buchholz: Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker ­– Der Schnittchenkauf 2011-2012 von René Pollesch. Eröffnung. Pollesch ist ein Mann des Theaters, ein Autorenregisseur, der im gesamten deutschsprachigen Raum inszeniert, zuletzt in Wien Die Liebe zum Nochniedagewesenen.

In der Galerie ist die Ausstellung nicht leicht zu finden. Es gibt vier Räume und einen Flur, auf dem viele Menschen stehen. In drei der vier Räume auch, dort gibt es Spieltische, an denen noch Leute sitzen und Polleschs performatives Passionsbrettspiel Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors spielen. Man könnte von einer Performance sprechen, aber die Ausstellung ist keine Performance, das Gesellschaftsspiel – bei dem es, grob gesagt, darum geht, sich bis zum Orgasmus zu würfeln, unterbrochen von Aktion, Handel und Auftritten eines Chors, der aus dem Kontrasexuellen Manifest zitiert –, das Gesellschaftsspiel wurde so auch schon im Foyer der Berliner Volksbühne aufgeführt. Es ist nur Beigabe und wird auch noch mal am 22. Januar gespielt.

Medium der Arbeit

Die Ausstellung findet im vierten Raum statt, der weniger bevölkert ist am Eröffnungsabend. Dort liegen elektronische Lesegeräte aus, zu denen man greifen kann und auf denen Texte von Pollesch zu lesen sind, die vom Theater handeln. Der Schnittchenkauf bezieht sich auf den Messingkauf von Brecht, ein mehrfach überarbeitetes Konvolut von Szenen, die eine Theorie des Theaters versuchen.

Die Arbeit am Schnittchenkauf ist noch im Gange. Fertig sein soll sie am 4. Februar, wenn die Ausstellung schließt, dann erscheinen die Texte zur Theorie des Pollesch-Theaters in einem Buch. Kein Kunstbuch, das in knapper Auflage, wertvoller Aufmachung teuer gekauft und gesammelt werden soll, sondern ein Arbeitsbuch, das zum ersten Mal theoretische Texte von Pollesch versammelt.

Die Ausstellung ist also: ein Medium der Arbeit an einer neuen Theorie des Theaters. Das passt zu Polleschs Arbeit, weil die im Grunde ein unendlicher Text ist, der sich in den jeweiligen Aufführungen immer nur zwischenzeitlich mediatisiert. Und weil die Texte von Pollesch Hybride eigener Art sind – keine Dramen im dialogischen, keine Theorie im klassischen Sinn, sondern eine heiter-verzweifelte Mischung aus beidem –, ist es egal, wie sie sich mediatisieren. Im Vorwort heißt es: „Wo in Brechts Messingkauf seine Theaterpraxis als Widerstreit von Meinungen zwischen einem Philosophen, einem Dramaturgen, den Schauspielern und einem Beleuchter ausgebreitet wird, wird in diesem Buch auf diese Form der Repräsentation verzichtet. Die Schauspieler, an die ich denke, sind von Philosophen infiziert und schon zu schlau für Unterweisungen.“

Über die Schau Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker kann also erst zu ihrem Ende geredet werden. Dann wird die Frage lauten: Was ist Theater?

René Pollesch Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker. Der Schnittchenkauf 2011-2012. Galerie Buchholz, Fasanenstraße 30, Berlin. Bis 4. Februar

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