Der Anschlag

Istanbul Wem galt der Anschlag, wie ist der schnelle Ermittlungserfolg der türkischen Sicherheitsbehörden zu erklären und wer steckt dahinter? Eine Spurensuche.
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Gegen 10:20 Uhr türkischer Zeit kommt es am 12. Januar mitten im Touristenzentrum von Istanbul zu einer Explosion, die 12 Menschen das Leben nimmt und zahlreiche Menschen verletzt. Die erste offizielle Stellungnahme kommt von Erdogan während seiner Rede anlässlich eines Treffens mit den Botschaftern. Kurz vor 14:00 Uhr türkischer Zeit verkündet Erdogan, dass der Selbstmordanttentäter aus Syrien stammt und dass man etwa in einer Stunde wissen wird, wer die Opfer sind. Kurz danach bestätigt der Regierungssprecher, dass der Attentäter syrischer Abstammung ist und die Opfer vorwiegend deutsche Touristen sind.

Wie ist das möglich, dass die türkischen Sicherheitskräfte innerhalb von drei stunden die Identität des Attentäters ermitteln konnten?

Die am Tatort sichergestellte Beweisstücke, die dem Täter zugeordnet wurden, ergaben, dass am 5. Januar als Flüchtling registrierter und erkennungsdienstlich behandelter Nabil Fadli der Selbstmordattentäter ist. Da mittlerweile auch der Kontakt zu seiner in Syrien lebende Familie hergestellt ist, dürfte über die Identität des Täters und über seine Verbindung zu IS keine Zweifel mehr bestehen.

Wem galt der Anschlag?

Natürlich in erster Linie der Türkei. Strittig ist, ob der Täter die deutsche Gruppe gezielt ausgesucht hat oder dass es eher ein unglücklicher Zufall war. Vieles spräche dafür, dass es eher ein Zufall war, wenn der Täter tatsächlich im Auftrag des IS gehandelt hat. Einige Aspekte deuten allerdings auf eine sehr professionelle Vorbereitung des Anschlages hin. In diesem Fall müsste man annehmen, dass der Anschlag die Türkei, aber auch Deutschland treffen sollte.

Wer steckt dahinter?

Nach der offiziellen Version nach Erdogan ist der IS für den Anschlag verantwortlich. Nach Davutluoglu existieren neben dem IS, sozusagen "hinter dem Vorhang" noch einige andere Akteure. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, möchte nicht ausschließen, dass hinter diesem feigen Anschlag womöglich andere Terrororganisationen, wie die PKK oder DHKP-C, stecken könnte. Verkehrte Welt! Von Erdogan hätte man erwartet, dass er in erster Linie die PKK verdächtigt. Die BND hat noch keine Meinung oder teilt sie der Öffentlichkeit noch nicht mit, obwohl sie eigentlich immer sehr geschwätzig sind und über alles mögliche eine Stellungnahme abgeben.

Wer war Nabil Fadli?

Durch die Rückverfolgung von Signaldaten eines Mobiltelefons, das dem Täter zugeordnet wurde, weiß man heute, dass das erste Lebenszeichen des Täters zum ersten Mal am 18. Dezember aus Sanliurfa kam, eine Stadt im südosten der Türkei, in ca. 50 km Entfernung zur syrischen Grenze. Desweiteren weißt man, dass er anschließend in Ankara war und kurz nach Silvester, nachdem zwei möglice IS-Selbstmörder verhaftet wurden (die Münchener-Aktion in der Silvesternacht wird auf diese Verhaftung zurückgeführt), fährt der Täter nach Istanbul und lässt sich dort am 5. Januer freiwillig registrieren, um eine Woche später dann sich und 11 anderen Menschen das Leben zu nehmen. Hätte er sich nicht registrieren lassen, hätte man nie erfahren können, dass der Selbstmörder Nabil Fadli ist. Denn nach Auskunft seiner Familie hätten die IS-Verantwortlichen der Familie vor einem Jahr mitgeteilt, dass der Sohn im Kampf um Kobane getötet wurde. Er galt also als Tod.

Fragen, die übrig bleiben und stutzig machen

Ein Präsident, der sich sofort auf den IS festlegt. Ein Selbstmörder, der sich freiwillig registrieren läßt und uns mitteilt, wer er ist. Ein Handy, mit dessen Benutzer der Selbstmörder telefoniert und das nachweislich gesichert und belastbar als Gestohlen gemeldet ist. Eine Stadt, aus der sich der Täter zum ersten Mal meldet und die von durch PKK-PYD kontrollierter Region Syrien´s nur 50 km entfernt ist. Und ein türkischer Journalist syrischer Abstammung, dem eine enge Nähe zu Assad´s Regime nachgesagt wird und der mit dem Selbstmörder verwandt ist.

Die Antwort auf all diese Fragen könnte in der Erklärung liegen, warum Erdogan sich so zeitig auf den IS festgelegt hat. Wenn in den nächsten ein paar Tagen keine große offensive gegen den IS in Syrien gestartet wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Grund für Erdogan´s Festlegung auf den IS, mit Rußland/Iran/Assad etwas zu tun hat. Und in diesem Fall könnten wir sicher sein, dass die deutschen Touristen nicht zufällig gestorben sind.

Und wenn das alles nicht stimmt?

Wenn all diese Informationen nicht stimmen, wenn es nicht stimmt, dass der Täter sich registrieren ließ, dass er in Sanliurfa war oder gar dass er nicht die angegebene Person ist und das alles nur eine Erfindung der türkischen Sicherheitskräfte ist? Tja, dann müssten wir annehmen, dass die Türkei Deutschland und hier insbesonders Angela Merkel schaden will. In Anbetracht der Tatsache, dass nächste Woche die erste gemeinsame Regierungskonsultation in Berlin stattfinden soll, eine sehr unwahrscheinliche Annahme. Fakt ist, dass theoretisch alles, was bisher bekannt wurde, in Frage gestellt werden kann. Dass Erdogan sich sofort auf den IS festgelegt hat, jedoch nicht. Und das ist der Schlüssel zu dem, was dahinter steckt.

18:37 15.01.2016
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