Merkel: Wir schaffen das!

Integration Dass wir die Menschen, die schon in der fünften Generation in diesem Land leben, mit dem Etikett "Migrationshintergrund" versehen, lässt Zweifel daran entstehen.
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In der Bundesrepublik Deutschland leben 82 Millionen Menschen. Frauen, Männer, Kinder und Erwachsene. Sie leben, sie arbeiten und sie sterben in Deutschland.

Wir, das sind 82 Millionen Menschen, wenn Wir uns über das Land, in dem wir alle zusammen leben, definieren wollen.

Wir, das sind 66 Millionen Wessis und 16 Millionen Ossis, wenn Wir uns über die Teilung Deutschlands definieren wollen.

Wir, das sind 40 Millionen Männer und 42 Millionen Frauen, wenn Wir uns über das Geschlecht definieren wollen.

Wir, das sind 60 Millionen Christen, 6 Millionen Muslime, 150 Tausend Juden und Mitglieder nichterfasster Religionsgemeinschaften und Menschen, die gar keiner Religion angehören, wenn Wir uns über die Religion definieren wollen.

Wir, das sind 75 Millionen Deutsche und 7 Millionen Nichtdeutsche, wenn wir uns über die Staatsbürgerschaft definieren wollen.

Und Wir, das sind 66 Millionen Deutsche und 16 Millionen Ausländer oder wie sie neuerdings genannt werden, Personen mit Migrationshintergrund, wenn Wir uns über das Blut bzw. über die Herkunft definieren wollen.

Also, wen meint Frau Merkel, wenn sie sagt, Wir schaffen das? Wer sind Wir und ist Deutschland wirklich ein Einwanderungsland?

Verstehen wir unter einem Einwanderungsland ein Land, das durch gezielte und geplante Maßnahmen Einwanderung nicht nur ermöglicht, sondern sie auch steuert, ist die Antwort ein dickes Nein, Deutschland ist kein Einwanderungsland. Verstehen wir jedoch unter einem Einwanderungsland ein Land, dessen Bevölkerung sich wesentlich aus Ureinwohnern und Einwanderern zusammensetzt, so müssen wir die obige Frage mit Ja beantworten, Deutschland ist ein Einwanderungsland. Allerdings mit einem Schönheitsfehler. Denn nur ein vernachlässigbar kleiner Anteil der Menschen, die in Deutschland als Einwanderer gelten, sind auch tatsächlich Einwanderer. Denn Einwanderer sind per Definition Menschen, die ihre bisherigen Wohnorte mit der Absicht verlassen haben, um sich an einem anderen Ort dauerhaft niederzulassen. Die große Mehrheit von heutigen Deutschen und Nichtdeutschen, die in den Sechzigern und frühen Siebzigern hierher kamen, sind jedoch nicht mit der Absicht gekommen, um sich in Deutschland dauerhaft niederzulassen und ein neues Leben zu beginnen. Sie sind alle fast ausnahmslos hier hängengeblieben. Hängengeblieben in und an Deutschland. Wir haben also keine Einwanderer in Deutschland, sondern fast nur Hängengebliebene. Das ist insofern wichtig, weil man von Menschen, die bewusst in ein anderes Land einwandern, um dort ein neues Leben anzufangen, einiges erwarten kann, wie z. B. dass sie mit der dortigen Gesellschaft kompatibel sind und dass sie sich mit ihrem neuen Land identifizieren. Nicht bzw. nur bedingt können diese jedoch bei Menschen vorausgesetzt werden, die nur wegen ihrer Einfachheit und Arbeitsfähigkeit ausgesucht, ins Land geholt und ihrem Schicksaal überlassen wurden. Schleichend, eher unbemerkt sind sie, die Generation Null, kaum zu lesen oder zu schreiben mächtig, geschweige denn bereit oder gar imstande, eine offene und freizügige Gesellschaft anzunehmen, ein Teil dieses Landes geworden. Viele von ihnen sprechen heute noch die Sprache dieses Landes nicht, fühlen sich der Gesellschaft nicht zugehörig und leben in ihrer selbst geschaffenen Welt.

Schaden sie der Gesellschaft, gefährden sie deswegen den inneren Frieden in Deutschland? Wohl kaum, ganz im Gegenteil. Sie haben ihren Beitragfür dieses Land geleistet, zumindest die größte Teil von ihnen. Fast alle, die heute öffentliche Ämter bekleiden, die in der Film, Kunst und Musik Szene einen Namen haben, als Wissenschaftler in der Forschung und Entwicklung tätig sind, als Mediziner Menschenleben retten, als Juristen das Recht verteidigen, als Sportler Deutschland vertreten oder als ganz normale Menschen ihrer Arbeit nachgehen und ihre Kinder erziehen, sind Nachkommen der Generation Null. Sie haben das ganz alleine geschafft, das ist ihr Verdienst. Niemand hat ihnen dabei geholfen, sie gefördert oder gar unterstützt. Entgegen aller Ressentiments, entgegen aller Anfeindungen, entgegen aller Diskriminierungen, ja auch entgegen allen gewalttätigen Übergriffen und Brandanschlägen, haben sie dafür gesorgt, dass ihre Kinder die Chance ergreifen, aus ihrem Leben etwas machen und ein Vollmitglied dieser Gesellschaft werden. Deutschland ist diesen Frauen und Männern zu Dank verpflichtet! Nun passiert etwas sehr merkwürdiges. Statt Achtung vor der Leistung dieser Menschen zu haben und sie zu loben, übersieht man sie einfach und reduziert das Zusammenleben auf diejenigen, die es nicht geschafft haben, sei es aus Unfähigkeit, sei es aus ideologischen Gründen, ein Teil dieses Landes zu werden.“Parallelgesellschaften gefährden unsere Demokratie“ oder „Türken sind nicht integrationsfähig“, heißt es dann. Nach dieser Logik, müsste man, wenn man mit gleichen Maßstäben argumentieren wollte, Deutschland bescheinigen, nach 70 Jahren nationalsozialistischer Herrschaft immer noch ein faschistisches Land zu sein! Denn der Anteil derer, die das rechte Gedankengut, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit in sich tragen, beträgt nach allen Untersuchungen 10-15%. Der Anteil der Einwanderer, die sich der deutschen Gesellschaft verweigern, wird ebenso auf 10-15% geschätzt.

Wenn man versucht, zu erklären, warum die Verweigerer in den Reihen der Einwanderer in den Fokus gerückt, in den Reihen der Einheimischen aber gerne verharmlost und kleingeredet werden, gelangt man unweigerlich zu dem Erkenntnis, dass die Mehrheit der deutschen Journalisten einem Wir nachhängen, in dem für Einwanderer kein Platz ist.

Wir, für die Presse im erweiterten Sinne in Deutschland sind die Einheimischen. In seinem Kommentar "Rassismus beginnt in den Köpfen – Zum Beispiel bei den Journalisten“ schrieb Daniel Bax vor einigen Jahren für die Tageszeitung, dass „ …nach dem Schock von "Zwickau" wäre es doch immerhin denkbar gewesen, dass sich ein paar Journalisten nun stärker den eigenen Vorurteilen stellen, die ihren Blick auf die Welt und ihre Berichterstattung bisher getrübt haben. Doch von einer vergleichbaren Bestürzung, Selbstbefragung, ja gar Selbstkritik wie bei Politikern und Sicherheitsbehörden fehlt bei den meisten Medien bislang fast jede Spur“.

Ja, Frau Merkel, wir schaffen das. Wir schaffen es, die Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen zu helfen, ein gleichberechtigter Teil dieser offenen Gesellschaft zu werden. Allerdings nur dann, wenn wir uns über die Zugehörigkeit zu diesem wunderbaren Land definieren und nicht übers Blut, nicht über die Herkunft und nicht über die Religion. Dass 10 bis 15% der Bevölkerung dieser Identifizierung nicht folgen, gefährdet den Prozess der Zusammenführung nicht. Gefährlich wird es nur, wenn die Multiplikatoren der Gesellschaft weiterhin einem falschen Wir nachhängen.

10:58 10.09.2015
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